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Da wartet man wochenlang auf einen Interviewtermin via Telefon mit Bassist Tom Hamilton, und dann das: Die frohe Kunde kommt kurzfristig und mit Macht: Aerosmith sind in München! Die ganze Band! Bei der Pressekonferenz zeigen sich die Herrschaften um Wirbelwind Steven Tyler ausgeruht und locker.
Und wie kam es nun eigentlich zu diesem überraschenden Besuch in der deutschen Weißwurstmetropole? "Wir sind hier seit einigen Tagen dabei, einen Beitrag für MTV Europe abzudrehen, außerdem proben wir für unser neues Video", erklärt Tyler. "Tja, und wir dachten uns, wenn wir schon mal hier sind, können wir gleich einen Club-Gig spielen und eine Pressekonferenz geben." Freundlich und mit sarkastischem Unterton beantworten die Bostoner Bad Boys dann auch die teilweise wirklich dämlichen Fragen der in der Halle versammelten Hundertschaft aus Journalisten und eigens angereisten Fanclubs aus ganz Europa. Kostprobe gefällig? "Wie schafft ihr es, von Jahr zu Jahr jünger auszusehen?" Antwort Tyler: "'Cause we're in love." Dumme Frage, dumme Antwort. Die Adresse seines Schönheitschirurgen möchte der Mann offensichtlich nicht bekanntgeben. Aber was kann man den Urviechern des Rock'n'Roll, die wahrscheinlich schon alles gefragt worden sind, was es zu fragen gibt, in dreißig Minuten, die uns freundlicherweise gegönnt werden, schon Tiefgründiges an den Kopf werfen? Eigentlich gäbe es da jede Menge: Zum Beispiel was das Gespann Tyler/Perry geritten hat, eine CD mit dem Papst (!) aufzunehmen, wo gerade die beiden Herrschaften wohl schon fast jedes der zehn Gebote gleich mehrmals gebrochen haben und die katholische Kirche bekanntlich nicht so dolle auf Rockmusik, "Love In An Elevator" und Angehörige der jüdischen Konfession steht. |
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Der italienische Aerosmith-Fanclub ist vollzählig anwesend (bemerkenswert: Der Leiter dieses Fanclubs ist eine Eins-zu-eins-Tyler-Kopie mit offensichtlich operierter Fresse, und seine Begleitung - auch operiert - sieht aus wie Stevens Frau Teresa, was den Frontmann einen Augenblick aus der Fassung bringt, als dieser Typ Aerosmith als seinen Lebenszweck angibt), und die Fans scheinen sich für andere Dinge zu interessieren: Ein Mensch aus der Menge möchte wissen, warum Aerosmith die pessimistischen Grundtendenzen der Bands aus dem Alternative-Bereich nicht aufgreifen. Warum die Band denn nicht "pissed" wäre? Joe Perry kontert lässig: "Ich war nie so sauer auf meine Eltern, daß ich das Gefühl hatte, ich müßte mir Metallringe durch die Nase stechen und aller Welt mitteilen, wie blöd ich bin." Und Tom Hamilton setzt noch eins drauf: "Vielleicht sollten diese Leute ihren Ärger besser dadurch kompensieren, daß sie sich einen Job suchen und arbeiten gehen."
Klare Aussagen, die durch ihre Ehrlichkeit bestechen. (Anm.: Und durch ihren deutlichen Konservatismus stutzen machen. - Der Red.) Angst davor, irgendwo anzuecken, haben Aerosmith mit Sicherheit nicht. Aber beeindrucken kann man sie noch: "Als wir kürzlich in die Rock'n'Roll Hall Of Fame aufgenommen wurden, wurde mir ganz anders", sagt Joe Perry. "Nach all den Jahren ist das wie das Licht am Ende des Tunnels, du bist auf der Spitze vom Fahnenmast", fügt Steven hinzu, und Joey Kramer präzisiert: "Da sind Bands wie Led Zeppelin dabei, mit denen wir aufgewachsen sind und die uns inspiriert haben, und plötzlich gehören wir auch dazu - das ist schon irre, das ist mehr als ein Traum, der wahr geworden ist." Das neue Album "Just Push Play" ist auf Platz zwei der amerikanischen Albumcharts. Tylers Kommentar: "Ja, das ist nett. Nummer eins wäre zwar besser gewesen, aber so ist es auch recht." Danke, Steven. Understatement war eben noch nie eine der Stärken des Aerosmith-Frontmannes. Vor allem, wenn man bedenkt, daß dies der höchste Charteinstieg ist, den die Band jemals hatte. "Outta Your Head" heißt bezeichnenderweise einer der Titel auf dem aktuellen Silberling. "Das ist ein Song über mein Leben", gibt Steven dann auch an, "ich war dort, ich weiß, wie es jenseits meines Verstandes aussieht, das kannst du mir glauben." Das tun wir auch. Nicht von ungefähr galten Tyler und Perry in den Siebzigern als "Toxic Twins", weil sie sich die Drogen einfuhren, wie sie ihnen unter die Finger kamen. Außerdem genügt ein Blick auf Herrn Tylers Outfits, die Joe Perry einst mit den Worten "der Typ scheint sich nur im Dunkeln anzuziehen" kommentierte. |
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![]() Steve & Joe |
Jedenfalls klingen "Outta Your Head" und "Drop Dead Gorgeous" vom aktuellen Album sehr modern, erinnern einen Journalisten an Run DMC oder Limp Bizkit: "Ja, da haben wir wieder mal etwas rumexperimentiert", meint Großmaul Tyler, "die Worte kamen einfach wie ein Maschinengewehrfeuer, das haben wir dann so gelassen, es war einfach die Stimmung dazu da, der Rap, der Flow. Wir haben immer schon mit Rap-Elementen gearbeitet, wie man ja auch an 'Walk This Way' sehen kann." Tom Hamilton fällt ein: "Da kommen jetzt bestimmt wieder Leute, die sagen, das klingt doch gar nicht nach Aerosmith, das klingt nach den Smashing Pumpkins. Dann fragen wir die Smashing Pumpkins, wie sie auf diesen oder jenen Song gekommen sind, und die sagen uns dann: Wir haben einen Song von euch angehört, den ihr vor einigen Jahren gemacht habt. - So schließt sich der Kreis. Was wir machen, hört sich immer noch an wie Aerosmith. Musik ist keine Religion, du kannst im Grunde machen, was immer du willst; das ist auch einer der Gründe, warum wir diesmal auf einen Produzenten verzichtet haben, der uns gesagt hätte: Nein, nein, nein, das könnt ihr nicht machen, das klingt doch nicht wie Aerosmith." In der Tat ist "Just Push Play" das erste Aerosmith-Album, das komplett von der Band selbst produziert und in den eigenen Boneyard-Studios in Boston aufgenommen wurde. War das nun auch der logische Schluß nach den Querelen mit Produzent Kevin Shirley bei den Aufnahmen zum letzten Album "Nine Lives" und dem Ärger mit der Plattenfirma, welche die Gruppe nach dem Anhören der Aufnahmen postwendend ins Studio zurückgeschickt hatte? "Wir hatten einfach zu Hause angefangen, Songs zu schreiben und alles aufzunehmen", beschreibt Steven, "diese Aufnahmen waren als Demo gedacht. Wir wollten einfach das Erlebnis wieder haben, wie es früher war, als wir Songs komponiert haben. Dadurch entstand dann eine irre Kreativität, und wir haben einfach so weitergemacht. Innerhalb von zwei Monaten hatten wir schon vier oder fünf Songs komplett fertig." |
Text Interview: Birgit Bräckle
Live-Pic: HMI
Internet-Text: Sven Lohnert

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