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Vincent Damon Furnier führt seit Anbeginn seiner musikalischen Karriere ein mehr als dubioses Doppelleben. Er kreierte die Bühnenfigur Alice Cooper, die in den folgenden Jahrzehnten die ganze Welt schocken sollte. Alice wendet sich auf seinen Alben und noch viel mehr auf der Bühne den dunklen Seiten der Menschheit zu und bringt diverse kontroverse Themen direkt auf den Punkt.
"Welcome To My Nightmare" war die bekannteste Horror Rock'n'Roll Show, die es zur damaligen Zeit zu bewundern gab. Alice Cooper war plötzlich als neuer Held geboren, und eine ganze Generation von Musikfreaks huldigt seither dem Meister. Ich sah Alice aber erst bei seiner überragenden "Trashes The World"-Tour 1989 zum ersten Mal live und war ebenfalls gleich hin und weg. Die Show, die musikalisch unter anderem von Al Pitrelli (früher Savatage, jetzt bei Megadave) und dem Weltklasse-Drummer Jonathan Mover (unter anderem Joe Satriani Band) gestaltet wurde, war gespickt mit faszinierenden Showeffekten und Überraschungen. Und wer kennt nicht das berühmte Fallbeil, das Alice den Kopf abschlägt? |
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Nach dem eher mäßigen Album "The Last Temptation" 1994 wurde es um Alice eine Zeitlang still, und außer Best-Of-Scheiben kam nichts wirklich Neues auf den Markt. Nach dieser längeren Durststrecke und Sendepause war es dann im Jahr 2000 endlich soweit: Ein wirklich neues Werk des Meisters mit dem mehr als realistischen Titel "Brutal Planet" erblickte das (Laser)Licht der CD-Player-Welt. Mit dieser Scheibe stieß er allen vor den Kopf, denn die Texte handelten nicht von irgendwelchen theoretischen und imaginären Horrorspektakeln, sondern von den alltäglichen und leider durchaus realen Grausamkeiten auf unserem ach so schönen Planeten Erde. Auf seine eigene zynische Art und Weise machte Alice uns deutlich, in welchem dekadenten Zustand sich die Menschheit bereits befindet.
Viele machten Alice den Vorwurf, daß er doch ein bißchen übertreibe mit seinen Visionen. Doch seine Schreckensbilder wurden durch die Realität noch um ein Vielfaches übertroffen. Am 11. September 2001 stand die Welt still, und alle halbwegs normal denkenden Menschen sahen fassungslos über den Ozean auf die abgrundtief grausamen Geschehnisse, die sich in New York und Washington abspielten. Auf diesem "Brutal Planet" geht es noch um ein Vielfaches brutaler zu, als Alice sich das jemals ausmalen hätte können. Das Interview zum neuen Album "Dragontown" findet ein paar Tage nach dem Anschlag von New York und Washington statt, und so ist auch Alice noch hörbar geschockt. Mit "Brutal Planet" hat er ja bereits seine finsteren und pessimistischen, aber durchaus realen Geschichten aufgezeigt. Waren diese furchtbaren Ereignisse genau das, vor dem uns Alice letztes Jahr schon mit "Brutal Planet" gewarnt hatte? Sogar der Meister sämtlicher Horrorszenarien wird da etwas ruhiger und nachdenklich. |
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![]() die "alten" Demon |
"Das, was an diesem 11. September geschehen ist, konnte sich vorher kein Mensch wirklich vorstellen. Wenn ich aber diese Ereignisse so im nachhinein betrachte, dann bin ich natürlich auch ein bißchen froh darüber, daß 'Brutal Planet' letztes Jahr veröffentlicht wurde. Jetzt nach diesem Crash würden alle bloß denken, Alice Cooper würde bereits geschehene Ereignisse nacherzählen. Mein erster Gedanke, der mir durch den Kopf schoß, als ich die ersten Bilder aus New York sah, war auch auf 'Brutal Planet' bezogen. Oh, mein Gott, die Prophezeiungen, die ich damit ganz schwarz an die Wand gemalt habe, sind wahr geworden, und das noch um ein Vielfaches schlimmer. Und genau dieser 11. September müßte doch auch dem letzten Zweifler auf dieser zivilisierten Welt gezeigt haben, wie brutal es auf unserem Planeten in Wirklichkeit zugeht und wie verzweifelt die Lage mittlerweile schon ist. Die Welt steht meiner Meinung nach momentan auf des Messers Schneide. Sie kann jeden Moment auseinanderfallen. Ich will absolut kein Kapital aus der Katastrophe schlagen oder mich jetzt als Prophet brüsten, aber auf gewisse Weise ist 'Brutal Planet' an diesem Tag wahr geworden. Ich denke, daß dieser Typ, der das alles zu verantworten hat, nicht nur für Amerika und das amerikanische Volk gefährlich ist, sondern für die gesamte Menschheit. Davor darf niemand auf dieser Welt seine Augen verschließen. Wir Amerikaner danken allen für die Anteilnahme, das gilt natürlich vor allem auch euch in Deutschland. Gerade in Deutschland leben ja viele amerikanische Soldaten und deren Angehörige. Jeder weiß, daß so ein brutaler Anschlag auch jederzeit in Europa erfolgen kann, davor ist letztlich kein Land sicher. Sie haben sich das World Trade Center ganz gezielt ausgesucht, weil es eben das Symbol unserer mächtigen Wirtschaft ist. Amerika befindet sich momentan in einer Lethargie, die bestimmt noch Monate andauern wird. Es wird zwar sehr lange dauern, bis der Verantwortliche für diese feige Tat gefunden ist, aber wir kriegen ihn, verlaß dich drauf. Wenn ich jetzt an 'Brutal Planet' zurückdenke und Songs wie 'Pick Up The Bones' höre, dann muß ich auch an die Aufräumarbeiten in New York City denken. Aber auch mit 'Dragontown' mache ich deutlich, wie schon auf 'Brutal Planet', daß es sich nicht ausschließlich um politische Katastrophen handeln muß. Nein, es geht in unserer Zeit immer mehr um moralische Kämpfe und Streitigkeiten, Religionen und Weltanschauungen. Normalerweise greifen andere Staaten einen amerikanischen Militärstützpunkt, ein Kampfflugzeug oder ein Kriegsschiff an. Doch diese Anschläge richteten sich gegen ganz normale Amerikaner, die wie jeden Tag üblich bei ihrer Arbeit saßen, um ihre Brötchen zu verdienen, damit sie für ihre Familien sorgen konnten. Das ist für mich ein rein moralischer Mord gewesen! Genau über dieses Thema habe ich schon auf 'Brutal Planet' einige Songs geschrieben. Wir müssen jeden Tag auf eine ganz bestimmte Art und Weise wichtige moralische Entscheidungen treffen, das begegnet uns ständig. Was dann schließlich am Ende dabei herauskommt und ob diese Entscheidung dann auch wirklich gut war, das muß sich hinterher zeigen. Wir werden für alle unsere getroffenen Entscheidungen auch irgendwann bezahlen müssen, egal ob diese nun tatsächlich gut oder schlecht waren."
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Aber nun zum neuen Album "Dragontown". Für die Fertigstellung dieses brandneuen Materials benötigte Alice Cooper gerade einmal fünfzehn Monate, was im Vergleich zu den früheren Wartezeiten fast schon rekordverdächtig erscheint. Seit Anfang Oktober dieses Jahres serviert er uns also erneut die düstere und wiederum pessimistische Sichtweise unserer Welt. Und jetzt nach dem 11. September 2001 haben die Songs auf "Dragontown" auch eine ganz neue Aussage erlangt.
"Es war eigentlich sehr leicht für mich, die neuen Songs so schnell zu schreiben. Als ich die Tracks für 'Brutal Planet' fertiggeschrieben hatte, merkte ich plötzlich, daß ich nicht alle Themen abgedeckt hatte, die ich ursprünglich auf der Platte behandeln wollte. So begann ich also sofort wieder mit dem Schreiben für 'Dragontown', um sozusagen 'Brutal Planet' auch ganz abschließen zu können. 'Dragontown' kannst du also als 'Brutal Planet Teil 2' verstehen. Diese beiden Alben gehören unmittelbar zusammen, ich würde sogar behaupten, daß es sich um ein zusammenhängendes Stück Musik handelt. Wenn mich jemand nach einer dieser zwei Scheiben fragt, dann werde ich zukünftig unweigerlich auch das andere Album erwähnen." Ich habe des öfteren gelesen, daß du mit der 1994 veröffentlichten Scheibe "The Last Temptation" bereits den ersten Teil einer Trilogie begonnen habest, der sich mit "Brutal Planet" fortsetzte und jetzt in "Dragontown" seinen Höhepunkt finde. Textlich liegen aber doch Welten zwischen dem Comic-Album "The Last Temptation" und den beiden folgenden Scheiben, oder ist das so beabsichtigt? "Viele Leute im Business verbreiten diese Theorie von einer Trilogie, die ich jetzt mit 'Dragontown' abgeschlossen hätte. Aber 'The Last Temptation' paßt thematisch überhaupt nicht ins Konzept der nachfolgenden Scheiben. Da sehe ich noch viel eher die Chancen, daß es einen dritten Teil von 'Brutal Planet' geben kann, aber darüber bin ich mir auch noch nicht im klaren. Das wird sich erst in den nächsten Monaten zeigen müssen. Aber mit einer Trilogie hat 'The Last Temptation' nichts zu tun." |
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Musikalisch ist "Dragontown" zwar wiederum sehr modern ausgefallen, doch behält sich Alice einen gewissen Bezug zu alten Zeiten vor. Gerade der Song "It's Much Too Late" erinnert mich dabei an das obercoole und tiefzynische "Pain" aus der "Flush The Fashion"-Ära. Alice hat zu den neuen Songs auch einiges zu berichten.
"Ich glaube an eine richtige Hölle, die schließlich die bösen Menschen erwartet. Bei 'Dragontown' geht es aber um die fiktive Hölle von Alice. Er sitzt dort unten mit all den anderen Rockstars. Wenn ich so Geschichten höre, daß ein Rock'n'Roll-Star in den Rock'n'Roll-Himmel kommt, wenn er stirbt, dann kann ich nur lachen. Das kann ich beim besten Willen nicht glauben. Egal ob Elvis, Jim Morrison oder Kurt Cobain, sie sind bestimmt nicht im Himmel, sondern in 'Dragontown', wo Alice die Leute hinschicken würde. Das von dir angesprochene "It's Much Too Late" ist eine Hommage an John Lennon. Ich habe bestimmte Songs auf bereits verstorbene Rockstars bezogen. 'Dragontown' ist Jim Morrison gewidmet, und 'Disgraceland' ist ein echter Elvis-Song. Die Aufnahmen zu diesem Stück haben mir einen riesigen Spaß bereitet. Neben meinem Studio hat zur selben Zeit Paul McCartney aufgenommen, und als ich 'Disgraceland' einspielte, kam er herüber, weil er den Song nur noch gut fand. Ich kenne Paul schon sehr lange, und eigentlich wollte ich, daß er diese Elvis-Stimme einsingt. Aber ich habe dann eingesehen, daß ich das doch ein bißchen besser hinbekomme als Paul, hehe." Bei der anstehenden Tour werden die Fans dann auch visuell wieder ins Reich des Alice Cooper entführt werden, oder? "Wir starten unsere Tour Ende September in Las Vegas, und wir bieten unseren Fans eine brandneue Show. Es ist sozusagen das nächste Level von 'Brutal Planet'." |
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Eine Alice Cooper-Show ist der absolute Garant für Mystik und kontrollierten Grusel, verbunden mit Alpträumen, aus denen man am Ende der Show mit alten Alice-Klassikern rechtzeitig geweckt wird, bevor es zurück in die gnadenlose reale Welt geht. Da sich der Meister nun schon seit sehr langer Zeit auf den Bühnen der Welt präsentiert und stets einige neue Showelemente aufzuweisen hat, fragt sich der Hobbyzauberer Klaner, wie lange das Repertoire von Alice denn noch halten wird? Ich erinnere mich an das Treffen mit ihm letztes Jahr zur Veröffentlichung von "Brutal Planet", als ich Alice nach einem ganz bestimmten Trick aus seiner "Fistful Of Alice"-Show fragte. Dort wurde er nämlich auf der Bühne in einen Wandschrank gesperrt und verwandelte sich dann vor den Augen des Publikums plötzlich in einen Clown - ein total irrer Gag, der mich tage- und nächtelang beschäftigt hatte.
Doch von Alice bekam ich damals die knochentrockene Antwort auf die Frage nach der Enthüllung dieses Tricks: "Wenn ich dir diesen oder irgendeinen anderen Trick jetzt und hier verrate und erkläre, dann wirst du wohl dieses Zimmer nie wieder lebend verlassen dürfen, hehe." Wer meinen todesmutigen Einsatz für das Break Out kennt, weiß auch, für was ich mich damals letztlich entschieden habe. So denke ich immer noch darüber nach, wie sich Alice damals wohl selbst "zum Clown gemacht" hat. |
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Es liegt nahe, daß sich alle Alice Cooper-Fans freuen würden, wenn er auch auf der Kinoleinwand vermehrt zu sehen sein könnte. Er hatte ja bereits einige überragende Auftritte in Kinofilmen wie in "Wayne's World" oder als "Prince Of Darkness", nicht zu vergessen den hierzulande bloß auf Video erschienenen Werwolf-Streifen "Monster Dog". Hat Alice nicht richtig Lust darauf, wie es etwa Mr. Fucking Dee Snider von Twisted Sister vorgemacht hat, ein richtiges Drehbuch zu schreiben oder sogar eine eigene TV-Serie zu inszenieren?
"Nein, eigentlich denke ich momentan nicht an solche Dinge, wenn ich ganz ehrlich bin. Meine Kinoauftritte waren alle ganz okay, aber so richtig gut war das alles auch nicht, schätze ich. Außerdem mache ich immer noch Musik, weil ich noch sehr viel Spaß an meiner Arbeit habe. In ein Studio zu gehen und ein neues Album aufnehmen, ist genauso schön, wie daran anschließend auf der Bühne den Menschen den Spiegel vor die Nase zu halten; das ist es, was ich wirklich machen will. Ich glaube nicht, daß eine mögliche Filmkarriere vor meinem 60. oder 65. Lebensjahr beginnen wird. Dann habe ich vielleicht ein bißchen mehr Zeit, hehe. Auch ich habe mittlerweile meinen ganz bestimmten Tagesablauf, und während viele eben morgens erst mal eine Stunde durch den Park joggen, spiele ich eine gemütliche Runde Golf. Das ist für mich die beste Möglichkeit, um den Kopf ein bißchen freizubekommen und mich gleichzeitig an der frischen Luft zu bewegen. Das geht aber nicht soweit, daß ich nicht mehr ohne Golfspielen leben könnte, keine Sorge." Letztes Jahr erzählte er mir in München noch freudestrahlend von einer Begegnung der "smarten" Art. Alice war auf den Geschmack gekommen und konnte nicht mehr aufhören, es zu tun. Nein, es ging nicht darum, lästige Pressemenschen zu quälen (obwohl das manchmal sehr nett anzuschauen wäre): Alice hatte sich diesen "smarten" kleinen Stadtparker mit dem Stern (wird auch als Auto verkauft!) von der Autovermietung geliehen, und da es dieses Gefährt in den Staaten nicht gibt, wollte er unbedingt eins mit nach Hause nehmen. Und hat er? "Nein, das hat leider nicht geklappt, und deshalb bin ich immer noch ganz geknickt. Nachdem ich dieses Auto einen ganzen Tag in München durch die Stadt gejagt hatte, wollte ich mir eins kaufen und tatsächlich mitnehmen. Doch da gab es erhebliche Probleme mit dem Transport in die USA, mit dem Zoll und so Sachen. Das war schade, aber wenn ich könnte, würde ich mir diesen Wagen sofort rüberholen." |
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Text Interview: Chris Glaub
Live-Pics: Daniela Dreher
Internet-Text: Sven Lohnert

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