ANNIHILATOR
Frauen, Bier und Zigaretten


JEFF WATERS
"Wenn ich stoned, betrunken und vollgedröhnt gewesen wäre, hätte ich mich daran erinnert", witzelt Jeff Waters laut prustend und entschuldigt sich damit charmant, daß er den am Abend zuvor angesetzten Interviewtermin verschwitzt hat. Der Ober-Annihilator ist bester Laune - und das ist nicht verwunderlich, denn Studioalbum Numero zehn mit dem Titel "All For You" ist im Kasten und offenbart erneut richtige Killerqualitäten.

Doch woher bekommt Waters den Energieschub, um seinen Songs das nötige Quentchen an Wut zu verpassen?

"Es muß nicht Wut auf eine bestimmte Person sein, sondern kann auch eine Enttäuschung oder ganz einfach Aggression sein. Anstatt diesen Ärger mit Alkohol oder Drogen zu bekämpfen oder gar jemanden anzugreifen, habe ich das große Glück, die angestaute Wut durch das Schreiben von Songs abbauen zu können. Wenn ich ein Problem habe, versaue ich dadurch nicht meinem Sohn den Tag, sondern lächle ihn an und gehe dann ins Studio, schnappe mir meine Gitarre und spiele, so schnell ich kann. So baue ich die ganze Anspannung wieder ab."

Während die letzten beiden Annihilator-Studio-Outputs ohne Kompromisse in die vollen gingen, zeichnet sich "All For You" durch ein wesentlich differenzierteres und im Detail ausgefeilteres Songwriting aus, was den Silberrundling enorm vielfältig macht.

"Für mich wäre 'All For You' eigentlich die logische dritte Annihilator-CD nach 'Alice in Hell' und 'Never Neverland', jedenfalls von Sound und Songwriting her. Die beiden Balladen darauf sind die ersten beiden sehr melodischen Songs, die ich seit langer Zeit auf ein Album gepackt habe. Bei den letzten drei Scheiben habe ich das schlicht und einfach aufgrund unseres Sängers vermieden. Joe Comeau war wirklich ein toller Heavy-Metal-Sänger, der in der Tradition von Dickinson oder Halford stand, aber seit 1993 hatte ich keinen Sänger mehr, der melodische Songs und Balladen hätte singen können. Jetzt, da Dave Padden in der Band ist, gibt es keinen Grund mehr, derartige Songs von der CD zu verbannen. Ich hatte die Qual der Wahl, ob ich denn nun ein Heavy-Thrash-Album oder mehr eine kommerzielle Platte oder irgend etwas dazwischen machen wollte, und habe mich dann für die goldene Mitte entschieden."

Das leidige Thema "Line-up" hat der Gitarrist damit nun selbst angeschnitten. Nach den Problemen mit einem festen Besetzungsstamm befragt, antwortet Waters:

"Ich glaube, das einzige Problem bestand für die jeweiligen Labels darin, Annihilator als Band zu promoten. Das ist unsere zehnte CD, und wir haben schätzungsweise das fünfzehnte Line-up. Natürlich werden sich neue Fans immer fragen, was zur Hölle bei dieser Band nun Sache ist. Die meisten aber wissen wohl, daß es sich eigentlich um ein Soloprojekt handelt, bei dem ich versuche, die meisten Musiker so lange wie möglich in der Gruppe zu halten, aber es gibt dann verschiedene Gründe, warum sie die Band verlassen. Das ist wie im normalen Leben auch: Die einen werden gefeuert, die anderen verlassen die Firma, um anderswo für besseres Gehalt anzuheuern, wie zum Beispiel Drummer Randy Black, der beschlossen hat, bei Primal Fear einzusteigen, die ihm einfach mehr Geld geboten haben."

Der Albumtitel "All For You" klingt danach, als würde Jeff seinen Fans mit den zehn neuen Nummern ein Geschenk machen wollen, doch weit gefehlt.

"Das klingt tatsächlich so, hat aber damit gar nichts zu tun. Auf die Idee sind wir gekommen, als wir die Songtitel durchgegangen sind und uns dachten, daß dieser einen perfekten Albumtitel abgeben würde; die Fans würden denken, daß Jeff Waters ein Album nur für sie gemacht hat. Aber das ist nicht so, der Titel sollte lauten 'All For You (Fuck You)'. Das ist ein persönlicher Song, der vermitteln soll, daß der ganze Ärger, der darin steckt, dir gewidmet ist."

Den Begriff "Erfolg" definiert jeder Mensch für sich anders, er durchläuft ja im Laufe des Lebens ganz unterschiedliche Stadien.

"In den Anfangstagen von Annihilator, als die ersten beiden Alben herauskamen, ging es darum, einen Vertrag zu bekommen, Frauen abzuschleppen, sich zu besaufen und möglichst viel zu rauchen. Blonde Frauen, Bier und Zigaretten, das haben wir mit Erfolg gleichgesetzt", erinnert sich Waters. "Als ich das alles hatte, wollte ich zwei neue Gitarren, dann ein Auto. Als ich dann etwas älter und weiser wurde, bestand Erfolg darin, Reisen zu unternehmen, eine Platte herauszubringen, die den Leuten dann auch noch gefiel, so daß sie die kauften und einen über das Album ausfragten. Darüber hinaus war es toll, Anfragen für Tourneen und Festivals zu bekommen und sein Flugticket auch noch bezahlt zu kriegen. Wenn man sich mal vor Augen hält, wie viele Heavy-Metal-Bands, die 1989 Erfolg hatten, über die 90er Jahre bis ins Jahr 2004 noch aktiv sind, so ist das vielleicht gerade mal ein Prozent. Ich bin mir also durchaus bewußt, daß ich das sehr genießen sollte, denn wie viele Leute haben schon die Gelegenheit, um die Welt zu touren?"


Nur sehr wenige kommen in den Genuß, in einer exklusiven Reisegruppe von etwa acht Personen mehrere Wochen in einem Bus zu verbringen.

"Du meinst, mit stinkenden Kerlen?", lacht er lauthals los und verrät sein persönliches Patentrezept. "Ich habe meine Art, damit fertigzuwerden: Ich werde einfach der versiffteste und stinkendste von allen, so daß mir keiner mehr auf die Nerven gehen kann." (Anm.: Womit sich das Thema Frauen endgültig erledigt haben dürfte. - Der Red.)


Unser Stephan ist ja musikalisch gesehen ein ewig Gestriger und wird von einem der Redaktion als "Unbelehrbar" abgestempelt. So kam "Trueman" auf den Trichter ein Annihilator-Interview zu machen., weil: "Die anderen Interviews im Blätterwald echt nix taugen". Wenn Stephan meint...Mehr könnt im neuen Break Out 4/2004 - ab sofort druckfrisch am Kiosk oder im Bahnhofsbuchhandel nachlesen.

Text-Interview: Stephan Treu
Text Internet: Sven Lohnert



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