AVANTASIA
Die Dimension nebenan

Keine Ruhe hat sich Edguy-Frontmann Tobias Sammet in den letzten Jahren gegönnt. Anstatt Urlaub auf Hawaii oder sonstwo zu machen, hat er eine Rockoper quasi im Alleingang auf die Beine gestellt - angefangen vom Schreiben der Handlung bis hin zu den Kompositionen lag die gesamte Verantwortung auf seinen Schultern. Das Schweiß- und Herzblutvergießen hat sich aber gelohnt, denn "Avantasia" ist wirklich ein Meilenstein geworden, mit einer stattlichen Besetzungsliste an Gästen, die seine Figuren stimmlich zum Leben erwecken.

"Ich hab mich extra gestylt für dieses Telefoninterview, das ist einfach professionell", beginnt der schon am Morgen gutgelaunte und für seine spaßige Ader bekannte Edguy-Shouter unser Gespräch. "Ich stehe schließlich nicht mit strubbeligen Haaren auf und gebe dann Interviews, schließlich habe ich auch einen Ruf zu verlieren - no Business like Showbusiness, da muß man auch gut für Phoner aussehen. Ich habe auch extra die Bühnenklamotten angezogen und kann mich kaum bewegen, weil die ganzen Nieten so schwer sind und das Leder noch steif ist, aber das ist okay - darf ich die Sonnenbrille abnehmen?"

Tobias Sammet


Zunächst drängt sich die Frage auf, wie die Idee zu diesem Projekt entstanden ist und warum der umtriebige Frontmann denn überhaupt auf Solopfaden wandelt, wo "Avantasia" musikalisch doch gar nicht so weit von Edguy entfernt ist?

"Als wir uns entschieden hatten, 'Savage Poetry' neu aufzunehmen, und vorletztes Jahr auf Tour waren, ist die ganze Sache ins Rollen gekommen. Ich hatte auf Tour eine Geschichte geschrieben, weil es mir im Tourbus immer stinklangweilig ist, und auf einmal hatte ich Zeit und eine ganze Menge Songs. Ich bin jemand, der dazu neigt, große Ideen zu haben, und sie dann einfach vergißt, weil ich am nächsten Tag wieder eine neue Idee habe, so daß viele Einfälle, die eigentlich gar nicht schlecht sind, wieder unter den Tisch fallen. Also hab ich mir gesagt: Das muß gemacht werden, denn wenn du das jetzt nicht angehst, machst du es nie. Schon zu 'Vain Glory Opera'-Zeiten, als wir mit Hansi Kürsch und Timo Tolkki arbeiteten, fand ich es geil, wie zum Beispiel Hansi meine Gesangslinien interpretiert hat, und ich habe schon damals den Wunsch verspürt, eine Platte mit vielen Gastmusikern und -sängern zu machen. Daß 'Avantasia' nicht sehr weit von Edguy entfernt ist, liegt einfach daran, daß das die Musik ist, die ich machen will. Natürlich hätte ich auch krampfhaft versuchen können, in eine etwas andere Richtung abseits von Edguy zu gehen, aber das wäre unehrlich gewesen."

Schwierigkeiten, den Trennstrich zu ziehen, welche Idee denn jetzt für Edguy oder das eigene Baby Verwendung findet, hat Toby nach eigenem Bekunden überhaupt nicht, "denn es hatten sich bis zu dem Zeitpunkt, als ich mit 'Avantasia' anfing, schon eine ganze Menge Ideen angesammelt, und aufgrund der 'Savage Poetry'-Geschichte wurde ja kein neues Material für Edguy benötigt. Ich habe eine ganze Menge Ideen, die man in eine bestimmte Richtung trimmen kann, und sie dann für dieses Projekt bombastisch aufgepäppelt. Ich bin auch kein Typ, der sich Songs für ein neues Album aus dem Finger ziehen muß, sondern ich bin permanent am Schreiben, denn man macht das ja nicht, weil man muß und ein Lieferant ist, der seine Kunden pünktlich beliefern muß, sondern weil man sich hauptsächlich ausdrücken will. Ich wußte, daß bis zum nächsten Edguy-Album noch so viel Zeit ist und ich bis dahin sowieso schon wieder so viele neue Ideen gesammelt habe, so daß ich die vorliegenden problemlos für 'Avantasia' nehmen konnte."

Den etwas seltsamen Titel kann man nur schwer mit einer bestimmten Bedeutungsvorstellung verknüpfen; offensichtlich stand das Wort "Phantasie" bei seiner Bildung Pate, was Toby auf Nachfrage auch bestätigt.

"Der Titel steht eigentlich für eine in der Geschichte allgegenwärtig existentielle Geistwelt, also eine nichtmaterielle Welt, in der unsere Spirits wohnen und die in einer nicht weit entfernten Parallel-Dimension ist - und trotzdem finden sich so viele Leute nicht, obwohl es eigentlich ganz einfach ist. Das Wort habe ich aus den beiden Wörtern 'Avalon' und 'Phantasie' gebastelt, wobei Avalon die nicht materielle Welt in der Artus-Sage ist, in die man nach dem Tod hingegangen ist; und das Wort Phantasie braucht man wohl nicht näher zu erläutern, es spricht für sich. 'Avantasia' ist im Prinzip ein Land, eine Welt in meiner Geschichte."

Im Gegensatz zu Tobias scheint der Jugend heutzutage die Phantasie schon völlig abhanden gekommen sein - was wohl ein Phänomen des Zeitgeistes ist, nach dem sich die heutige Jugend immer rasanter zu einer reinen Spaßgesellschaft entwickelt, in der das Fast-Food-Entertainment zum festen Bestandteil der Unterhaltungskultur geworden ist.

"Das ist eigentlich sauschade, und manchmal ist es mir auch peinlich, Mensch zu sein, wenn ich mir so anschaue, was sonst noch so Mensch genannt wird. Ich kann wirklich nicht beurteilen, ob das schon jemals besser war; ich kriege nur mit, wie unselbständig die Jugend im allgemeinen so ist und von welchen dummen Ideen sie sich begeistern läßt."

Dies scheint eine allgemeine Generationsfrage zu sein, weil Werte, die beispielsweise für ältere Semester noch wichtig waren, scheinbar komplett verlorengegangen sind. (Anm.: Meiner Treu! Welch unerhört? Erkenntnis! Mokierte sich doch schon vor 2.700 Jahren der griechische Dichter Hesiod: 'Ich habe keine Hoffnung mehr für die Zukunft unseres Volkes, wenn sie von der leichtfertigen Jugend von heute abhängig sein sollte. Denn diese Jugend ist ohne Zweifel unerträglich, rücksichtslos und altklug. Als ich noch jung war, lehrte man uns gutes Benehmen und Respekt vor den Eltern. Aber die Jugend von heute will alles besser wissen.' - Der Red.)

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Text Interview: Stephan Treu
Internet-Text: Sven Lohnert



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