AXXIS
Der Bruch mit den Regeln

Man mag sie. Oder man kann eben nichts mit ihnen anfangen. Kaum eine Combo spaltet die Gemüter dermaßen wie Axxis. Und doch oder eben gerade deswegen kann die Kapelle inzwischen auf eine erfolgreiche Laufbahn zurückblicken. Und es ist kaum davon auszugehen, daß sich das neue Album "Time Machine" zu einem Stolperstein entwickeln könnte. Dafür enthält es einfach einen viel zu clever komprimierten Auszug aus dem bisherigen Schaffen und zudem einige Überraschungen.

Sänger Bernhard Weiss ist zwischen Weihnachten und Neujahr bei der Feier zum 20. Jubiläum der Rockfabrik Ludwigsburg trotz der späten Stunde vollkommen bei der Sache. Nicht einfach in einer Umgebung, in der sich die meisten Kollegen bereits in einem Zustand jenseits von Gut und Böse befinden.

Ich sehe das gar nicht so wild?, grübelt er, angesprochen auf sein verändertes Äußeres. Zopf und Musketierbärtchen gehören nämlich heute zum Erscheinungsbild des Sängers. Der altbekannte Weiss-Look scheint der Vergangenheit anzugehören. "Ich wollte etwas verändern. Seit fünfzehn Jahren renne ich jetzt mehr oder weniger gleich aussehend durch die Gegend. Jetzt gibt es eben eine leicht veränderte Optik, und ich muß sagen, das macht mir Spaß. Mit dem Wort Imagewechsel kann ich aber trotzdem nichts anfangen. Auf der Bühne gebe ich mich - wie auch der Rest Band - wie immer, und wir haben auch unsere musikalische Linie nicht in eine bestimmte Richtung 'korrigiert'."

Spätestens wenn der Frontmann auf der Bühne seinen Mund aufmacht, um in eine seiner typischen Ansagen einzusteigen, wird er sowieso von allen zweifelsfrei identifiziert.

"Ich habe immer versucht, den Kontakt zum Publikum aufzubauen. In den Anfängen habe ich mich dabei vielleicht ein wenig ungeschickt angestellt. Aufwärts ging es dann ab dem Punkt, an dem ich festgestellt habe, daß man mit dem Publikum immer dann am besten zurechtkommt, wenn man sich normal gibt. Seitdem labere ich mit den Leuten vor der Bühne, als wäre das die Unterhaltung mit einem Kumpel. Diese Interaktion mit dem Publikum ist das, was mich an Axxis so sehr reizt. Dieses Wissen, nicht zu wissen, was am Abend passiert. Manchmal kann es nämlich auch passieren, daß das Publikum auf meine Art nicht anspringt. Aber damit muß man dann eben leben. Geplant ist bei mir nämlich nichts."

Daran, daß diese Interaktion auch mal so richtig in die Hose ging, kann sich Bernhard allerdings nicht erinnern.

"Richtig in die Hose, das kann man nicht sagen. Aber es gibt Konzerte, da spielen wir einfach unser Programm, und ich bringe Standardansagen. Das sind dann eben normale Konzerte, die man auch bei anderen Bands sehen kann, aber eben keine spezifischen Axxis-Konzerte. Ich sehe mir auch viel lieber Bands an, die mit dem Publikum arbeiten. Da passieren nämlich fast immer spontane Dinge, die nicht geplant waren. Die Musik ist wichtig, ganz klar. Aber mindestens genauso wichtig ist es zu sehen, was man mit dem Publikum anstellt. Fish zum Beispiel hat eine ganz eigene Art und Weise, auf die Zuschauer einzugehen. Ich habe ihn einmal live gesehen, und da hat er vor dem Konzert mit den Leuten gesprochen, noch während das Neonlicht in der Halle an war. Ich fand diesen Tabubruch sehr interessant. Normalerweise gehen die Lichter aus, ein Intro ertönt und die Band kommt im Nebel auf die Bühne. Alles ist mystisch und unnahbar. Und er ist einfach so im T-Shirt und Jogginghose raus auf die Bühne und hat diese ungeschriebenen Rock'n'Roll-Regeln gebrochen. Auch einer wie Grönemeyer zieht gerne die Unterhaltung mit dem Publikum vor. Oder aber auch eine Band wie PUR."

Dabei stellt sich immer die Frage nach der Ehrlichkeit. Einem Fish oder in den meisten Fällen einem Grönemeyer nimmt man ein solches Verhalten ab. Bei einem Hartmut Engler wirkt so manche Geste aufgesetzt.

"Das zu beurteilen, liegt in der Macht des Fans. Der Fan muß entscheiden, wie echt für ihn so etwas rüberkommt. Ich kenne Engler nicht persönlich, aber er ist eben ein anderer Typ Frontmann. Zurückhaltend, teilweise fast schon schüchtern. Während dann einer wie ich in bester Ruhrpott-Manier kommt, in das Publikum 'reinsticht' und sich sagt, daß da schon etwas passieren wird."

Und ausgerechnet ein Hartmut Engler hat erst letztens in einem Interview erwähnt, er sei vor jedem Auftritt vor lauter Nervosität vollkommen unausstehlich.

"Ich kann das vollkommen nachvollziehen, weil es mir genauso geht. Das ist fast schon katastrophal. Ich weiß, daß ich spätestens nach den ersten paar Sekunden auf der Bühne wieder einigermaßen beherrscht bin, kann aber die Minuten vor dem Anfang einfach nur nervös sein. Dabei weiß ich, daß es eh schon 'zu spät' ist. Daß ich nicht mehr abhauen kann und daß ich auf die Bühne vor die Leute 'muß'. Die Nervosität hängt wohl auch damit zusammen, daß ich nicht einschätzen kann, wie das Konzert verlaufen wird, was genau passieren wird. Die Songs stehen fest, aber ansonsten? Im Verlauf einer Tournee entstehen natürlich gewisse Schemata, die einem nach und nach einiges an Sicherheit geben. Aber die ersten Abende sind schwer für mich."

Axxis sind eigentlich immer eine sichere Bank. Egal, ob bei einem Rock- oder einem Heavy-Metal-Festival. Auf irgendeine Art und Weise bekommt die Gruppe das Publikum früher oder später (fast immer) auf ihre Seite.

"Das liegt nicht nur an der Musik, sondern auch an der Interaktion. Die Leute mögen es, wenn sie in das Konzert stärker mit einbezogen werden. Aber es polarisiert total, ganz klar. Manche Zuschauer interessieren sich nur für die Musik und pfeifen auf meine Laberei. Da gilt es dann für mich, ein gesundes Maß zu finden. Manchmal überdehne ich dabei auch den Bogen, aber meistens bekomme ich es gut hin."



Vor nicht allzu langer Zeit spielten Axxis aufgrund diverser Umstände einige Konzerte mit ihrem ehemaligen langjährigen Gitarristen und Kreativposten Walter Pietsch, der sich inzwischen in gänzlich anderen musikalischen Gefilden bewegt. Eine einmalige Geschichte, die dennoch für alle Beteiligten interessant gewesen sein muß. Bekanntlich sind Pietsch und die Combo seinerzeit nach dem kontroversen Werk "Voodoo Vibes" nicht im bösen auseinandergegangen.

"Walter wollte damals nach zehn Jahren Axxis etwas anderes versuchen. Er wollte einfach sehen, was er auf eigenen Beinen alles zustandebringen kann. Und er wollte vor allem auf die andere Seite des Musik-Business, nicht mehr unbedingt aktiver Musiker sein. Mit einigen Projekten war er dann als Produzent auch richtig erfolgreich. Derzeit versucht er übrigens, unter dem Namen Herrenduft ein eigenes Album zu machen. Er singt, hat teilweise deutsche Texte und möchte sogar zwei ältere Axxis-Titel in neuen Versionen aufnehmen. Einer davon soll 'Living In A World' auf deutsch sein. Ich bin selber sehr gespannt auf das Resultat. Ich habe keine Ahnung, was uns da erwartet. Walter ist ja inzwischen in die Pop-Ecke abgedriftet. Er hatte in den letzten Jahren viel zu tun mit Majorfirmen und mit den wichtigen Musiksendern. Wobei das Soloalbum wieder mehr in die Rock-Ecke gehen soll. Mit teilweise sehr bekannten Musikern, deren Namen wohl aber noch nicht ganz spruchreif sind."

"Aber noch zu unseren gemeinsamen Konzerten, die wir vor nicht allzu langer Zeit bestritten haben", fährt er fort, "einerseits war das eine ergreifende Geschichte, weil dabei viele alte Erinnerungen hochkamen. Auf der anderen Seite ist Walter inzwischen anders. Er hat sich von dieser Axxis-Sache wegbewegt. Es ist nicht mehr sein Ding. Aber es hat trotzdem oder gerade deswegen gut funktioniert. Walter war eben in den wichtigsten Jahren unserer Bandgeschichte dabei. Er hat alles miterlebt. Er bekam seinerzeit genauso wie der Rest der Band mit, wie sich viele Menschen schwer damit taten, Axxis richtig einzuordnen. Aber wir haben es den Leuten auch niemals so leicht gemacht: einerseits ein Popsong wie 'Touch The Rainbow', und dann eine Nummer wie 'The Wolf', die fast schon Speed-Metal-Einschläge enthält."


Axxis-Interviews sind immer etwas Besonderes. Nicht nur daß die Mannen um Frontkämpfer Bernhard Weiß in schöner Regelmäßigkeit absolute Qualität abliefern - der Spaß kommt auch nie zu kurz. Das durfte diesmal unser Nikolas erfahren, der sich der Truppe zum Interview stellte... Mehr erfahrt Ihr im neuen Break Out 2/2004 - ab sofort druckfrisch am Kiosk oder im Bahnhofsbuchhandel.

Text Interview: Nikolas Krofta
Internet-Text: Sven Lohnert



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©breakout 02/2004