BLIND GUARDIAN
Bodenhaftung

Endlich wieder da:
BLIND GUARDIAN

Schnörkellos verschnörkelt! Die epischen Power-Metaller Blind Guardian erinnern sich an ihr ureigenes Festival in Coburg vom letzten Jahr. Ihre Doppel-DVD "Imaginations Through The Looking Glass" von diesem Ereignis ist dafür der Anlaß.

Es kam, wie es kommen mußte, irgendwann spätabends unterhielt man sich darüber, was wohl ein "Krefelder" ist: Bier mit Cola, Altbier mit Schuß oder wie in meiner Heimatregion (Dortmund/Bochum) Altbier mit Cola. Da stoßen Weltanschauungen aufeinander, eine einzige Wahrheit scheint es hier nicht zu geben. Wenigstens beim Krefelder Trupp Blind Guardian ist eindeutig, was drin sein muß: Sänger Hansi Kürsch, Drummer Thomen Stauch und die Gitarristen Marcus Siepen und André Olbrich. Die Mittdreißiger haben Blind Guardian 1986 gegründet und gehen somit "straight" auf ihr 20. Bandjubiläum zu.

Dennoch haftet ihnen immer noch etwas sehr Frisches an. Mal nicht aus der Fanbrille betrachtet, also eher objektiv, soweit das in bezug auf Musik möglich ist, hat sich musikalisch, grobschlächtig betrachtet, nicht so sehr viel getan seit dem 1988er Debüt "Battalions Of Fear". Und hier werden sowohl Fans wie auch die Band lauthals aufschreien, und wir sind somit beim Selbstverständnis einer der seit Jahren erfolgreichsten deutschen Heavy-Metal-Truppen. Beharrlichkeit und detailverliebtes Weiterarbeiten an der Grundidee sind das Motto und Credo.

Der Einwurf, daß sich das Quartett auf den frühen Alben eher in die Power/Speed-Metal-Ecke "drängen" ließ, während nun der Begriff Epic Metal im Zusammenhang mit Alben wie "A Night At The Opera" häufiger verwendet wird, zeugt für mich nicht unbedingt von einem Wechsel. Ich gebe diese Bemerkung wie meine anderen Fragen stets in die Runde der vier Musiker, und obwohl zumeist Stauch und Kürsch antworten, ergänzen sich alle vier bei den Antworten in erstaunlicher Art und Weise, so daß es beim Abhören des Bandes schwer ist, die Zitate den jeweiligen Personen zuzuordnen.

"Wir glauben, das ist in der Tat eine natürliche Entwicklung. In den früheren Jahren waren wir einfach noch nicht in der Lage, solch komplexe Songs zu schreiben. Wir sind nun bessere Songschreiber und Musiker. Auf der anderen Seite ermöglicht uns unsere technische Fortentwicklung einfach nur, das zu tun, was wir ohnehin immer schon tun wollten."

Sag ich doch! Kein Stilbruch, eine Entwicklung?

"Könnte man so sagen."

Gibt es denn ein Album, welches ihr heute nicht mehr wertschätzt?

"Wir haben mit jedem Album außer unserem Debüt 'Battallions Of Fear' kein Problem. Alles war für die jeweilige Zeit vollkommen in Ordnung. Nur der erste Streich hätte schon besser sein können. Sound- und songtechnisch fällt er schon aus dem Qualitätsraster. Obwohl einige Fans den einen oder anderen Song natürlich mögen."

Alle Nachfragen, ob sich die Lebensumstände der Gruppe auf die Musik niedergeschlagen haben, werden immer wieder verneint. Immerhin gründeten sie sich noch quasi im spätpubertären Alter, und nun sind sie zumeist Familienväter mit langen Haaren.

Gibt es etwas, was ihr musikalisch oder privat anders machen würdet, wenn ihr noch mal die Chance dazu bekämt?

"Musikalisch bis auf das Debüt nicht. Privat", wirft Hansi Kürsch ein, "gäbe es schon etwas. Ich habe mich über Jahre nur noch in meine Arbeit verschanzt. Ich ging morgens ins Studio und arbeitete an Musik, Texten und so weiter bis spätabends. Als ich nach Hause kam, habe ich an nichts Anteil genommen. Wenn ich ehrlich bin, so kann ich gar nicht verstehen, wieso meine Partnerin das mitgemacht hat. Wir sind nicht in den Urlaub gefahren. Nichts. Mein gesamtes sogenanntes Leben fand tagsüber mit und für Blind Guardian statt."

Hat die Geburt eures Kindes das verändert?

"Kann man wohl sagen. Ich lebe nun auch außerhalb von Blind Guardian."



Aber diese Lebensumstellung hat sich nicht auf die Musik ausgewirkt?

"Nein, erstens bin ich nur ein Teil der Band, und wir können gut unterscheiden zwischen privat und Musik."

Interessant ist es, bei dem anschließenden Essen mit der Band und den Journalisten zu bemerken: Wenn es um private Dinge geht, halten sich die einzelnen Musiker erstaunlich bedeckt. Da kann man sich gut vorstellen, daß es bei dem Viererbund fast ausschließlich um Musik geht.

Als ich hinsichtlich der Präsentation der Live-DVD frage, ob sich die "zugegebene" Nervosität auf die Songs auswirkt, wird in Ottmar "Proffi" Hitzfeld-Art abgewinkt.

"Nein, das wollen wir nicht hoffen, daß irgend jemand im Publikum es gemerkt hat, daß wir stets drei, vier Songs brauchen, um unsere Nervosität abzulegen."

Es muß nichts Negatives bedeuten, oder?

"Wir haben ganz klar den Anspruch, unsere Songs immer hundertprozentig zu bringen, egal, an welcher Stelle der Setlist sie auftauchen."

Gut, Buben, denke ich mir. Ottmar wäre stolz auf euch.

Stolz kann die Band auf ihr letztjähriges Blind Guardian-Festival sein. An zwei Tagen pilgerten jeweils 6.000 Jünger und Jüngerinnen nach Coburg. Warum gerade dort und nicht vor der Haustür in Düsseldorf?

"Konzerte in Düsseldorf haben schon etwas Spezielles, da sind Freunde, Verwandte und Bekannte da, und inzwischen packen wir die Phillipshalle mit gut 6.000 Leuten entsprechend voll."


So viele Bekannte habt ihr?

"Nein, das sind schon Fans. Und das macht uns sehr stolz. Aber zurück zum Festival. Die Idee zu dem Blind Guardian-Festival kam mit dem Auftritt in Wacken. Der war sehr geil, so daß wir dachten, dort eine DVD aufzunehmen hätte schon was. Was uns allerdings störte, war, daß in Wacken, selbst wenn du Headliner bist, auf der Bühne viel zuviel Zeugs von den anderen Bands herumsteht und spezielle Show- und Lichteffekte eben nicht möglich sind. Das ist kein Kritikpunkt an Wacken. Anders geht es da nicht. Als wir die Idee aber weitersponnen, hatten wir uns in den Kopf gesetzt, zum Entsetzen vieler, die mit uns arbeiten, genau dieses spezielle Blind Guardian-Ding durchzuziehen. Wir wollten die möglichst optimale Show, in der alles auf uns zugeschnitten sein würde. Wieviel Arbeit das bedeutete, kannst du gut auf der DVD sehen, und hätten wir nicht so ein gutes Team um uns herum, dann wäre es nie und nimmer möglich gewesen, alles zu realisieren. Als Musiker kannst du zwar deine Ideen hineinbringen, aber man muß auch Verantwortung abgeben können. Und bis auf Kleinigkeiten sind wir mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Warum gerade in Coburg? Wir wollten ein Open-Air, und der Ort schien uns interessant und geeignet, obwohl gerade von den örtlichen Verantwortlichen einige Bedenken hatten wegen der zu erwartenden Metal-Fans. Doch wir wußten, daß unsere Fans wesentlich besser sind als der allgemeine Ruf. Klar saufen die zum Teil ernorme Mengen, sind dabei aber, wie die beiden Festivaltage im nachhinein zeigten, sehr umgänglich und friedlich."

Bastelt ihr an einer Wiederholung des Events?

"Ja und nein. Es wird mit Sicherheit noch einmal ein weiteres Blind Guardian-Festival geben. Ob es allerdings am gleichen Ort stattfinden wird oder eher hier in der Nähe [Krefeld/Düsseldorf] und wann es sein wird, darüber haben wir uns noch keinerlei Gedanken gemacht."

Macht eine Wiederholung, etwa alle zwei Jahre, am gleichen Ort nicht Sinn, im Sinne eines "Kult-Festivals"?

"Da magst du recht haben, und das sollten wir in unsere Überlegungen mit einfließen lassen, schließlich war es rundum eine erfolgreiche Sache."

Ihr habt die Songs, die ihr an den beiden Tagen gespielt habt, von euren Fans via Internet auswählen lassen. Gab es Überraschungen?

"Das war schon interessant, gerade auch, weil wir gespürt haben, wie nah wir selber mit unserer Einschätzung unserer Arbeit bei den Fans sind. Bis auf Kleinigkeiten konnten wir das Fan-Votum auch genau so umsetzen und voraussagen. Einige wenige Stücke mußten wir fallenlassen, da der Thomen sich vorher verletzt hatte und wir somit nicht mehr alle Songs einstudieren konnten."

Außer der Veröffentlichung der DVD - was steht nun an im Blind Guardian-Lager? Oder noch konkreter nachgefragt: Gibt es etwas, was ihr in nächster Zeit musikalisch verwirklichen wollt, was den üblichen Rahmen sprengt?

"Wir sind oft danach gefragt worden, ob wir uns eine Zusammenarbeit mit einem großen Orchester vorstellen könnten. Klar konnten wir, allerdings suchten wir da nach einem eigenen Weg. Und genau daran arbeiten wir schon seit einiger Zeit. Es wird in Zukunft neue Orchestermusik geben."

Das heißt, ihr spielt zusammen mit einem Orchester?

"Nein, wir schreiben neue Musik für Orchester. Wir als Musiker treten allerdings nicht in Erscheinung, nur als Komponisten. Klar wird der Hansi singen, aber sonst wird niemand von uns Rockmusikern mitspielen. Das Besondere dabei ist, daß wir an die Sache herangehen, wie wir immer an Blind Guardian herangehen. Nur daß wir diese Musik nicht selber einspielen, sondern den Klangkörper eines Orchesters nutzen. Das ist eine spannende Erfahrung."

Gibt es trotz allen Fehlens von Spontanität doch echten Fortschritt in dieser Band? geht es mir angesichts dieser Zukunftsperspektive ironisch durch den Kopf. Orchester-Alben sind zur Zeit allgemein ein großes Thema in der Rocklandschaft, auch wenn sich euer Projekt ganz klar von den üblichen Unternehmungen unterscheidet, wie sie von den Scorpions (mit den Berliner Symphonikern), Kiss (auf "Symphony: Alive IV") oder Metallica (mit ihrem hochgelobten Langweiler "S&M") gewagt wurden. In eure Richtung zielte vielleicht noch Yngwie Malmsteen mit seiner "Concerto Suite For Electric Guitar And Orchestra In E Minor".

"Aber das war ohne Text und Gesang."

Hansi Kürsch ist verschrien als absoluter Fantasy-Texter. Hat er keinerlei Interesse am wahren Leben?

"Die Zeit liegt zum Glück hinter mir, aber das war ein anderes Thema. In bezug auf meine Texte stimmt das nicht ganz. Texte wie 'Theatre Of Pain', 'Born In A Mourning Hall' oder 'Ashes To Ashes' sind doch um einiges handfester. Im allgemeinen mag ich es allerdings, als Geschichtenerzähler Illusionen herzustellen. Mir kommt es darauf an, zu der positiven Musik ebensolche Stories dazuzudichten."

Nach einem Orchester-Werk folgt doch bestimmt das Akustik-Album. Oder sehe ich das komplett falsch? Wird es ein "Blind Guardian Unplugged" geben?

"Wir haben immer mal wieder akustische Versionen von unseren Songs gemacht. Das ist immer spannend, wenn aus einem einstigen Heavy-Metal-Song durch eine akustische Bearbeitung die Essenz der Komposition noch sichtbarer wird. Wir haben das auf Tour immer mal wieder gemacht oder auch auf 'Forgotten Tales'. Es macht Spaß und wird bestimmt deshalb immer wieder mal Bestandteil einer Blind Guardian-Show sein können. Allerdings ein komplettes Unplugged-Album - daran ist zumindest derzeit nicht gedacht. Es wäre im Gegensatz zum Orchester-Album auch keine Herausforderung für die Band."

Warum heißt die DVD "Imaginations Through A Looking Glass" und nicht schlicht "Live In Coburg". Wäre das zu profan für euch?

Allgemeines Gelächter.


Es erschien uns wohl allen wie eine Ewigkeit, bis Blind Guardian nun endlich mit ihrer lang angekündigten Live-DVD "Imaginations Through The Looking Glass" aus dem Quark gekommen sind. Nun steht das Werk zur Ansicht bereit. Grund genug, Investigativ-Reporter Michael Lorant auf die Fährte der vier Krefelder zu schicken...Mehr erfahrt Ihr im neuen Break Out 5/2004 - ab sofort druckfrisch am Kiosk oder im Bahnhofsbuchhandel.

Text-Interview: Michael Lorant
Internet-Text: Sven Lohnert



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