BONFIRE
Nie mehr kaltes Wasser

Sie haben alles überlebt: gierige Manager, massive Veränderungen in der Besetzung, gnadenlose Kritikerschelte, schlechtbesuchte Konzerte und sogar eine zeitweilige Auflösung. Die beiden Urgesteine Claus Lessmann und Hans Ziller haben alles hinter sich gelassen. Mitte der Neunziger haben sie die totgeglaubte Band wieder gestartet und Bonfire nach und nach zurück auf den richtigen Weg gebracht.

Es wurde ein neues Line-up gebildet, und am Ende der Entwicklung steht in "Strike Ten" nun das Album, von dem man zwar kaum annehmen kann, daß es wie zum Beispiel "Fire Works" oder "Point Blank" in der Vergangenheit Hunderttausende von Abnehmern findet, das die Gruppe aber sicher weiter etablieren wird. Mit der kompletten Kapelle abzüglich des verhinderten Schlagzeugers Jürgen "Bam Bam" Wiehler traf ich mich vor einigen Wochen mitten im Bayernland. Der konkrete Treffpunkt heißt "Motorrad Shop Müller", befindet sich in einer Ortschaft namens Schrobenhausen, nur einen Steinwurf entfernt von der Band-Zentrale in Ingolstadt, und begrüßt die Bandmitglieder öfter mal. Nach einer ausgiebigen Fotosession suchen wir uns ein gemütliches Café in der Stadtmitte, um einmal den aktuellen Stand der Dinge zu ergründen.

Allen voran Claus ist bekanntlich ein begeisterter Motorradfahrer. Die Location der Fotosession ist also durchaus einleuchtend. Aber welche Faszination übt dieses Hobby und diese Lebenseinstellung auf ihn aus?

"Für mich ist es im Endeffekt die Erfüllung eines Jugendtraums. Das mag trivial klingen, aber all diese Klischees, die man gemeinhin mit dem Motorradfahren verbindet, sind da und sind toll. Da ist diese grenzenlose Freiheit und das Abenteuer wie zum Beispiel das Zelten, das für mich einfach dazugehört. Das Motorradfahren ist speziell für mich sehr entspannend. Man ist auf seiner Maschine allein mit seinen Gedanken, kann wunderbar entspannen."

Diese Faszination, die man teilweise auch schon fast mit einer Philosophie gleichsetzen könnte, ist bereits in zahlreichen Bonfire-Texten aufgearbeitet worden. Wäre es für dich, sollten die Möglichkeiten gegeben sein, nicht ein Traum, in das Land überzusiedeln, in dem diese Ideale am meisten zählen?

"Ich würde gerne nach Amerika ziehen, aber zuvor werden wir noch einige Scheiben verkaufen müssen! So schön Amerika auch ist: Es ist ein optimales Ziel für Urlaubszwecke, aber dort ein Leben zu führen, ist wieder eine ganz andere Geschichte. Es gibt dort zum Beispiel kein so gut ausgebautes soziales Netz wie bei uns. Außerdem werden bei uns Landstriche auch nicht von all diesen Naturkatastrophen heimgesucht. Klar: Bei uns gibt es hier und da einige Lawinen, aber von den Blizzards und Hurrikans bleiben wir glücklicherweise verschont. So schlecht, wie manche Leute Deutschland machen, ist das Land sicher nicht."

Die einheimischen Presseorgane überschlagen sich bislang mit Lob zu eurer neuen Platte. Ihr habt diesbezüglich in der Vergangenheit sämtliche positiven und negativen Extreme kennengelernt. Ganz ehrlich: Freut einen solch eine Lobeswelle, oder sieht man ihr eher gelassen und mit Abstand entgegen?


"Es ist bei einer jeden neuen Scheibe ein neues Spiel, das du beginnst", sinniert Claus. "Es gibt keine Garantie dafür, daß, wenn dein letztes Album gut war, auch das neue gut sein muß. Im Endeffekt entscheidet der Käufer über die Qualitäten eines Albums, und es ist jedesmal ein heftiger Nervenkitzel für uns, die ersten Reaktionen auf das neue Material zu erwarten. Solche Reaktionen sind ungemein wichtig! Man schottet sich ab, schreibt die Songs, nimmt sie im Studio auf und lebt dabei in seiner eigenen Welt.

Dabei unternimmt man aber auch immer wieder den Versuch, den Zeitgeist der Fans mit in die Musik einfließen zu lassen. Irgendwann wird das Album veröffentlicht, die ersten Reaktionen der Fans trudeln ein, und das ist eigentlich mit der spannendste Augenblick. Wir haben in der Vergangenheit in der Tat sehr gute, aber auch sehr schlechte Kritiken bekommen, und es bleibt abzuwarten, wie sich die Sache mit 'Strike Ten' weiterhin entwickeln wird. Man wird schließlich immer an dem gemessen, was man in der Vergangenheit bereits abgeliefert hat. Es mag paradox klingen, aber eine schlechte Kritik ist auch mal was Gutes. Mit anderen Worten: Wie willst du eine Eins plus noch toppen?"

Wollen wir uns einmal die Frage nach der eigenen Einschätzung des neuen Materials ersparen. Viele Bands und Interpreten umgehen sie ja sehr clever mit der Formulierung "unser bestes Album ist das nächste".

"Gar nicht schlecht", nickt Claus zustimmend. "Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. So kann man es auch ausdrücken."


Nicht nur die spezielle Fotosession zu "Strike Ten" wußte Nikolas Krofta zu begeistern - vor allem das Songmaterial des neuen Bonfire-Werkes hatte es unserem "Tschechinator" angetan. Mehr erfahrt Ihr im neuen Break Out 4/2001 - ab sofort druckfrisch am Kiosk oder im Bahnhofsbuchhandel.

Text Interview: Nikolas Krofta
Pics: Daniela Dreher
Text Internet: Sven Lohnert



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©breakout 04/2001