FATES WARNING
A Progressive Shade Of Metal


Nach drei Jahren studiotechnischer Abstinenz präsentieren die Progressiv-Götter um Mastermind Jim Matheos mit "A Pleasant Shade Of Gray" ein künstlerisch ausgesprochen ambitioniertes Werk, das mehr als nur eines oberflächlichen Hörens bedarf, um sich beim Hörer festzusetzen und das auf der zurückliegenden Tour nun die livehaftige Aufführung erfahren sollte. Da dies die erste Headlinertour seit dem Desaster mit Sanctuary vor ein paar Jahren war, war ein Konzertbesuch natürlich Pflicht, und so stellte sich Sänger Ray Alder nach dem (leider viel zu kurzen) Gig in Köln noch zum Interview.

»Wir waren am Anfang der Tour schon ein wenig skeptisch, denn dies ist eigentlich unsere erste Headlinertour. Die Tour mit Sanctuary war ja eine Co-Headlinertour, die aber bereits nach zwei Wochen abgebrochen werden mußte, und so wußten wir nicht so recht, was uns erwartet. Es ist aber schon überraschend, wie gut es für uns läuft, denn das Album ist erst seit gut einem Monat erhältlich, und die Leute kennen die Texte bereits und singen sie mit. Wir haben allerdings auch schon Shows auf dieser Tour gespielt, wo die Zuschauerreaktionen sehr verhalten waren.«

Im Gegensatz zu den Shows mit Dream Theater und Manowar vor ein paar Jahren fanden sich auf dieser Tour jedoch keine Songs mehr aus der Zeit vor Ray Alder:
»Dieses war eine Entscheidung der Band, denn die Songs, auf die du ansprichst, sind über zehn Jahre alt und sind nicht mehr repräsentativ für das, was Fates Warning heute machen. John Arch war zweifelsohne ein fantastischer Sänger mit einer sehr kraftvollen Stimme, der damals auch die Texte schrieb, die sehr fantasymäßig waren. ´Awaken The Guardian´ war ein erstklassiges Album. Heute widmen wir uns doch eher realeren Themen. Es ist schön, wenn unsere Fans diese alten Songs immer noch lieben, aber ich bin nun auch schon seit fünf Alben bei der Band, und wir gucken lieber nach vorne, als zurück.«

Kevin Moore (Ex-Dream Theater), der sich noch im Studio für die Keyboardparts auf ´A Pleasant Shade Of Gray´ verantwortlich zeichnete, war bei dieser Tour nicht mit von der Partie:
»Er ist halt nicht mehr daran interessiert, diese Form von Musik zu spielen. Wir haben ihn zwar gefragt, ob er nicht mit uns touren wolle, aber er möchte sich lieber auf seine eigenen Sachen konzentrieren. Im Moment arbeitet er an irgendwelchen Soundtrackgeschichten.«

Ungewöhnlich für eine Band mit solch technisch versierten Musikern ist die Tatsache, daß die einzelnen Mitglieder weit voneinander entfernt leben und sich nur für anstehende Konzerte zu Proben treffen:
»Jeder von uns hat ein eigenes kleines Studio zu Hause, in dem er für sich alleine probt und wo er seine Parts für die neuen Songs hinzufügt. Dies hat natürlich auch enorme Vorteile, denn gerade beim Songwriting hat jeder Zeit, seine Parts genau auszuarbeiten und ihnen den nötigen Feinschliff zu geben, was beim Jammen so sicherlich nicht der Fall ist. Manchmal dauert es halt bis zu zwei Wochen, bis beispielsweise Mark die zündende Idee hat. Für diese Tour haben wir gerade mal drei Tage geprobt, nur Mark und Joey haben sich im Vorfeld getroffen und verschiedene Sachen einstudiert.«

Durch diese ungewöhnliche Bandsituation verwundert es nicht, daß Jim Matheos nach wie vor der kreative Kopf von Fates Warning ist und die einzelnen Bandmitglieder ihre Parts ´nur´ noch in das durch Matheos vorgegebene Grundgerüst einfügen. Ist es für Ray Alder da nicht befremdlich, Texte zu singen und zu interpretieren, die nicht aus seiner Feder stammen:
»Jim schreibt sämtliche Songs und alle Texte, und wir erarbeiten die Arrangements alle zusammen. Meine Gesangsmelodien schreibe ich jedoch alleine. Ich schicke Jim meist ein Tape mit den Melodien, und dazu schreibt er dann erst die Texte. Ich habe überhaupt kein Problem damit, Texte zu interpretieren, die ich nicht selbst geschrieben habe, denn dadurch, daß wir zuerst die Gesangsmelodie erarbeiten, habe ich ja die Möglichkeit, mich und meine Vorstellungen diesbezüglich einzubringen. Letztendlich kenne ich es aber auch nicht anders.«

Text: Michael Kuhlen


Besetzung (Stand:9/97): Ray Alder - voc., Jim Matheos - guit., Joey Vera - bass, Kevin Moore - keys, Mark Zonder - drums



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©breakout 9/2000