FISH
Zwischen Ruhe und Bewegung

DEREK WILLIAM DICK
Es ist schier unmöglich, sich der Intensität eines Fish-Konzertes zu entziehen. Der charismatische Derek William Dick hat auch nach all den Jahren nichts von seiner Ausstrahlung verloren. Aber: Wenige Stunden vor dem Konzert in Karlsruhe und einige Wochen vor Veröffentlichung des neuen Studioalbums "Field Of Crows" fallen in unserem Gespräch einige Statements, welche die treue Fan-Gemeinde wohl zumindest überraschen, wenn nicht gar schockieren werden.

"Diese Tour ist die letzte, die ich in einem Tourbus bestreite", eröffnet der Sänger das Gespräch, nachdem er - ganz Gentleman alter Schule - uns erst einmal Kaffee angeboten und ihn auch gleich höchselbst serviert hat. "In meinem Alter wird es einfach immer anstrengender, eine enggesteckte Clubtournee zu bestreiten. Ich habe soeben sechzehn Gigs in zwanzig Tagen durchgezogen. Aber je älter ich werde, desto mehr merke ich, daß ich längere Ruhephasen benötige. Nicht zuletzt, um meine Stimme zu schonen."

Wer Fish kennt, weiß, daß solche Sprüche bei dem hartgesottenen Schotten völlig ernstgemeint sind. Der Mann verläßt Abend für Abend die Bühne selten unter einer Spielzeit von zwei oder zweieinhalb Stunden.

"Ich werde einfach nicht mehr 'richtig' touren", erklärt der gerade mal 46jährige. "Es wird in der Zukunft nur noch vereinzelte, dafür aber auch größere Konzerte geben, und zwischen den einzelnen Veranstaltungsorten werde ich entweder fliegen oder mit dem Zug fahren. Manche Fans werden mich jetzt für verrückt erklären, aber ich glaube, daß meine Fans dermaßen treu sind, daß sie es auch auf sich nehmen werden, längere Anfahrtswege zu meinen Konzerten in Kauf zu nehmen. Optimal wäre es für mich, demnächst - zum Beispiel - ein, zwei größere Gastspiele in Deutschland zu geben, in Holland oder aber in Polen. Ab September werde ich so oder so der Bühne für ein bis eineinhalb Jahre den Rücken kehren - mit Ausnahme der Auftritte anläßlich des 20. Jubiläums der Veröffentlichung von 'Misplaced Childhood'. Mein neues Studioalbum 'Field Of Crows' ist soeben fertig geworden, für einen eventuellen Nachfolger, gibt es noch keine Pläne."

Wer jetzt denkt, Fish würde den Bühnen und den Aufnahmestudios Europas die kalte Schulter zeigen und sich in seinem Haus in Schottland ausruhen, täuscht sich ganz gewaltig. Der Mann ist bereits seit einiger Zeit dabei, seine Leidenschaft für die Schauspielerei intensiv auszuleben. So hat er erst kürzlich in dem Psychothriller "The Jacket" mit Adrien Brody, Keira Knightley, Jennifer Jason Leigh und dem unverwüstlichen Kris Kristofferson mitgewirkt, der 2005 in die US-Kinos kommt.

"Das war eine tolle Erfahrung", erzählt der Hüne, der niemals eine schauspielerische Ausbildung genoß und der seinerzeit auch eher zufällig den Sangesposten bei Marillion belegte. "Ich bin jetzt keineswegs dabei, Hollywood zu erobern. In meinen bisherigen Filmen habe ich auch erst kleine Rollen gespielt. Aber ich hatte bereits seit langen Jahren an keiner Sache so viel Spaß wie an der Schauspielerei. Einen solchen Enthusiasmus und solche Energieschübe spürte ich zuletzt, als wir vor über zwanzig Jahren 'Script For A Jester's Tear' aufnahmen. Nachdem ich einige Male vor der Filmkamera gestanden habe, ist mir bewußt geworden, daß diese Form der Kunst insgesamt nicht so limitiert ist wie die des Musikmachens."

Eine äußerst obskure Filmrolle hat Fish auch schon auf seinem Konto: die eines Schwulen in einer sehr schwarzen Schocker-Komödie mit dem Titel "Nine Dead Gay Guys", den der Sänger als "eine gewagte Mischung aus 'Trainspotting', 'Alice In Wonderland' und 'South Park'" beschreibt. Vor der Kamera kommt es übrigens auf ganz andere Dinge an als auf der Konzertbühne:

"Die ganze Planung ist vollkommen unterschiedlich. Beim Film sind winzige visuelle Bewegungen enorm wichtig, auf der Bühne nimmst du dir eher größere und spontanere Bewegungsabläufe vor. Aber die Erfahrung auf der Bühne hat mir im Bezug auf die Schauspielerei schon einiges gebracht."

Ganz neu und überraschend sind seine Engagements in der Welt der Kinematographie dann aber doch nicht. Der Mann versuchte sich schließlich bereits als Drehbuchautor.

"Eine Sache, die ich auch noch in Zukunft weiterverfolgen möchte. Ich glaube nicht, daß ich jemals ernsthaft daran denken sollte, Hauptrollen in Filmen zu übernehmen. Deswegen sollte mir genügend Zeit übrigbleiben, sowohl vor der Kamera zu stehen als auch Drehbücher zu verfassen."

Ein beinahe perfektes Drehbuch kommt dieser Tage auf den Markt. Nämlich das Konzept zum neuen Fish-Album "Field Of Crows."

"Das könnte schon sein", grübelt er. "Die Geschichte würde nur einige wenige Änderungen benötigen, und sie wäre filmreif. Es handelt sich um ein Konzeptalbum, bei dem ich es ausgesprochen mag, daß es stellenweise so richtig rockt. Bruce Watson ist ein klassischer Rockgitarrist, dessen Einflüsse bei Bands wie The Who oder Led Zeppelin liegen. Das Album hat zudem auch bluesige Elemente. Meine Stimme ist in den letzten drei Jahren immer blueslastiger geworden, weshalb auch immer. Ich habe das Album übrigens selbst finanziert und lasse es für die einzelnen Märkte lizenzieren. Wenn ich unabhängig von einer Plattenfirma agiere, verkaufe ich zwar weniger Scheiben, dafür verdiene ich aber an den verkauften Alben mehr Geld. Der Unterschied ist schon recht groß. Bei einer Plattenfirma habe ich zuletzt höchstens knapp zwei Pfund an einer verkauften CD verdient, jetzt verdiene ich an die sieben Pfund. Und außerdem bleiben mir die ganzen Alpträume, die ich mit meinen letzten Plattenfirmen durchleben mußte, erspart. So erinnere ich mich auch noch heute nur sehr ungern an die Sache mit Roadrunner. In unserer damaligen geschäftlichen Beziehung ging so ziemlich alles schief. Ich sage nur noch: Keine Promotion - keine Kohle."



Das alles mag für manche Leser recht materialistisch klingen. Doch Fish gehört nicht zu den Großverdienern in der Musikbranche, ist eher ein mittelständischer Unternehmer, und die sind oft genug um die Früchte ihrer Kunst gebracht worden. Aber zurück zum Thema Konzertbühnen. Was ein Fish-Konzert ausmacht, sind unter anderem auch die Konversationen mit den Fans zwischen den Songs; Gespräche, die auch schon mal fünfzehn Minuten dauern. Auf der letztjährigen DVD-Veröffentlichung "Live In Poland 1997" fehlen aber leider ebendiese magischen Momente.

"Wir haben den Konzertmitschnitt aber nicht nachträglich bearbeitet. Das lag alles in den Händen des polnischen Fernsehsenders, der die Aufzeichnung erledigte. Abgesehen davon waren die Konversationen und auch die Einleitungen zu den einzelnen Songs damals nicht so lang, da nur wenige Polen richtig Englisch verstehen."

Apropos DVDs: Was hält Fish eigentlich von der Bildtonplatte "Recital Of The Script", die im vorigen Jahr veröffentlicht worden ist?

"Man hätte viel mehr daraus machen können. Oder eher machen müssen. Aber auch da war meine Kontrolle sehr eingeschränkt. Jetzt verspreche ich mich einiges von der DVD 'Live At The Loreley', die in diesem Jahr veröffentlicht werden soll."

Auch im Tourbus schauen Fish und seine Begleiter öfters mal DVDs. Dann allerdings nur selten tiefgründige Filmkunst.

"Auf Tournee hast du einfach keine Lust, intensive Filme zu sehen. Die Atmosphäre ist einfach nicht gegeben. So schauen wir eher Sachen an wie leichte Komödien. Zum Beispiel 'School Of Rock'. Ein sehr lustiger Film."

"School Of Rock" - der Streifen, in dem der Rush-Schlagzeuger Neil Peart lobend erwähnt wird. Rush, die Band, die zumindest in den Achtzigern eine ähnliche Fan-Gemeinde wie Marillion angesprochen hat.

"Rush waren mir schon immer zu technisch. Ich bevorzuge doch eher songorientierte Bands. Ich höre auch privat nicht ganz so viel Musik. Und wenn schon, dann eher amerikanische Singer/Songwriter."

Und Arena, die Band des ersten Marillion-Schlagzeugers Mick Pointer? Befindet die sich in der Plattensammlung des Schotten?

"Nein, bitte! Kein Kommentar", grinst Mister Dick leicht genervt.

Und wenn wir schon am Nerven sind: Wie blickt Fish auf sein Gastspiel bei Arjen Lucassens Ayreon zurück?

"Ich habe ihn seit Jahren nicht mehr gesprochen. Die CD, auf der ich damals gesungen habe, hat er mir zwar geschickt, aber auf die Royalties warte ich heute noch. Und ich habe auch nicht erwartet, daß er mich jemals wieder ins Studio einladen würde."

Dabei gehörte die Zusammenarbeit der beiden auf dem Doppelalbum "Into The Electric Castle" zu den absoluten Höhepunkten in Fishs musikalischem Schaffen der letzten Jahre. Wie auch immer: Dieser Mann bleibt für Überraschungen gut. Und den Namen Marillion erwähnte er in unserem Beisein genau einmal. Und das ziemlich unauffällig.


Fish-Interviews sind immer etwas Besonderes. Nicht nur daß die Mannen um Frontkämpfer Derek William Dick in schöner Regelmäßigkeit absolute Qualität abliefern - der Spaß kommt auch nie zu kurz. Das durfte diesmal unser Nikolas erfahren, der sich dem Meister höchstpersönlich zum Interview stellte... Mehr erfahrt Ihr im neuen Break Out 4/2004 - ab sofort druckfrisch am Kiosk oder im Bahnhofsbuchhandel.

Text Interview: Nikolas Krofta
Internet-Text: Sven Lohnert



Mehr darüber gibt´s im Heft 4/04 nachzulesen!
Falls Ihr dieses Heft bestellen möchtet - einfach anklicken!


©breakout 04/2004