GENIUS
Gipfeltreffen


Daniele Liverani (oben)

Oliver Hartmann
Eine Rockoper verlangte ihrem Zuhörer schon immer ein wenig mehr Aufmerksamkeit ab als ein angesagter Chartbreaker, und dafür hat sich der sonst hierzulande noch relativ unbekannte Italiener Daniele Liverani auch einen Haufen Arbeit gemacht. Alles in allem ganze vier Jahre und 33 Songs später steht nun die zweite Episode "In Search Of The Little Prince" der umfassenden "Genius"-Trilogie in den Startlöchern, um die geschürte Neugier bei den Fans zu befriedigen. Denn die wollen nach der bombastischen Einführung von "A Human Into Dream#s World" schließlich wissen, wie es weitergeht.

Aber auch allen "Branchenfremden" sollte es leichtfallen, sich im zweiten Teil des Mammutepos zurechtzufinden, denn unter Anleitung des allzeit gegenwärtigen Erzählers Philip Bynoe wird einem der Einstieg in die zugegebenermaßen recht komplexe Geschichte leichtgemacht. Dafür sorgt auch die passende musikalische Untermalung, die jede Szene mal progressiv verschmitzt, mal hardrockig wild, aber auch mit leisen Tönen ausmalt und den Hörer in ihren Bann zieht.

Der im Oktober 2002 veröffentlichte erste Teil entführte in ein abstraktes Paralleluniversum, in dem die Träume der Menschen gesteuert werden. In nur zehn Minuten durchlebt der smarte Drummerboy Genius einen völlig abgefahrenen Traum, der ihn scheinbar leibhaftig in die alternative Dimension katapultiert. Dort lernt er seinen persönlichen Traum-Dirigenten Twinspirit n. 32 (jedem Traum seine ID-Nummer) kennen, mit dem er sich anfreundet und der ihn fürderhin hilfreich zur Seite steht. Richtig brenzlig wird's erst, als Genius durch sein rhythmisches Talent unter dem Decknamen Twinspirit n. 33 zufällig selbst in die Lage gerät, Träume menschlicher Wesen zu steuern, was die hauptamtliche Dream League Force unter tödliche Strafe stellt. Teil zwei der Trilogie begleitet die beiden Freunde auf ihrer abenteuerlichen Flucht vor den wütenden vereinigten Dream Kingdoms, die in der Hauptsache den unschuldigen King McChaos für das Eindringen Genius? in die verbotene Zone verantwortlich machen und sich als Strafe an seinem versteckt gehaltenen kleinen Sohn vergreifen wollen.

Soweit zum inhaltlichen Stand der Dinge, deren musikalische Ausmaße schon den immensen Aufwand drum herum erahnen lassen, den wir nun mit Herrn Liverani näher ergründen wollen.

Der Empty Tremor-Multi-Instrumentalist, den man grad nur mühsam von seiner Arbeit am neuen Khymera-Album loseist, gönnt sich trotzdem gern ein Päuschen vom täglichen Studio-Einerlei und erklärt erst mal die zeitliche Verzögerung des zweiten Teils. Denn laut Plan sollten alle drei Parts jeweils im jährlichen Abstand auf den Markt kommen.

"Das Casting der Sänger dauerte diesmal ziemlich lange, denn wir waren uns nicht sicher, welcher Sänger nun zu den jeweiligen Songs am besten paßt. Das war das Hauptproblem; dann kam noch hinzu, daß nicht jeder gleich nach meiner Pfeife springen konnte. Russell Allen [Symphony X] tourte zum Beispiel noch fleißig mit seiner Stammcombo, bis er seinen Part nach monatelanger Wartezeit für mich einsingen konnte. Interessiert waren sie schließlich alle an der Sache, doch jeden zur rechten Zeit an den grünen Tisch zu bekommen, bedeutete für mich logistische Schwerstarbeit. So manches Mal blieben die angefangenen Tracks im Studio unvollendet, bis die Herrschaften nach einer Tour oder anderen eigenen Projekten wieder zur Verfügung standen."

Da dürfte es ihm schon viel geholfen haben, daß sein Label Frontiers auf eine mittlerweile stattliche Anzahl an Ausnahmesängern wie Eric Martin, Johnny Gioeli oder auch Mark Boals zurückgreifen kann, an die Liverani normalerweise nicht so leicht herangekommen wäre. Mit dieser professionellen Schützenhilfe im Gepäck traute sich der Italiener dann auch an seine persönlichen Favoriten heran, die zwar nicht beim Label in Brot standen, ihm aber trotzdem geradezu perfekt für die Inszenierung der einen oder anderen Nummer erschienen.

"Für den ersten Teil konnte ich so Midnight von Crimson Glory gewinnen und auch Daniel Gildenlow [Pain Of Salvation, singt auch beim zweiten Teil mit]. Auf die Teilnahme von Midnight bin ich stolz wie Oskar, denn erstens stand ich schon immer auf Crimson Glory, und zweitens hat der seit Jahren bei keinem anderen Projekt außerhalb der Band mitgesungen. Da fühlte ich mich echt geehrt!"

Liv Kristine

Johnny Gioeli


Eric Martin

Dario Ciccione
Zum zweiten Teil gesellten sich noch Liv Kristine und der schon erwähnte Russell Allen hinzu, "bei dem ich mir gar nicht so sicher war, daß ihn meine Mucke überzeugen würde. Schließlich liegt bei Symphony X die musikalische Meßlatte ziemlich hoch! Am leichtesten konnte ich noch Rob Tyrant von Labyrinth ins Boot lotsen, ist er doch ein guter Kumpel von mir; wir starteten unsere Karriere beim selben italienischen Label Pick Up Records - er mit seiner Truppe und ich mit Empty Tremor."

Als persönlichen Glücks(zu)fall kann man es wohl bezeichnen, daß auch die restliche Auswahl der Frontiers-Künstler Herrn Liverani ausnehmend gut in den Kram paßte.

"Ich bin quasi mit Bands wie Racer X, Mr. Big, Malmsteen aufgewachsen, und so war es natürlich ein besonderes Vergnügen, all diese Typen für meine Alben einspannen zu können. Aber es mußte natürlich - Idole hin oder her - zu den Songs passen."

Wie reagierten denn die Hochgeborenen auf sein Angebot, in einer Rockoper zu singen?

"Natürlich wollte jeder erst die Lieder hören, das Produktionslevel auschecken und so weiter; letztlich machten aber alle mit, weil es natürlich für die Beteiligten ganz besonders interessant war, ihre Stimmbänder mal ab von der üblichen Norm zu strapazieren. Für sie bedeutete es eine echte musikalische Herausforderung. Nehmen wir zum Beispiel Rob Tyrant, der mit Labyrinth eher gradlinigen Power Speed Metal fabriziert und der hier ungeahnt lyrisch daherkommt. Sich selbst mal in einem ganz anderen stilistischen Umfeld zu hören, spornte alle fast am meisten an."

Dennoch zog der Signore auf seiner Sängersuche auch so manche Niete, "denn nicht jeder konnte sich eine Beteiligung an einer Rockoper vorstellen."

Einer davon hört auf den Namen Kip Winger, und auch Jorn Lande feilte lieber an seiner eigenen Karriere mit Masterplan, als seine Zeit mit Liverani zu verschwenden. Für einen anderen wiederum, nämlich ausgerechnet Toto-Barde Bobby Kimball, schien die Mucke einen Tick zu großspurig angelegt, so daß auch er abwinkte. In dieselbe Kategorie fallen auch Geoff Tate [Queensrÿche] oder Rob Rock. "Die konnten mit der Musik einfach nichts anfangen", schließt Liverani dieses Kapitel für sich ab.

Und was ist mit ihm selber? Ist er heute, nachdem er so lange an diesem Epos gearbeitet hat, noch mit dem Ausgang zufrieden? Für einen Tüftler wie ihn gibt es doch immer wieder etwas zu verbessern.

"Normalerweise habe ich mindestens ein halbes Jahr nach Release der aktuellen CD schon wieder was zu meckern, da hast du mich schon richtig erkannt. Bei 'Genius' verhält es sich aber etwas anders; schon allein deshalb, weil es so lange brauchte, bis alles in trocknen Tüchern war. Dazu muß man wissen, daß wir bereits 1997 mit dem Rohgerüst zu 'Genius' experimentierten, von dem wir 1998 eine Demoversion eindosten [über Frontiers unter dem Titel 'Daily Trauma' zum Mid-Price erhältlich]. Die war für mich zu diesem Zeitpunkt der Weisheit letzter Schluß, ahnte ich damals doch nicht im geringsten, daß ich dafür einmal einen Deal an Land ziehen würde. Durch diese Vorproduktion bekam ich eine ziemlich klare Vorstellung davon, wo ich musikalisch, stilistisch und auch inhaltlich eigentlich hin wollte, und konnte es später exakt so auf CD bannen."

Einige Schreiberkollegen bekrittelten das schwache Songwriting des ersten Parts, das beispielsweise nicht mit dem zeitgleich erschienenen zweiten "Avantasia"-Opus von Tobi Sammet (Edguy) Schritt halten konnte. Eine berechtigte Kritik?

"Grundsätzlich finde ich, daß sich das generelle Feeling auf 'Genius' schon ziemlich von einer typischen Rockoper wie 'Avantasia' unterscheidet. Die finde ich zwar auch toll, weil ich so ziemlich alles, was rockt, gut finde. Aber trotzdem sind beide Opern nicht miteinander zu vergleichen. Bei Sammet hört man typische Einflüsse von Helloween und anderen deutschen Bands stark heraus. Allerorten dominiert straighter Heavy Metal, während 'Genius' eher von Combos wie Dream Theater oder Rush beeinflußt ist. Wahrscheinlich erwarteten die meisten Journalisten etwas ähnliches wie 'Avantasia' oder 'Streets' von Savatage. Meine Oper fällt da doch etwas komplexer aus, und die beteiligten Shouter hatten ganz schön zu knabbern, bis ein Track stand. Dadurch ist 'Genius' etwas schwieriger zu verdauen und keine Scheibe, die sich gleich beim ersten Durchgang erschließt. Da muß man die Lauscher schon genau aufstellen."

Aber auch Liverani weiß zum Glück, daß er es nicht jedem recht machen kann, und sieht sogar etwas Gutes in einer ehrlich gemeinten negativen Kriktik: "It's always important to know the dark side of the moon too!"

Wiederum andere beschwerten sich, daß man den Erzähler Philip Bynoe im ersten Teil so schlecht hört.

"Das war aber volle Absicht, denn es sollte die Musik im Vordergrund und der Erzähler eher leiser im Hintergrund stehen, um die emotionale Atmosphäre der Songs nicht zu stören. Deswegen mein Rat an alle ?Genius?-Horcher: Zieht euch das Ding mit Kopfhörer rein! So kann man sich am besten in die Traumwelt von Genius & Co. hineinbeamen."

Da das rein musikalische Gerüst aller Songs in nur einer Session 2000/2001 aufgenommen wurde, unterscheiden sich die beiden bislang veröffentlichen Parts stilistisch kaum. Daniele Liverani schöpfte seine ganze Bandbreite bei allen drei Teilen aus, ob des roten Fadens eifrig darauf bedacht, alle Tracks im selben Gewand zu formatieren.

"Alle drei Episoden stellen eine Reise durch ein Klanguniversum verschiedenster Sounds dar, jeweils abhängig von dem, was gerade in der Geschichte passiert."

Mark Boals

Philip Bynoe


Wie wurde denn das ganze aufgenommen?

"Eigentlich wollte ich alle Sänger in einem Studio in Italien versammeln, was sich wie gesagt rein zeittechnisch als schier unmöglich erwies. Darüber hinaus hab ich festgestellt, daß jeder Sänger in seiner gewohnten Umgebung, was Studio, Engineer, Produzenten betrifft, einfach am besten funktioniert. Die spielen doch alle in Bands, und jeder hat da sein ureigenes Arbeitsschema. So ließ ich die mal machen und sandte denen einfach nur die Songs zu, auf denen sie singen sollten. So gewann ich genügend Abstand zur Sache, konnte gleichzeitig Änderungen anregen und schließlich die Dinge, die mir so gar nicht reinliefen, beim Endmix einfach weglassen. Die Freiheit nahm ich mir, denn manchmal schipperten die einzelnen Interpretationen haarscharf an der ursprünglichen Absicht vorbei, was wiederum den ganzen Song verfälschte. Das konnte ich natürlich nicht zulassen. Die meisten überraschten mich aber eher positiv!" freut sich der Signore aus Bologna heute noch.

Doch neben all den bisher genannten Berühmtheiten sollte man den jungen Mann nicht vergessen, ohne dessen Schlagwerkerkünste weder die musikalische Ausführung des Epos noch die Idee dazu entstanden wäre: Dario Ciccioni.

"Ich bin immer auf der Suche nach guten, jungen Musikern. Ich arbeite gerne mit ihnen, denn da kommt noch so eine frische, positive Energie herüber, die mich antreibt", schwärmt der 34jährige Komponist. "Dario ist jetzt 21 geworden, doch als er die ersten Takes für die Oper einspielte, war er erst 14! Die endgültigen Sessions absolvierte er mit 16 - ihr könnt euch also vorstellen, welch überirdisch talentiertes Kerlchen mir da über den Weg lief. Und wie der jetzt erst spielt! Klar, daß mich so jemand total faszinierte und mich als bekennenden Tagträumer so zur gesamten Genius-Story inspirierte."

Eine Geschichte, die uns auch im dritten Teil der Trilogie wieder in fremde Dimensionen fern der grauen Realität entführen wird.



Unsere Petra ist ja musikalisch gesehen immer für Experimente zu haben - obwohl sie in der Redaktion von ihrem Musikgeschmack her als "unheilbar" abgestempelt wird. So kam "Petri" auch auf den Trichter ein Genius-Interview mit Masterminbd Daniele Liverani zu machen., weil: "Die anderen Interviews im Blätterwald echt nix taugen". Wenn Petra meint...Mehr könnt im neuen Break Out 5/2004 - ab sofort druckfrisch am Kiosk oder im Bahnhofsbuchhandel nachlesen.

Text-Interview: Petra Rottmann
Text Internet: Sven Lohnert



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©breakout 06/2004