GLAM/SLEAZE-ROCK-SPECIAL TEIL2
Die Weltherrschaft des Haarsprays-
Metal mit Make-up


VIXEN













In der letzten Ausgabe des Break Out wurden die Anfänge des Glitzer-Rock um Bands und Interpreten wie Sweet, T. Rex oder David Bowie beleuchtet. In diesem zweiten Teil des Specials wird die Szene in den Achtzigern näher betrachtet ­ immerhin eine Zeit, in der die Weichen für die zukünftige Entwicklung harter Sounds gestellt wurde. Denn auch wenn die Ära der Glitter-Combos unwiderruflich vorbei war, viele der Superstars aus den Achtzigern beriefen sich in Musik und Image auf die Glam-Bands der Siebziger.

Doch Anfang der Achtziger Jahre sah es nach allem anderen als einem Glam-Comeback aus. Punk hatte die Glitzer-Szene endgültig aus den Schlagzeilen gefegt und lag nun selbst in den letzten Zügen. New Wave und New Romantics waren das große Ding in England; in einer kleinen, aber feinen Nische machten sich die ersten Dark Wave-Acts startbereit; und die New Wave Of British Heavy Metal, 1980 von Bands wie Judas Priest, Iron Maiden und Saxon kraftvoll eingeläutet, war für all jene die neue Erleuchtung, die’s schon immer gerne etwas härter wollten. Davon angeregt, rüsteten in Amerika bald Acts wie Metallica oder Slayer zum großen und noch heftigeren Comeback des Schwermetalls, während Kapellen wie Journey und Toto dort die Radiostationen beherrschten mit schönem und gut gemachten Melodic-Rock, der jedoch so aufregend war wie die Strohhalmsammlung von Karl Ranseier. So oder so, die Musik-Szene war eher bieder geworden.
Aerosmith








Die Band, die aus der Kälte kam

Aber halt: In einem seltsamen Land im Norden Europas, das zwar nur ein Fünftel kleiner ist als Kalifornien, aber gerade mal halb so viele Leute beherbergt wie Los Angeles; ein Land, das sich schwertut, sich als solches zu betrachten, weil auf keine hundert Einwohner ein ganzer See kommt ­ dort begann plötzlich und unerwartet die Geschichte des Achtziger-Jahre-Glam-Metal und des späteren Sleaze-Rock. Matti Fagerholm fand seinen finnischen Namen einer internationalen Karriere als Rock-Star nicht besonders förderlich und änderte ihn kurzerhand in Michael Monroe. Das Haar färbte er sich genauso platinblond, wie es die Göttin des Hollywood-Kinos der 50er getan hatte, deren (ebenfalls unechten) Nachnamen er sich borgte.

Mit Andy McCoy, Sam Yaffa und Nasty Suicide, die alle ganz anders hießen, gründete er 1980 eine Band, die ihren komischen Namen im Titel des Debüt-Albums gleich erklärte: Auf der selbstproduzierten Scheibe “Bangkok Shocks, Saigon Shakes, Hanoi Rocks“ machten die Hanoi Rocks eine Musik, die sie Trash-Punk-Glam nannten. So beginnen Legenden, und spätestens 1982, als die Gruppe nach London übergesiedelt war und mit dem neuen Drummer Razzle das Album “Self Destruction Blues“ eingespielt hatte, waren Michael Monroe und sein bunter Haufen die Lieblinge der englischen Musikpresse. Das lag weniger an ihrem künstlerischen Werk, vielmehr am Outfit: Denn die Hanoi Rocks hatten das Haarspray und die Schminke wiederentdeckt und gingen mit beidem großzügig um.

Mötley Crüe
Noch besser konnten das Frank Carlton Serafino Ferrano und seine Boys in L.A. Ferrano hatte gerade seine Gruppe London verlassen und sich den fetzigen Namen Nikki Sixx zugelegt; mit Mötley Crüe spielte er 1981 das Debüt “Too Fast For Love“ ein. Die Truppe machte bald von sich reden wie kaum eine andere, und zwar durch ihre irre Bühnenshow und ihr dazu passendes Äußeres. The Crüe bestritt im Frühjahr 1983 das Vorprogramm der “Creatures Of The Night“-US-Tour von Kiss ­ ein regelrecht zukunftsweisendes Package: Die amerikanischen Glam-Rock-Helden der Seventies reichten praktisch das Zepter weiter an ihre Eighties-Epigonen. Denn spätestens mit ihrem zweiten Album “Shout At The Devil“ hatten Mötley Crüe ein überlebensgroßes Image kreiert, das eine ganze Welle ins Rollen brachte ­ der Glam-Metal war endgültig da. Musikalisch hatte die Kapelle zwischen deftigen Rockern und den üblichen Balladen die gesamte Bandbreite des modernen Stadion-Rock auf der Pfanne. So war die Cover-Version des Brownsville Station-Oldies “Smokin‘ In The Boys Room“ der ultimative Glam-Song, während satte Rocker wie “Looks That Kill“ oder “Shout At The Devil“ die härtere Fraktion bedienten.

Goldlocken und andere Poser

Fortan vermehrten sich die Glam-Bands wie die Hasen, toupierte Haarspray-Frisuren und Make-up gehörten in der Metal-Szene nun zum guten Ton. Der Schwuchtel-Faktor griff derart um sich, daß es für Hard’n’Heavy-Mucker fast schon Pflicht war, Rouge und Lidschatten aufzutragen und sich in samten glitzernde Spandex-Hosen zu zwängen, bevor es auf die Bühne ging oder zum Posing vor die Kamera. Der Begriff “Poser“ wurde zum ultimativen Lieblings-Schimpfwort derer, die irritiert ihre felsenfeste Überzeugung darlegten, daß gestandene Heavy-Helden gefälligst markant-männlich aufzutreten hätten und nicht feminin. Homophobische Thrasher und Speedster waren sicher, daß Glam eine Abkürzung sei für “Gay L.A. Metal“ und versuchten vergeblich, die Dinge optisch und häufig auch geruchlich wieder zurechtzurücken.
Dee Snider (Twisted Sister)






Eine ganz verwegene Glam-Band wie Twisted Sister focht sowas gar nicht. Ihr wildes und rüdes Auftreten bei Live-Shows stand im Gegensatz zu ihren Slade-mäßigen Stampf-Rock-Hits “We‘re Not Gonna Take It“, “You Can‘t Stop Rock’n‘Roll“ oder “I Wanna Rock“. Von Manowar zum Paradebeispiel einer Poser-Band erkoren, paßte die massiv geschminkte Truppe um Dee Snider auf jede Transen-Party, ohne aufzufallen. Nachdem die Combo im letzten Drittel der Achtziger das Zeitliche gesegnet hatte, versuchte Goldlocke Snider mit neuer Truppe Desperado und seriöserer Mucke vergeblich an alte Glanztaten anzuknüpfen. Mittlerweile betreibt er Musik nur noch als Hobby und hat seine Ambitionen nach Hollywood verlagert.

Wer noch alles in der Glam-Metal-Ära und mit welchem Erfolg mitgepost hat, welche psycho-sexuellen Aspekte da zum Vorschein kamen, und welche wichtigen orthographischen Besonderheiten mit dieser ganzen Sache verbunden sind, wird ausführlich dargelegt im neuen Break Out 2/99. Wer den Gang zum Kiosk richtig gut geschminkt antritt, hat doppelt so viel davon!


Text Interview: Markus Baro & Mike Seifert
Text Internet: Mike Seifert


Mehr darüber gibt´s im Heft 2/99 nachzulesen!
Falls Ihr dieses Heft bestellen möchtet - einfach anklicken!


©breakout 9/2000