GLAM/SLEAZE-ROCK-SPECIAL TEIL3
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Der Sleaze-Overkill


SKID ROW


In den letzten beiden Break Out-Ausgaben wurden der Glitter-Rock der Seventies und der Glam-Metal der Eighties unter die Lupe genommen. Der dritte und abschließende Teil unseres Sternchenthemas steht ganz im Zeichen einer Musikrichtung, die in Wirklichkeit gar keine ist ­ der Ende der Achtziger aufgekommene Sleaze-Rock entpuppt sich in Wirklichkeit als frisches Etikett für schon mal Dagewesenes und lediglich neu Verpacktes.

Oder auch alt verpackt: Während die Glam-Stars der Achtziger meist in edlem Outfit posierten, stammte die Garderobe der neuen Sleaze-Rocker scheinbar aus den endgültigen Resten vom Flohmarkt, die sonst keiner haben wollte. In Wahrheit lebte eine ganze Industrie später sehr gut davon, zerrissene Jeans und Netzhemden überteuert als letzten Chic zu verkaufen. Salonfähig hatten das abgerupfte Erscheinungsbild gegen Ende der letzten Dekade Guns N‘ Roses gemacht, die sich zu Anfang ihrer Karriere gar nicht so leicht taten.
L.A. Guns


Street Credibility für zwei

Die Truppe um den charismatischen Rotschopf W. Axl Rose (bürgerlich: William Bailey, mit 17 nahm er den Nachnamen seines leiblichen Vaters an und wählte den Vornamen Axl nach einer Band, mit der er zuvor in Indiana gespielt hatte) zog bei ihrem ersten offiziellen Auftritt im Troubadour-Club zu Los Angeles gerade mal zwei zahlende Zuschauer. Ihr Debüt “Appetite For Destruction“ erntete fast ausnahmslos vernichtende Kritiken und avancierte in allen Plattenläden zunächst zum sicheren Staubfänger. Dann, als Aerosmith mit der Single “Dude (Looks Like A Lady)“ und dem Album “Permanent Vacation“ bereits riesige Erfolge feierten, wendete sich das Blatt auch für die kalifornischen Sleaze-Rocker zum Guten. “Sweet Child O‘ Mine“, als letzte Verzweiflungstat als Single ausgekoppelt, wurde ein Riesenhit, die Gunners schoben in “Paradise City“ schnell einen weiteren Smash nach.

Und wie so oft sah die Industrie einen neuen Boom heraufziehen und signte alles, was optisch und musikalisch auch nur einigermaßen an die Gunners gemahnte. Da waren zum einen die L.A. Guns, die freilich schon länger als Axls Kapelle existierten. De facto waren sie die GN‘R-Vorgängertruppe, die, nachdem Axl dort das Handtuch geworfen hatte, unter ihrem alten Namen weitermachten und einige recht passable Scheiben unters Volk brachten. Eigentlich waren die L.A. Guns mit dem britischen Sänger Phil Lewis (vorher mit Def Leppard-Gitarrist Phil Collen bei Girl) die besseren und authentischeren Sleazer, die sich direkt auf die Glam-Rock-Könige Hanoi Rocks beriefen.

Guns 'N'Roses
Der Begriff “Sleaze“ und das zugehörige Adjektiv “sleazy“ bezeichnet in der englischen Sprache etwas, das schäbig ist ­ oder zum Abschaum gehört. Hier wird schon sehr gut deutlich, wo die Sleaze-Rocker unter anderem eine Geistesverwandtschaft sahen: im Punk der siebziger Jahre nämlich. Denn das Wort “Punk“ ist in seiner Bedeutung nicht weit entfernt vom Ausdruck Sleaze, den findige Promoter fortan für die neuen angesagten Kapellen verwendeten, deren Erscheinungsweise eine klare Absage an das vorher allgegenwärtige Glam-Image war.

Sleaze-Rocker pflegten eine Underdog-Mentalität, sahen sich als die Ausgestoßenen der Gesellschaft und unterstrichen ihre Rebellen-Attitüde mit entsprechenden optischen Merkmalen und Kleidungsvorlieben: Toupierte Haarpracht war passé, dafür diente nun nicht selten ein möglichst breites Stirnband als Kopfschmuck; Tattoos als Hautverzierung und zerrissene Jeans als Standard-Beinkleid waren obligatorisch, Westernboots unterstrichen die Outlaw-Mentalität. Sleaze bedeutete zudem häufig das Bekenntnis zu Suff und Drogen, Sex und Gewalt; die neuen Helden gaben sich als schwererziehbare Rabauken aus zerrütteten Verhältnissen, die alle Werte der Normgesellschaft ablehnten und gegen Schule, Elternhaus und feines Getue waren.

Abgerissen und abgebrannt aussehend, nicht ungern eine Flasche Whiskey in der Hand und unterm Hemd auch mal ein Spritzbesteck, wurde eine Gossen-Herkunft gepflegt, die von stinkenden Hinterhöfen, versoffenen Pennern, billigen Nutten und nie bezahlten Rechnungen geprägt war. Die kaputte Familie war Anlaß des Aufbegehrens und Ausbrechens, das Leben auf der Straße verlieh “Street Credibility“. Wo vieles davon reines Gehabe war, da konnte Axl Rose auf dem Höhepunkt des GN‘R-Erfolges während der “Use Your Illusion“-Alben (1991) immerhin verkünden, daß er als Kind von seinem Stiefvater vergewaltigt worden war.
Faster Pussycat


Wo die wahren Wurzeln des Sleaze liegen, wie der Glam-Adel reagierte, wer die Überflieger und Abstürze unter diese Rock-Etikett waren ­ und was das alles mit heute zu tun hat, liest sich ausführlicher im neuen Break Out 3/99. Ein rotzfreches Heft, das kein Blatt vor den Mund nimmt.

Text Special: Markus Baro & Mike Seifert
Text Internet: Mike Seifer
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©breakout 9/2000