Eine schöne Tradition ist das englische Gods Of AOR-Festival, das die Verantwortlichen um Mark Ashton von Now And Then einige Zeit in London veranstaltet hatten, bis sie schließlich nach Wigan in die Discothek Maximes umzogen, ungefähr eine Autostunde von Manchester entfernt. Mit von der Partie sind neben dem AOR-Heaven-Team aus Bayern erneut unsere Melodic-Freunde aus Berlin, die nach dem Event bei einer kurzfristig anberaumten Listening-Party im Hotel zeigen, daß auch sie zu den AOR-Hoffnungsträgern gezählt werden müssen. Ihre Demo-CD läßt nach ausgiebigen Hören nur einen Schluß zu: Gebt Berlin eine Chance, vielleicht auf dem Gods Of AOR-Festival 1999?

Dare
Eine Schande übrigens, daß etliche Leute aus deutschen Landen, die sich in puncto Melodic Rock für die ultimativen Institutionen halten, in Wigan fehlen. Bei solch einem Event ist Anwesenheit ganz einfach Pflicht.
Zwar ist das Maximes mit ungefähr zwei- bis dreihundert Leuten anfangs noch etwas spärlich besucht, als Lightspeed den Konzertreigen eröffnen, aber später sind knapp sechshundert AOR-Fans anwesend, die ihr Vergnügen haben. Lightspeed aus Kanada sind den meisten bestimmt unbekannt, obwohl die Combo schon etliche Releases vorweisen kann. Die Musiker haben sichtlich Spaß, und ihr melodischer Hardrock kommt durch den druckvollen Sound gut an beim Publikum.
Hernach ist der Gruppe Rainmaker zwar anzumerken, daß sie keine große Live-Erfahrung hat, aber trotz leichter Timing-Probleme herrscht während des Gigs eine gute Stimmung. Ihre Feuertaufe haben Rainmaker auf jeden Fall bestanden, und auf das für den Februar geplante Debüt kann sich der Melodic-Fan freuen.
Bob Catley Wie im Sound-Paradies komm ich mir dann bei Heartland vor, die mit Sänger Chris Ousey und Gitarrist Steve Morris akustisch auftreten. Als Verstärkung hat sich das Duo neben einem Basser noch Klampfer Kenny Kaos (Pokerface, The Distance) geholt. Der Gig lebt von Ouseys phänomenaler, ausdrucksstarken Stimme und den netten Saitenspielen der Herren Morris und Kaos. Dennoch bleibt die Frage: Wann treten Heartland, die auch schon 1997 an gleicher Stelle akustisch agierten, mal als komplette Band auf? Ich habe die Kapelle mit dieser Unplugged-Geschichte jetzt schon dreimal live gesehen, irgendwann machen sich da leichte Ermüdungserscheinungen bemerkbar.
In AOR-Kreisen genießen Hush aus Norwegen mit ihrem Album If You Smile großes Ansehen. So sind natürlich die Szene-Insider sehr gespannt, wie sich das sympathische Quartett live bewähren wird. Außeror- dentlich gut! Tracks wie Let It Rain oder This Side Of Love werden auf der Bühne einfach meisterlich umgesetzt, wobei Hush ab und zu an ihre Landsleute Stage Dolls erinnern. Beide Daumen hoch für diese Leistung, die auch die AOR-Freaks dementsprechend würdigen. Definitiv eine Band mit Zukunft!
Nix da mit Danish Dynamite, denn Pangea erweisen sich im Anschluß als völliger Rohrkrepierer. Was das Trio mit seinem deftigen Heavy-Rock auf einem AOR-Festival zu suchen hat, ist nicht nur mir völlig schleierhaft. Ein Knüppel-Sound tut neben den dürftigen Leistungen sein übriges, die Leute scharenweise nach draußen zu treiben.
Welch eine Wohltat, danach Change Of Heart zu hören. Die englische Gruppe veröffentlichte erst kürzlich ihren gleichnamigen CD-Einstand, der von den Heartland-Musikern Chris Ousey und Steve Morris produziert wurde. Im Gegensatz zum Album, das ein wenig mehr Druck vertragen könnte, überzeugen Change Of Heart live jedoch voll Erste-Sahne-Melodic-Rock, der ein wenig an die Cannucks Honeymoon Suite, FM und Heartland angelehnt ist und total gut abgeht. Klar, daß angesichts dieses Auftritts die Fans wieder zahlreich ins Maximes strömen und sich Stücken wie Sweat It Out und A Place In Your Heart oder When Its Love richtig verwöhnen lassen.
Aber schon bei der nächsten Formation ists mit dem gemütlichen AOR-Feeling zu Ende. Human Race prügeln sich nur so durch ihr Songmaterial bei einem brachialen Sound, der praktisch alles zudeckt. Warum die Combo eigentlich einen Keyboarder in ihren Reihen hat, verstehen selbst Eingeweihte nicht. Angehörs des Krachs muß jeder, der nicht taub werden möchte, vom Ort des Geschehens flüchten. Der Gruppe samt Mischer kann ich nur ins Stammbuch schreiben: Weniger ist manchmal mehr, besonders wenns um die Lautstärke geht. Als krönenden Abschluß verbraten die vier dann auch noch den Rainbow-Klassiker Stargazer und tun sich damit wirklich keinen Gefallen.

Hush
Große Hoffnungen setzt ihre Plattenfirma in die Newcomer Emerald Rain, deren Einstand demnächst veröffentlicht wird. Und trotz einer Erkältung des Frontmannes, die ihn stimmlich doch etwas angegriffen hat, zieht sich das Quartett sehr achtbar aus der Affäre. Die Musiker verstehen ihr Handwerk, so daß es Emerald Rain nicht schwerfällt, das Publikum zufriedenzustellen. Aus der Combo kann was werden.
Das sieht wohl auch der alte Mann des Melodic Rock so. Denn Emerald Rain sind mit dem Ten-Saitenhexer Vinny Burns an diesem Abend die Backing-Band für Bob Catley. Und die Leute feiern den Sänger gnadenlos! Kein Wunder, kommt doch das Material seines Solo-Streiches The Tower brillant rüber. Ob der Opener Dreams, Far Away oder mein persönlicher Favorit Fear Of The Dark schier unglaublich, wie gut Bob Catley bei Stimme ist. Ich glaube, der Mann wird mit jedem Lebensjahr besser. Daß sich einige Magnum-Songs wie Lonely Night, On A Storytellers Night oder die Zugabe Just Like An Arrow in die Playlist verirren, kann dem Publikum natürlich nur recht sein.
Als Headliner betreten zu vorgerückter Stunde Dare das Podium. Die Formation um den Ex-Thin Lizzy-Tastenmann Darren Wharton ist sicher ein würdiger Abschluß für dieses Festival. Neben seinem aktuellem Output Calm Before The Storm greift Darren ab und an aber für mich leider zu selten auf seine Vergangenheit mit dem
Debüt Dare und dem Nachfolger Blood From Stone zurück. Auch wenn der Gesamteindruck positiv ist, muß kritisch angemerkt werden, daß die fast ausschließlich akustisch arrangierten Gitarren auf Dauer ein wenig langweilen können. Ein Zacken mehr Aggressivität stünde der Formation gut zu Gesicht. Die Songs an sich sind perfekt, aber in der Live-Umsetzung fehlt das Sahnehäubchen.
Dennoch bleibt summa summarum auch die 98er-Auflage des Gods Of AOR in positiver Erinnerung. Außer den erwähnten Ausnahmen gabs gute bis sehr gute musikalische Leistungen und freundliche Leute bei netter Stimmung; nur daß Rachel nicht da war, hat einigen aus unserem Haufen doch sehr leid getan: Wir freuen uns aufs nächste Jahr.
Text Interview: Marco Magin
Text Internet: Marco Magin

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