GOTTHARD
Die Welt ist nicht genug

Natürlich kann man sie nicht abschütteln: die Erinnerungen. Vor allem im Zusammenhang mit den Jungs von Gotthard. Denn die Schweizer Ausnahme-Combo startete Anfang der Neunziger als eine lupenreine Hardrock-Kapelle, verfeinerte nach und nach ihr Konzept und wird schließlich spätestens heute als Rockband bezeichnet. Doch so schön damals ein "Downtown", "Hunter", "Love For Money" oder aber "Make My Day" auch um die Ecke knallten: Gotthard nahmen gemeinsam mit ihrem Mentor Chris von Rohr behutsam eine Stufe nach der anderen und können mit dem aktuellen Album "Homerun" den teilweise leicht schalen Geschmack des Vorgängers "Open" souverän wegwischen.

"Homerun" ist schlicht und einfach ein neues, kraftvolles Gotthard-Album voller Hits, mitreißender Melodien und mehr oder weniger ursprünglicher Ideen. Müßig zu erwähnen, daß die Truppe mit dieser wohlbekömmlichen Mischung in der Schweiz wieder sämtliche Rekorde brechen wird - die erste Single "Heaven" hat dort schon den ersten Platz der Charts erobert - und daß das weit weniger als zuletzt geschliffene Werk auch in Deutschland und anderen Ländern wieder zahlreiche Freunde finden wird. Hinter "Open" steht die Band allerdings nach wie vor. "Das Problem hatten wir in Deutschland bereits mit 'Defrosted'", eröffnet Bassist Marc Lynn unseren Plausch in einer Hamburger Lokalität. "In Deutschland zählen Live-Alben einfach nicht als vollwertige Alben. Für uns war das aber ein vollwertiges Gotthard-Album. Das Ding war so perfekt gemacht, daß man fast nicht hören konnte, daß es sich um eine Live-Scheibe handelt. Die üblichen Mängel einer solchen Veröffentlichung gab es dort nicht zu hören. Und zumindest in der Schweiz war das für uns der große Wurf. Vom Rock-Fan bis zur Sekretärin fuhren darauf alle ab! 'Five Man Acoustical Jam' von Tesla war doch damals auch ein vollwertiges Album mit unbekannten, zuvor nicht veröffentlichten Stücken und mit bekannten, aber anders interpretierten Songs. Ein 'Angel' von der ersten Platte und die Version von 'Defrosted' kannst du überhaupt nicht miteinander vergleichen. Das waren doch zwei gänzlich verschiedene Paar Schuhe."

Überhaupt nichts gegen "Defrosted". Der Punkt war der, daß ihr euch danach auf "Open" wohl etwas zu sehr von der "akustischen Laune" des Erfolgsalbums habt verführen lassen und etwas zu zahm ans Werk gegangen seid.

"Das Album ist insgesamt gut angekommen", stellt der ehemalige Viersaiter der unverwüstlichen China klar. "Wobei man sagen muß, daß wir damals beim Endmix und beim Mastering Leuten vertraut haben, denen wir vielleicht nicht hätten hundertprozentig vertrauen sollen. Aber die Sache hat uns nicht geschadet. Wir haben zwar einige alte Fans verloren, aber auch umso mehr neue dazugewonnen. Ob wir uns die teilweise aufkeimende Kritik an 'Open' zu Herzen genommen haben, weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß das neue Album etwas für jeden bietet, daß 'Homerun' für meine Begriffe richtig frech daherkommt. 'Open' war ganz klar mehr für die breite Masse als für die Rocker, und da fragten sich einige Leute sicher, was da jetzt auf sie zukommt? Von wegen: Gehen sie zurück, oder machen sie da weiter, wo sie mit 'Defrosted' und 'Open' aufgehört haben? Wir haben jetzt die goldene Mitte erwischt. Wobei für uns mehr als jemals zuvor einfache, gute Songs zählen. Da ist es egal, ob die Gitarren dominanter daherkommen oder das Schlagzeug etwas dezenter klingt. Solange es dem Endresultat dient, war uns alles recht."

Auch wenn eure alten Fans zufriedener als bei "Open", aber noch lange nicht richtig zufrieden sein werden: Eine bedingungslose Rückkehr zu den "Schweinegitarren" der ersten drei Platten kam für euch wohl niemals in Frage?

"Es gibt Bands, da macht es Sinn, daß sie immer gleich klingen - nimm Iron Maiden oder AC/DC. Wir könnten einfach nicht zehnmal nacheinander ein fast identisches Album abliefern. Nun haben wir ein Zückerchen am Start, das die Rock-Fans nicht stören wird und bei dem vielleicht auch wieder die Pop-Fans mitziehen werden."

Das kommt jetzt aber ziemlich generalstabplanmäßig über den Deich.

"Es klingt jetzt vielleicht etwas kalkuliert", nickt Marc zustimmend, "ist es aber nicht. Denn wir veröffentlichen nur Alben, auf die wir auch persönlich stehen und die wir mögen. Gibt es etwas Schlechtes an einem Rock-Album mit Pop-Einflüssen wie eben 'Homerun'? Ich denke nein! Das Wort Pop muß doch nicht immer, um Gottes Willen, diesen negativen Beigeschmack haben!"

Zumal wenn diese Pop-Einflüsse beim endgültigen Mastering noch durch die Finger einer Szenegröße wie George Marino gehen.

"Marino ist ein absoluter Vollprofi", begeistert sich Marc für den legendären Klanggott. "Er hat mehr Platten gemastert, als wir zwei zusammen in unseren Leben überhaupt gesehen haben. Und er hat sie sehr gut gemastert! Da kann man einfach mal ein Band über den Ozean schicken, ohne die Begleitung der Bandmitglieder oder eines Chris von Rohr. Wenn du einem Marino sagst: Mach mal, dann legt er sich automatisch voll ins Zeug! Ich finde, wir haben in 'Homerun' ein Klasse-Album abgeliefert, mit guten Rockern, Hymnen, aber auch mit soften Songs, mit Balladen. Da wollten wir auch beim Mastering in die vollen gehen und eine absolute Szenegröße mit in den Prozeß einbeziehen."

Wer das Material vor und nach dem Mastering gehört hat, stellt in der Tat einen nicht gerade kleinen qualitativen Unterschied fest. Doch was hat es mit dem ersten Gotthard'schen Titelsong bislang an sich? "Homerun" ist eine großartige Hymne geworden, mit einem sehr einfallsreichen Zwischenpart.

"In dem Zwischenpart gibt es Herzschlag zu vernehmen. Das kommt übrigens vom Keyboard, zu hören sind auch leicht entfremdete Sequenzen von unseren älteren Songs", erklärt Marc. "Das ist einfach die Umsetzung des Feelings, das wir haben, wenn wir oben auf der Bühne vor den Leuten all die Jahre seit unseren Anfängen Revue passieren lassen. So nach dem Motto: Was ist bis heute alles passiert, was haben wir alles erreicht. Zunächst wollten wir etwas Wildes in diesen Zwischenpart packen, aber als uns dieses Element einfiel, wußten wir, daß dies das wahre Ding ist. Vor allem für die anstehenden Konzerte ist diese Sache sehr reizvoll, denn da können wir diesen Zwischenpart beliebig improvisieren. Vielleicht lassen wir einfach das Publikum zum Herzschlag klatschen, vielleicht spielen wir an der Stelle einen Song an, den wir schon lange nicht mehr gebracht haben. Aber eines steht fest: Vom Band wird da nichts kommen! Das haben wir nie gemacht und werden wir auch niemals machen. Da würde man doch das ganze Feeling zerstören, die ganze Magie, die eine richtig spielende Band auf der Bühne entfachen kann."

Als sei das noch nicht genug - hat Kollege Krofta sich einen richtigen Marathon-Interview mit den schweier Multi-Sellern geliefert, der hier den Rahmen und eure Online-Gebühren sprengen würde. Deshalb gibt es mehr darüber nachzulesen im neuen Break Out 2/2001 - ab sofort druckfrisch am Kiosk oder im Bahnhofsbuchhandel.

Text Interview: Nikolas Krofta
Text Internet: Sven Lohnert



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©breakout 02/2001