GOTTHARD
Däumchen drehen und Bonsai

Im Jahre 1992 schallten die Gesänge und Gitarrenklänge einer sehr vielversprechenden Newcomerband namens Gotthard über die Berge und Täler der Schweizer Alpen zu uns nach Deutschland ­ aber auch ins restliche Europa. Das Debüt der damals noch als Quartett arbeitenden Band wurde allerorts euphorisch abgefeiert; mehr noch: Man sah in Gotthard die Wiedergeburt des klassischen, blues-basierten Rock à la Whitesnake. Mit Ihrem zweiten Album “Dial Hard“, das 1994 erschien, festigte die Gruppe ihren Status innerhalb einer Musikszene, die ­ inzwischen von Grunge und Alternative dominiert ­ dem Hardrock wirklich fast ein Grab geschaufelt hätte. Quasi als Schmankerl oben drauf veröffentlichte der Ricola-Vierer 1996 die Scheibe “G.“ (sprich: G-Spot), und für die Zukunft des klassischen Hardrock sah es wieder rosig aus.
Doch bei diesen drei Alben sollte es natürlich nicht bleiben. Gotthard wagten das für viele schier Unmögliche: Gotthard-Songs in akustischer Performance ohne Vollstrom ­ dafür aber mit sehr viel Feeling. Mit “Defrosted“ schlugen Gotthard selbst in ihrer Heimat ein wie eine Granate. Mittlerweile ist das Scheibchen in der Schweiz dreimal mit Platin ausgezeichnet worden, was in Deutschland einem ungefähren Absatz von 1,5 Millionen Tonträgern entspräche! Die Band stand und steht nun ­ nein, nicht unter Druck, sondern an einem Scheideweg, der ihr die Aufgabe gab und gibt, sich neu zu orientieren. Auf der einen Seite will die Formation natürlich die alten Fans nicht mit zu seichtem Material vergraulen. Das durch die “Defrosted“-Scheibe neu erreichte, sehr gemischte Publikum will sie aber auch nicht vor den Kopf stoßen ­ und was nun? Sie bastelt ein Album zusammen, das in gewisser Weise beide Seiten zufriedenstellt, ein Album das meiner Meinung nach die Dynamik der letzten Studioscheibe “G.“ mit der Atmosphäre von “Defrosted“ vermischt. Und diese Kombination dürfte Gotthard mehr als geglückt sein.

Mit Leadsänger Steve Lee einen netten Plausch über die Entstehung der neuen Platte “Open“ und das Drumherum zu führen, ist ein besonderes Vergnügen. Obwohl er schon den ganzen Tag damit verbracht hat, Trillionen von Fragen zu beantworten, ist Steve guter Dinge und klingt lediglich ein bißchen heißer.

Der Titel “Open“ beschreibt die Öffnung Gotthards für mainstreamigere Musik. Trotz der Gewissensfrage “alte Fans ­ neue Fans“ sind die einzelnen Songs jedoch keineswegs unter irgendeinem Zwang entstanden.

»Die Songs sind wirklich alle aus dem Bauch heraus entstanden. Was natürlich sehr maßgebend beim unserem Songwriting war, ist der Erfolg vom ‘Defrosted‘-Album, das in der Schweiz mittlerweile schon mit Dreifachplatin ausgezeichnet ist. Wir standen also doch ein wenig unter Druck, da wir wußten: Das, was nach ‘Defrosted‘ kommt, muß auch mindestens Doppelplatin erhalten, sonst wäre es ja fast ein Flop. Wir haben aber in der Zwischenzeit natürlich auch einiges dazugelernt und haben uns musikalisch weiterentwickelt. Wir wollten ganz bewußt etwas machen, was sowohl den Fans unserer ersten Platten als auch den Fans des ‘Defrosted‘-Albums gefallen könnte. Dann gab es aber noch den Aspekt, daß wir keinesfalls eine Kopie irgendeiner unserer bisherigen vier Platten machen wollten, nur um den einen oder anderen Fan zufriedenzustellen. Wir haben versucht, ein Album einzuspielen, das eben zum größten Teil alle Fans unter einen Hut bringt. Und das ist uns, glaube ich, auch ganz gut gelungen«, berichtet Steve.

Einen großen Teil zur musikalischen Weiterentwicklung der Band hat sicher auch die Zusammenarbeit mit Montserrat Caballe beigetragen. Doch trotz dieser Lehrstunden in Sachen Klassik sind die Herren Leoni, Lynn, Habegger und Lee ihren eigenen musikalischen Vorlieben treu geblieben, was auch diesmal ins Songwriting mit eingeflossen ist.

»Da gibt es, wie bei vielen anderen Bands sicherlich auch, oft Probleme. Leo und Marc stehen mehr auf Hardrock-Sachen wie eben AC/DC oder Deep Purple. Ich selbst komme eigentlich mehr aus der Mainstream-Richtung. Bei jedem einzelnen Song gab irgendwie ein anderer von uns sozusagen die Marschrichtung an, und das ist, glaube ich, auch das Besondere an ‘Open‘. Ich war schon immer derjenige, der mehr auf Melodie in den Songs setzen wollte, da ich nicht immer Lust dazu habe, den Shouter der Band darzustellen. Letztlich wird man halt auch älter und weiser. Wenn man dann jahrelang in irgendwelchen verrauchten Kneipen den Shouter rausgehängt hat, merkt man irgendwann, daß man eigentlich stimmlich viel mehr zu bieten hätte, als seine Stimme damit kaputtzumachen, immer gegen zu laute Gitarren ansingen zu müssen. Außerdem finde ich, daß die Songs von ‘Open‘ in ihrer Beschaffenheit alle das gleiche Level haben, keiner sticht irgendwie besonders hervor ­ die Songs bilden eine Einheit. Wir haben uns schließlich auch bei jedem Song die gleiche Mühe gemacht. Man kann sich die Scheibe sehr oft hintereinander anhören, ohne das Gefühl zu bekommen: Oh je, jetzt kommt der Song schon wieder!« lacht Steve. »Und das ist uns auch sehr wichtig. Denn gerade bei neuen Produktionen anderer Bands kommt es oft vor, daß nur ein einziger Song gut ist. Und das wollten wir ganz bewußt vermeiden

Was sich in der Gotthard-Hierarchie verändert hat, was die Band von Samples und Loops hält und wie Steve Lee über die Macht der Worte philosophiert, steht alles und noch mehr im neuen Break Out 3/99. Und auch nur dort ist zu erfahren, was es denn mit der seltsamen Überschrift auf sich hat!

Text Interview: Sven Reinfrank
Text Internet: Mike Seifert



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©breakout 9/2000