
Irgendwie war es abzusehen. Mit dem ersten Album Greatest Lovesongs Vol. 666 konnten sich die finnischen Herzensbrecher HIM, angeführt von Sänger, Komponist und Bandkopf Ville Valo, eine mehr als vielversprechende Ausgangsposition erkämpfen. Bereits die Vorab-Single Join Me, die Ende letzten Jahres das zweite HIM-Album andeutete, explodierte förmlich und hält sich auch noch jetzt (Anfang Januar), da ich diese Zeilen verfasse, in den höchsten Regionen der deutschen Single-Charts auf, Tendenz: steigend. Und was heißt das für den kommenden Longplayer? Wohl oder übel, daß er urplötzlich als heißer Kandidat für die Pole Position der deutschen Album-Charts gehandelt wird. Kann man all dies nur auf Villes enorme Präsenz zurückführen, die ihm sogar den Zutritt in die Seiten der Bravo ermöglichte?
Wohl kaum. Denn in allererster Linie ist der junge Finne ein ausgezeichneter Komponist, ein ausdrucksstarker Sänger, und so verwundert es nicht weiter, daß auch Razorblade Romance, so der endgültige Titel des neuen Longplayers, eine erneut mitreißende und romantische musikalische Reise darstellt, mit intelligenten Texten und einem enormen Hitpotential. Da stört es auch nicht weiter, daß der englische Produzent John Fryer seinen Einfluß ausspielte und die auf dem ersten Album noch allseits präsente Portion Heaviness leicht zurückschraubte. Doch das ist nicht wirklich schlimm, weil so die ausgefeilten Melodien fast noch besser zur Geltung kommen und weil das Album immer noch weit davon entfernt ist, gebügelt oder weichgespült zu klingen.
Ville ist ein äußerst angenehmer Zeitgenosse, und bei unserem Gespräch habe ich niemals das Gefühl, daß ihm der derzeitige Trubel um seine Person und die Band nahegehen könnte. Der Mann ist trotz seines jungen Alters ein Vollprofi, und wie er mir in einer Kölner Bar an der Theke so gegenübersitzt, kann ich mir nicht vorstellen, daß er in den nächsten Monaten abheben oder in einiger Zeit gar wieder von der Szene verschwinden könnte. Obwohl ihn eine Publikation letztens mit dem kultig-sinnlosen Prädikat gehypter Gothic-Loser bedachte.
Nicht, daß dies so eminent wichtig wäre, aber im Vorfeld gab es so einige Diskussionen und Vorschläge bezüglich des endgültigen Albumtitels.
»Das war in der Tat eine fast schon unendliche Geschichte«, kann Ville inzwischen über den Sachverhalt lachen. »Es gab ungefähr zehn verschiedene Titel-Alternativen. In der ersten Phase war Razorblade Romance der absolute Favorit, aber irgendwann erschien uns das etwas zu oberflächlich. Greatest Lovesongs Vol. 666 war seinerzeit eben ein sehr guter, vielschichtiger und vor allem sehr zutreffender Titel. Danach darf man halt nicht mit etwas Einfallslosem ankommen. Irgendwann hatten wir ungefähr sechs Bilder, die auf dem Cover hätten sein können. Und als wir uns dann für eins entschieden hatten, paßte Razorblade Romance doch wieder. In Verbindung mit dem Cover und dem Inhalt des Albums paßt der Titel sehr gut.«
Das häufig gespielte Video zu Join Me wurde zunächst als Trailer für den Science Fiction-Thriller The 13th Floor verwendet, die aktuelle Produktion des Roland Emmerich. Und der gleiche Song läuft auch im Abspann der europäischen Version des Films. Doch wie bewertet Ville Herrn Emmerich als Filmemacher? Godzilla, Independence Day oder auch Joey waren doch kaum mehr als relativ gut gemachte Popcorn-Unterhaltung.
»Immerhin kann Roland die Menschen mit seinen Filmen unterhalten. Viele Filmemacher versuchen es, schaffen es aber nicht. Aber wie du weißt, ist The 13th Floor nur bedingt ein typischer Emmerich-Film. Kein Actionfilm im Videoclipformat und schon gar nicht patriotisch. Eher ein Science Fiction-Drama. Mir hat der Streifen ziemlich gut gefallen, auch aufgrund der ruhigen, angenehmen, flüssigen Atmosphäre und der guten Schauspieler. Ich hatte überhaupt keine Einwände dagegen, daß unser Song für den Film benutzt wird und war hingegen richtig überrascht, daß man uns eine Teilnahme anbot. Es ist immer wichtig und gut, seine Musik in einem Film unterzubringen. Und in The 13th Floor läuft Join Me im Abspann, also nicht zerhackt mitten im Film oder irgendwo ganz leise im Hintergrund. Umso besser ist es dann, wenn es sich um einen guten Film handelt! Bevor ich es vergesse: Der ursprüngliche Titel des Songs, den die Plattenfirma für eine Singleauskoppelung aber wohl für viel zu übertrieben und brutal hielt, war Join Me In Death. Auf dem Album steht er allerdings.«
Wenn du dir die Mitwirkung von HIM an einem Film aussuchen könntest, wo würdest du denn gerne einen von euren Songs unterbringen?
»Wie wärs denn mit einem der Dirty Harry-Filme mit Clint Eastwood?« lacht Ville. »Stilistisch würde es vielleicht nicht hundertprozentig passen, aber es wäre nicht übel. Vielleicht kommt da ja noch irgendwann eine Fortsetzung und somit für uns eine Chance.«
Und welches sind deine Lieblingsfilme?
»Da gibt es schon einige. Vor allem solche, die einen zum Denken animieren. Aber ich lasse mich auch liebend gerne von Filmen unterhalten. Es kommt wirklich immer darauf an. Und auch bei Filmen gilt ähnlich wie bei der Musik die Zeitlosigkeit. Denn es gab gute Stummfilme, ebenso aber auch gute Movies aus den Achtzigern. Ich mag gute Experimentalfilme, kann mir aber auch einen einigermaßen guten Zombie-Streifen anschauen. Dazu muß ich aber sagen, daß ich absolut nicht auf Kinos stehe. Ich schaue mir Filme viel lieber gemütlich zu Hause an als in einem schlecht belüfteten und überfüllten Kino, wo die Zuschauer mit ihren Tüten knistern und laut schmatzend Pizza verzehren oder Bierflaschen rollen lassen. Das paßt halt zu Filmen überhaupt nicht und stört mich tierisch. Denn wenn ich mir meine Lieblingsfilme wie zum Beispiel Ekel von Roman Polanski anschaue, möchte ich ungestört sein und den Film genießen können. Auf den neuen Polanski Die neun Pforten mit Johnny Depp freue ich mich im übrigen sehr. Ich weiß zwar nicht genau, wann er bei uns in Finnland anläuft, aber ich habe bereits im Vorfeld nur Großartiges davon gehört. Und auf The Blair Witch Project bin ich ebenfalls gespannt, den will ich mir demnächst auch anschauen. Notgezwungen im Kino.«
Wie sehr überraschte dich eigentlich der Erfolg von Greatest Lovesongs Vol. 666, und wie sehr beeinflußte er die Identität der neuen Stücke?
»Der Erfolg war natürlich sehr angenehm, denn es ist schon eine sehr große Bestätigung, wenn ein Album, in das man so viel Energie und Arbeit investiert hat, dermaßen erfolgreich wird. Aber die neuen Stücke sind dadurch garantiert nicht beeinflußt worden. Sie wurden eben komponiert, aufgenommen, und jetzt kann man nur noch darauf hoffen, daß die Leute sie mögen werden. Den allgemeinen Musikgeschmack kann man sowieso nie so ganz einschätzen, denn er ändert sich bei vielen Menschen konstant. Dennoch hoffe ich, auch diesmal mit guten Melodien bestehen zu können. Zu den neuen Stücken fällt mir ein zusammenfassendes Wort ein: Selbstvertrauen. Das erste Album ist aufgenommen worden, wurde veröffentlicht, und niemand von uns wußte so genau, was damit passieren wird und wie es einschlägt. Dieses Mal wußten wir, daß wir einen gewissen Bekanntheitsgrad haben und ein gewisses Publikum ansprechen. Aber auch das ist keine definitive Sicherheit, denn sicher ist im Musik-Business eh so gut wie überhaupt nichts. Aber besser ist dieses Wissen auf alle Fälle.«
Das Material für das neue Album unterlief angeblich gleich einige Veränderungen. Eingeweihte sprachen davon, daß eine der vorläufigen Versionen recht metallisch klang, die nächste eher poppig, die nächste elektronisch. Wie gelangte man schließlich zu dem Endergebnis?

»Vor allem dadurch, daß bei uns in Gas Lipstick und Migé Amour [geniale Pseudonyme!] ein neuer Schlagzeuger und ein neuer Keyboarder einstiegen. Das Material unterlief in der Tat zahlreiche Veränderungen, und erst mit den neuen Bandmitgliedern konnten wir es in die bestmögliche Form bringen. Vor allem Gas half uns enorm. Wir fingen mit den Aufnahmen ohne einen Schlagzeuger an, und es hat vorne und hinten nicht funktioniert. Wir dachten dann auch über einen Studiomusiker nach und jammten sogar mit einem Drum-Computer. Aber weder die Band noch die Plattenfirma mochten eine solche Verlegenheitslösung. Letztlich fanden wir Gas, und es ging sehr gut voran. Ich denke, daß nicht zuletzt das belegt, daß HIM nicht nur aus meiner Person bestehen. Viele meinen das ja, aber es stimmt einfach nicht! Die anderen mögen halt nur diesen ganzen Medien- und Fanrummel nicht sonderlich. Ich übernehme das für sie. Aber musikalisch sind wir eine Einheit. Heute mehr denn jemals zuvor. Klingt vielleicht wie ein Klischee, stimmt aber wirklich. Denn unser ehemaliger Schlagzeuger hatte niemals große Lust zu proben und kümmerte sich mehr um seine Familie als um die Band. Das ist natürlich nicht tragisch, aber zwei größere Tätigkeiten lassen sich nun mal nicht miteinander verbinden. Und man muß eben miteinander umgehen können. Denn wenn man es nicht kann, kommt es spätestens im Studio oder auf Tournee zu echten Schwierigkeiten. Und ich sehe die Band und auch all die Menschen, die für und mit uns arbeiten, als eine große Familie. Unser Beleuchter zum Beispiel arbeitet seit unserem ersten Konzert mit uns, unser Mischer ist ebenfalls sehr lange dabei. Diese Vertrautheit und Bindung ist sehr wichtig, denn ansonsten könnte diese Arbeitsprozeß-Atmosphäre entstehen, und die ist für die Kreativität und Energie mehr als tödlich.«
Aber ist es wirklich so, daß die anderen in ihrem stillen Kämmerlein sitzen und Däumchen drehen, während du hier in Köln bei einer rauschenden Party abhängst und dich sichtlich gut unterhältst?
Wer würde es wagen, einem charmanten Verhörspezialisten wie Nikolas Schwerenöter Krofta nicht wahrheitsgemäß zu antworten? Mit unnachgiebiger Rasierklingenschärfe bohrt er nach Details und läßt sich haarklein erzählen, welche Filme Herzensbrecher Ville Valo schaut und wieso das Album Razorblade Romance in Wirklichkeit zweimal aufgenommen wurde. Das und noch viel mehr steht im neuen Break Out 2/2000 ein ganz und gar romantisches Heft.
Text Interview: Nikolas Krofta
Text Internet: Mike Seifert

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