HIM
Die Tränen der Rose


HIM sind wieder da!
Um fünf Uhr morgens aufstehen, einer unchristlichen Uhrzeit, nur um pünktlich um elf Uhr in Köln für einen Interviewtermin zu sein - da muß in der Tat etwas ganz Besonderes vorliegen, damit ich solche Strapazen auf mich nehme! Aber wenn meine Lieblingspromoterin Silke Yli-Sirniö das Ganze einfädelt, kann man erstens sowieso nicht nein sagen, und zweitens geht es ja um einen alten Kumpel, der auf den Namen Ville Valo hört.

Im Hilton angelangt, bekommt man schon bei der Getränkekarte einen Schock: ein Willi kostet da gleich mal 18 Euro! Bei dem Preis muß der Schnaps wohl noch aus Adams 2005 Jahre altem Vorrat stammen, mit dem er sich berauschte, wenn Eva ihre Tage hatte. Hätten Silke und ich die "kleine Orgie" im Mannheimer Uni Club nach dem LAB-Interview, wo der Willi in Strömen floß, in diesem Nobelbunker vollzogen, wäre ich für Drakkars Labelboß Kopec auf seinem Weg zum Insolvenzverwalter sicherlich Staatsfeind Nummer eins.

Aber dies kann heute nicht passieren, denn Silke, neuerdings auch Miss Finnland genannt, ist total abstinent geworden und will während ihrer Arbeit als Managerin für HIM in Europa und Asien kein auch nur noch so kleines Schlückchen anrühren. Was für ein Schock! Und während Ville noch in der Badewanne liegt, kämpft sich Silke bereits durch den alltäglichen Wahnsinn. Am Laptop werden erst einmal ein paar dutzend E-Mails beantwortet, meist mit verbalen Kommentaren wie "Die spinnen doch!" oder "Das kann doch nicht sein!" zum Abreagieren gewürzt. Da HIM Anfang September in der Nähe von Hamburg in einem Schloß spielen, muß sie sich um solche "Kleinigkeiten" kümmern, wie etwa dafür zu sorgen, daß die monströsen Kronleuchter vom Veranstalter abgehängt werden, damit beim ersten Gitarrenriff die Fans nicht erschlagen werden. Aber um Silke aus der Fassung zu bringen, muß schon etwas mehr passieren: beispielsweise eine SMS mit dem Inhalt: "Ich habe gerade die neue HIM-Single im Radio gehört. Ist wirklich super!" Da war unsere Miss Finnland wirklich perplex, denn es gibt keine Promotion-Singles, und die Vorab-CDs von "Dark Light" gingen ausschließlich an die Presse. Da hättet ihr die Gute mal sehen sollen, aber des Rätsels Lösung war dann doch etwas simpel. Warner hatte einfach "Rip Out The Wings Of A Butterfly" als Soundfiles an die Radiostationen geschickt.

Mittlerweile befinden wir uns in Villes Zimmer, und nach der herzlichen Begrüßung bekommt Silke gleich die nächste Hiobsbotschaft. Ein Journalist muß das Date in Köln absagen, weil der Bahnhof von Recklinghausen wegen einer Bombendrohung gesperrt ist. Das erinnert einen sofort an die Attentate von London, Madrid und natürlich New York.

"Es ist erschreckend", zeigt sich Ville sichtlich berührt, "und macht einem Angst. Burton war beispielsweise während der zweiten Bombenattacke in London, wo zum Glück nichts passiert ist. Außerdem leben dort auch einige von unseren Freunden, die sich wirklich fürchten, ihr Haus zu verlassen, um zur Arbeit zu gehen. Und das ist richtig arg! Speziell in London muß fast jeder für seinen Job die U-Bahn benutzen. Insofern ist das schon unheimlich. Niemand sollte in Angst leben. Vielleicht sollten sie wirklich die Truppen aus dem Nahen Osten abziehen. Das könnte helfen. Die Amis haben den ersten Fehler gemacht. Amerika hatte das Mitleid der ganzen Welt auf seiner Seite, da braucht man nicht in ein Land einzumarschieren. Ich bin absolut gegen Krieg, und ich glaube auch nicht, daß er etwas bringt. Natürlich verstehe ich, daß die Amerikaner richtig angepißt sind, aber das Kuriose ist, daß ich mich mit sehr vielen Menschen in New York über diese Thematik unterhalten habe, und die waren alle gegen den Einmarsch in den Irak. Aber gerade der Süden, der von dem Attentat überhaupt nicht betroffen war, hat sich ganz klar für den Krieg ausgesprochen. Insofern ist das eine sonderbare Situation. New York ist eine Art Schmelztiegel, in dem Menschen aus allen möglichen Regionen und Ländern leben, und die haben eine total andere Meinung als die Rednecks. Aber wie du ja weißt, ich bin kein Politiker!"

Die Band der Stunde

Promoterin Silke, Chris und Ville!

Da ich meinen Spezi und Schachpartner Migé auf dieser Promo-Tour etwas vermißt habe, mußte ich die alte Quasselstrippe wochenends einfach mal anrufen, um zusätzliche Informationen zu bekommen, und weil er manchmal die Dinge auch von einer anderen Seite als Ville sieht, aber in diesem Punkt sprechen sie natürlich eine gemeinsame Sprache.

"Beim ersten Attentat", gerät der ansonsten ruhige und gutmütige Bassist etwas in Rage, "war unser Manager Seppo gerade in London. Was da gerade in Europa passiert, ist alles andere als lustig. Burton (Keyboards) erzählte mir, daß der Verkehr zwar komplett stillstand, aber die Leute verhielten sich ganz normal und brachen nicht in Panik aus. Wir waren ja schon oft mit der Band in London, und ich liebe diese Stadt einfach. Nichts, aber auch gar nichts rechtfertigt solche Attacken."


Der perfekte Frontmann - Ville


Wenden wir uns mal wieder den normalen Dingen zu: Es ist schon ein Weilchen her, seit wir uns in Offenbach im Rahmen der "Love Metal"-Tour getroffen haben und bis fünf Uhr morgens an der Hotelbar Schach spielten. Mittlerweile ist ja so einiges passiert: Ihr habt einen neuen Deal mit Warner, eine exzellente Doppel-DVD wurde veröffentlicht, eine Tour in den Staaten wurde absolviert, auf Festivals wart ihr aktiv, und jetzt habt ihr mit "Dark Light" ein absolut brillantes Album am Start. Tja, das ist die Kurzversion. Gib mir einfach die lange Version, was nach Offenbach im HIM-Lager so passiert ist.

"Uff", aber das war nur mal so ein kleiner Verschnaufer von Ville. "Ich kann mich bestimmt nicht mehr an alles erinnern. Wir tourten vor ungefähr einem Jahr zum ersten Mal in Amerika, und das war genau zu dem Zeitpunkt, als unser Deal mit BMG auslief. Dort waren wir dann auf der Suche nach einem geeigneten Partner, und diverse Plattenfirmen signalisierten starkes Interesse an uns, was uns natürlich sehr gefreut hat. Da, wie du ja weißt, die wichtigsten Entscheidungen im Musikbiz meist in Amerika getroffen werden, dachten wir uns, es wäre gut, eine Stufe auf der Leiter hochzuklettern und mal was anderes auszuprobieren, anstatt erneut bei einem kleinen europäischen Label einen Vertrag abzuschließen. Und so haben wir uns für Sire entschieden, die mit Warner Music zusammenarbeiten. Sire ist das Label, das beispielsweise die Ramones, Talking Heads, Depeche Mode und so coole Bands wie Dinosaur Jr. für Amerika unter Vertrag genommen hat. Dann waren wir wieder auf Tour, haben angefangen am Album zu arbeiten und uns für Tim Palmer als Produzent entschieden, der bereits 'Love Metal' abgemischt hat. Gleichzeitig haben wir noch an der DVD gearbeitet, weil unsere alte Plattenfirma SonyBMG da noch die Rechte hatte.

Und bevor sie - und das wäre wohl so passiert - irgendeinen Mist veröffentlichen, haben wir selbst sehr viel Zeit investiert. Ein guter Freund in Helsinki half uns dabei, genau wie Silke, die alten Beiträge aus Deutschland zusammenzusuchen. So, was ist noch so passiert?", hält der Finne kurz inne. "Dann haben wir zwei, drei Monate, so um die Weihnachtszeit, die neuen Songs eingeprobt. Ich ging dann für einige Zeit nach Los Angeles, Silver Lake, wo wir zwei Monate lang aufnahmen. Für den Mix ging es dann nach New York ins Electric Ladyland-Studio, wo Jimi Hendrix damals alles aufgenommen hat. Für das Video zu 'Rip Out The Wings Of A Butterfly' mußten wir dann wieder nach L.A., und so war ich viereinhalb Monate von zu Hause weg, eine verdammt lange Zeit für mich. Und als ich wieder in Finnland war und eigentlich nur noch an Urlaub dachte, weil ich wirklich reif dafür war, ging die ganze Promotion schon los. Im Endeffekt hatte ich im Juli gerade mal vier Tage für mich, weil so Sachen wie Cover-Artwork und vieles mehr noch zu erledigen waren. Ach ja, zwischendurch habe ich noch mit Apocalyptica und dem Sänger von Rasmus 'Bittersweet' eingespielt. Mann, es ist einfach zu viel passiert, aber alles war wirklich gut für uns. Und jetzt geht alles wieder von vorne los, hahaha. So, das war zwar keine lange Version, sondern nur die Medium-Variante, weil ich mich nicht mehr an alles erinnern kann, aber wie ich dich kenne, hast du sicherlich noch ein paar spezifische Fragen."

In der Tat. In der Regel ist es eigentlich so - zumindest gilt das für viele Interviews, die ich geführt habe - daß ich gerade mal zwei, drei Fragen zum Album stelle und mich dann lieber den richtig interessanten Dingen widme. Aber "Dark Light" ist solch ein Hammer, daß wir uns in dieser Ausgabe nur auf dieses Album konzentrieren werden. "Dark Light" ist bei weitem nicht so heavy und düster ausgefallen wie "Love Metal", vielmehr erinnert es einen spontan an "Razorblade Romance" aufgrund der packenden Melodien und der mitreißenden Refrains, quasi ein Album, das nur aus Hits besteht.

"Während der Aufnahmen waren wir richtig relaxt. Die Songs waren gut vorbereitet, und wir hatten die Idee, ein Rockalbum ohne allzu viele Balladen aufzunehmen. In der Regel haben wir immer sehr viele langsame Lieder. Okay, 'Dark Light' ist etwas gediegener gehalten, gleiches gilt auch für 'Play Dead', die aber auch so ein Sabbath-Feeling haben. Auf jeden Fall sollte es ein straightes Rockalbum werden, mit fetten Refrains und so. Deswegen kann ich den Vergleich mit 'Razorblade Romance' auch gut nachvollziehen oder wenn die Rede von einem 80er Album ist. Und da wir dies seit Jahren nicht mehr getan haben, war es einfach mal wieder an der Zeit. Außerdem hat uns das Ganze tierisch Spaß gemacht. Diesmal spielen auch die Keyboards eine wichtige Rolle, so richtig episch, fast schon wie bei einem Soundtrack."







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Kettenraucher unter sich: Ville und Chris!



Eines kann man den finnischen Überfliegern von HIM sicherlich nicht vorwerfen: Untätigkeit! Was die Herren um Frontmann und Teenieschwarm Ville Valo in den letzten Jahren an Beständigkeit in punkto Releasefrequenz dargeboten haben erinnert an die seeligen 70er. "Dark Light" heißt der erste Major-Output der Nordmänner und wer sonst außer Chris Glaub kann Licht ins Dunkel bringen - doch lest selbst [hier nur in verkürzter Form] das vollständige Interview im neuen Break Out 7/2005 - ab sofort druckfrisch am Kiosk oder im Bahnhofsbuchhandel.

Text Interview: Chris Glaub
Internet-Text: Sven Lohnert



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©breakout 09/2005