JOURNEY
Das Mutterschiff ist gelandet
Wie sich doch die Zeiten ändern! Vor einigen Jahren war die Truppe aus San Francisco einer der angesagtesten Acts der Vereinigten Staaten. Ausverkaufte Stadion-Touren und Multi-Platin-Alben, so weit das Auge reichte. Journey waren die letzte Supergroup vor dem MTV-Zeitalter, und daß sich seither eine Menge geändert hat, ist kein Geheimnis.

Musikalisches Können oder exzellentes Songwriting entscheiden nicht mehr in dem Maße über Erfolg oder Flop, statt dessen sind Optik und ein einprägsames Image zu essentiellen Bestandteilen im Musik-Business geworden. Aber wenn die ehemaligen Superseller aus der Stadt des ersten amerikanischen Goldrausches dieser Tage zum erneuten Comeback mit ihrem elften Studio-Album "Arrival" ansetzen, ist der Erfolg programmiert, zumindest in ihrer Heimat. Wie es dagegen in der alten Welt aussieht, muß sich erst noch zeigen, denn hier konnte die Formation trotz starker Scheiben wie "Infinity" oder "Frontiers" nie so recht Boden gutmachen. Das lag zum einen in der mangelnden Live-Präsenz des exzentrischen Fünfers begründet, zum anderen darin, daß Journey musikalisch nicht so leicht in eine Schublade einzuordnen waren, wie es oberflächlich den Anschein hatte. Und da anläßlich der weltweiten Veröffentlichung von "Arrival" Bandgründer und Ausnahme-Gitarrist Neal Schon zum gepflegten Plausch bereitsteht, ist die Gelegenheit günstig, neben dem aktuellen Tagesgeschehen einmal ausgiebig die Vergangenheit aufleben zu lassen.

Denn die Historie Journeys ist eine interessante und reicht ganz weit in die Sechziger zurück. Da hatte ein talentierter sechzehnjähriger Gitarrist plötzlich die Qual der Wahl, als er gleichzeitig Angebote von Carlos Santana und Eric Clapton erhielt, die den Wunderknaben gerne als Verstärkung für ihre Touring-Bands verpflichtet hätten. Neal Schon entschied sich für Santana. Was dann folgte, ist Geschichte.

"Das war eine ganz eigenartige Zeit", rekapituliert der Gitarrist. "Santana waren so etwas wie eine Musik-Kommune, aber ich hätte besser wissen müssen, daß dort auf lange Sicht kein Platz für mich war. Es war von Anfang an Carlos' Musik, und er verfolgte kein festes Konzept. Anstatt kontinuierlich an dem großen Erfolg der ersten Alben anzuknüpfen, ließ er sich auf spirituelle Führer ein und schlingerte musikalisch auf immer schwerer zu definierenden Pfaden zwischen Weltmusik, Jazz und Latino-Flair. Da ich mich da erwartungsgemäß als Gitarrist kaum einbringen konnte, zog ich meiner Wege."

Daß Neal nicht im bösen schied, merkt man daran, daß der Mann auch heute noch seinem ehemaligen Weggefährten höchsten Respekt zollt und ihm seinen späten Erfolg mit dem Hit-Album "Supernatural" von Herzen gönnt.

"Ich glaube, es hat nur wenige härter arbeitende Musiker als Carlos Santana gegeben. Er machte all die Jahre Musik und ging dabei immer neue, experimentelle Wege. Santana spielten jahrelang Tag für Tag, und die Shows dauerten selten unter vier Stunden, und bei einer Tour - ich glaube, in den frühen Achtzigern - ist Carlos sogar mit anderer Band selbst in seinem Vorprogramm aufgetreten und hat eine weitere Stunde gespielt. Das muß man sich erst mal vorstellen! Carlos ist der absolute Vollblut-Musiker, und irgendwie hat es mich nicht einmal so sehr gewundert, daß ihm dieser späte Ruhm doch noch zuteil wurde. Zumal es mich immer sehr erfreut, wenn ich Gitarren im Radio höre. Was muß das für eine Wohltat für die gequälten Radio-Wellen darstellen!"

Als Neal jedoch kurz vor den Aufnahmen für das dritte Album bei Santana einstieg, hatte der Meister den großen Erfolg des Vorgängers "Abraxas" bereits verdrängt und begab sich in vergeistigte Sphären. Schon, der lieber abrocken wollte, mußte sich nach anderen Betätigungsfeldern umsehen. Er packte seine Axt kurz aus bei einer Truppe, aus der später die in den Staaten sehr erfolgreichen Graham Central Station wurden, als ihn ein Anruf vom ehemaligen Santana-Tour-Manager Herbie Herbert erreichte. Auch der findige Manager war von Schons Gitarrenkünsten angetan und plante, eine Gruppe um den Virtuosen zu formieren. Schon war einverstanden, und bald standen ihm Bassist Ross Valory, Drummer Prairie Prince, der später zu den Tubes wechselte, und der ebenfalls frustriert von Santana geflüchtete Keyboarder Gregg Rollie zur Seite. Journey waren geboren, aber eine Supergroup waren sie noch lange nicht.

"Wir gingen erst einmal durch die harte Schule", lacht Neal. "Unsere ersten drei Alben waren zwar sehr ambitioniert, wiesen aber nicht unbedingt eine klare Linie auf. Eigentlich klangen sie wie Santana ohne das Latin-Element und verkauften sich dementsprechend eher schleppend. Da half es auch nicht, daß uns unser Manager auf jede greifbare Tour buchte. Einmal spielten wir sogar im Vorprogramm des Soul-Stars Bobby Womack. Sein Publikum liebte harten Rock aber nicht besonders."

Vielleicht hätte man in diesen frühen Tagen nicht unbedingt auf die Künste des Simon & Garfunkel-Producers Roy Halee vertrauen sollen, welcher der Band zwar einen cleanen, jedoch ziemlich schaumgebremsten Sound verpaßte. Das hinderte einige später selber weltberühmte Kollegen jedoch nicht, kräftig die Ohren zu spitzen. Die Bombast-Rocker Kansas, damals einige Wochen gemeinsam mit Journey auf Tour, verwendeten das Hauptmotiv des Instrumentals "I'm Gonna Leave You" gleich als Anfangs-Part ihres Hits "Carry On Wayward Son", und die immens vertrackten Rhythmen von "Nickel And Dime", die schon ein hohes Maß an Musikalität erforderten, inspirierten zweifellos das kanadische Kleeblatt Rush zu späteren Großtaten.

"Mag sein, daß sich mancher Musiker an unseren frühen Kompositionen orientierte, aber uns brachte das natürlich damals wenig. Nach der dritten erfolglosen Scheibe 'Next' hatte unser Label genug und setzte uns ein eindeutiges Ultimatum: Beschafft sofort einen vernünftigen Sänger und bringt ein paar Hits ran."

Wieder kam Manager Herbert auf den Plan. Er erinnerte sich daran, einen guten, aber erfolglosen Sänger namens Steve Perry gehört zu haben, der gerade im Begriff war, seine Karriere an den Nagel zu hängen. Ein Treffen mit den anderen Bandmitgliedern wurde arrangiert, und in einer kurzen Session kamen in "Lights", "Patiently" und dem Super-Hit "Wheel In The Sky" gleich drei Kracher heraus, die den Grundstein des Superstar-Status der Band zementieren und eine sich lange großer Beliebtheit erfreuende neue Musikrichtung etablieren sollte. Der eingängige, mit viel musikalischem Know-how vorgetragene Hardrock des Multi-Platin-Albums ?Infinity? inspirierte Legionen von Musikern in aller Welt, und zusammen mit den starken Debüts von Boston, Foreigner oder Toto trat der Mainstream-Rock einen unaufhaltsamen Siegeszug an. In eine Schublade mit Bands wie Toto konnte man Journey indes nicht so ohne weiteres stecken.

Das Kollege Baro "eine ganz spezielle Beziehung" zu Journey hat, dürfte nicht erst seit heute bekannt sein. Deswegen "verdonnerte" ihn die Redaktion geschlossen zu diesem Interview. Doch Meister Baro läßt sich eben nicht beirren und legt sich sogleich in die Wanten. Mehr erfahrt Ihr im neuen Break Out 4/2001 - ab sofort druckfrisch am Kiosk oder im Bahnhofsbuchhandel.

Text Interview: Markus Baro
Internet-Text: Sven Lohnert



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