KING CRIMSON
Aus Nashville, Tennessee




Selbst nach über drei Jahrzehnten Bandtradition ist ein neues Album von Robert Fripps Gruppe immer noch eine Herausforderung für die Ohren der meisten Rockmusikhörer. Co-Pilot Adrian Belew sorgt dafür, daß King Crimson nicht fernab aller weltlichen Sphären dahersegeln.

Das Wort "progressiv" habe ich bewußt vermieden im gesamten Interview mit Adrian Belew (53), Sänger und Gitarrist von King Crimson. Mr. Belew hat es ebenfalls nicht in den Mund genommen. Obwohl "progressive rock" im eigentlichen Sinne diese Band noch am ehesten beschreiben würde. Leider steht der Begriff heute fälschlicherweise für das genaue Gegenteil.

Wieviel Einfluß hat die bisherige Historie von King Crimson auf die Musik eines neuen Albums?

"Zunächst einmal gibt uns die Vergangenheit von King Crimson die Richtung vor, in die wir uns musikalisch bewegen wollen. Das erleichtert die Arbeit enorm. Wir können, müssen uns aber nicht ständig neu erfinden. Andererseits verhindert das Alter der Band unseren Zugang zu 21jährigen Hörern. Die sind oftmals abgeschreckt von der Vorstellung, einer Combo zuzuhören, die seit über dreißig Jahren existiert. Ich bin stolz, Teil dieser Geschichte zu sein. King Crimson standen und stehen immer für Musik, die nach vorne schaut, Musik, die abenteuerlich im besten Sinne des Wortes ist. Fast jedes Crimson-Album bietet eine gute Balance aus konstruierten Instrumentalpassagen und gut durchdachten, auf den Punkt gebrachten Songs. Ohne die Songs wären wir zu abgehoben, und nur mit den einfacher strukturierten Liedern wäre es einfach nicht King Crimson."

Wie entsteht eure Musik?

"Ich bin der einzige, der richtige Songs schreibt: Lieder mit Melodie und dazu passendem Text. Seit meinem Einstieg 1981 ist das so. Generell entsteht unsere Musik damit, daß sich Robert und ich zusammensetzen. Man kann zwar im Grunde sagen, wenn es ein instrumentales Stück ist, stammt es eher von ihm, ist es ein richtiges Lied, bin ich meist der Autor. Dennoch sitzen wir oft zusammen und arbeiten gemeinsam an den eingebrachten Ideen. Wir spielen gemeinsam Gitarre und entwickeln so unsere Musik. Schreiben oder nehmen sie auf, um an einem anderen Tag darauf zurückzukommen. Entwickelt sich eine Idee eher in Richtung Song, bin ich derjenige, der diese Grundidee zu Ende führt. Tendiert es eher zu einem Instrumentalstück, treibt Robert es voran. Ob Songs oder instrumentale Stücke, wir beide arbeiten sie gemeinsam sehr detailliert aus. Angefangen bei den Gitarren, die sehr unterschiedlich sind und deshalb miteinander verzahnt werden müssen. Danach kommen die eher elektronischen Komponenten. Das ist auch der Zeitpunkt, wo die anderen beiden in den Prozeß eingreifen. Ihre Sicht der Dinge und ihre Spielweise beeinflussen mehr als nur das Arrangement. Im Falle des neuen Albums 'The Power To Believe' haben wir einige Stücke immer wieder live gespielt. Einerseits, um die Reaktionen des Publikums mit einfließen zu lassen, andererseits, um die Stücke für uns nochmals auszuprobieren und Arrangements zu verändern, Passagen zu ersetzen. Insgesamt haben wir so etwa zwei Jahre an dem Album inklusive der EP 'Happy With What You Have To Be Happy With' gearbeitet."

Als was würdest du King Crimson bezeichnen - seid ihr eine Popgruppe, eine Rockband, eine Jazzcombo oder was auch immer?

"Nichts von alledem. Wir fallen wohl in keine Kategorie. Pop sind wir nicht, sonst wäre unsere Musik populärer; eine strikte Rockband würde nicht mit so vertrackten Rhythmen arbeiten; Jazz als Deckel paßt auch nicht auf unseren Topf. Manche Teile von uns würden schon in diese Kategorien passen, doch dann gibt es wieder fast klassisch-symphonische Passagen oder Stücke, die nach Heavy Metal klingen."

Mastermind Fripp






Ist King Crimson für dich eine Band oder ein Projekt?

"Eine Band. Seit gut 21 Jahren stecke ich mal mehr, mal weniger all meine Energie und Kreativität in diese Band. Ein Projekt ist für mich etwas, was einige Wochen oder Monate dauert. Natürlich ändert diese Band oft ihr Gesicht. Aber das tun andere Bands ebenso."

Für mich ist es nicht unwichtig für die Musik einer Band, wo und wie die einzelnen Musiker leben.

"Ich finde das auch sehr entscheidend, wie und wo Musiker und Künstler leben. Also: Robert lebt in einem kleinen englischen Dorf."

Ist er noch mit Toyah zusammen? (Anm.: Ihr kennt Toyah "Neon Womb" Willcox nicht? Ihr kennt nicht das hypergeniale Live-Doppelalbum "Warrior Rock" von 1982? Jim Jarmans Film "The Tempest"? Die Movie-Version von The Whos "Quadrophenia"? Shame on you! Here comes the Dawn Chorus: Say good morning to the universe! - Der kriegerische Red.)

"Ja. Sie leben in dem Dorf, wo Toyahs Eltern leben. Ich lebe mit meiner Frau und vier Kindern am Rande von Nashville, Tennessee. Wo wir leben, ist es sehr ländlich, waldig und friedlich. Wir haben einen großen Garten mit Blumen, der mich inspiriert hat, mit dem Malen zu beginnen. Jeder Tag ist ausgefüllt mit Kindern und verschiedenen künstlerischen Tätigkeiten. Ich habe im Haus auch ein gut ausgebautes Musikstudio. Pat Mastelotto lebt in Austin, Texas, und Trey Gunn in Seattle, Washington. Das ist alles weit auseinander. Doch das Zentrum der Band in den letzten fünf Jahren war schon unser Haus. Robert kommt gerne aus England zu mir. Wir haben für ihn extra einen Teil des Hauses für seine Gastaufenthalte eingerichtet. Mit Küche, Bad, Schlafzimmer, Wohnzimmer, Büro. So kann er bei uns für Wochen oder Monate leben und arbeiten, ohne gestört zu werden."

Ähem: Would you please welcome - live on stage: King Crimson from Nashville, Tennessee!

"Klingt merkwürdig, oder? Aber warum nicht?"

Bruce Springsteen und Bon Jovi haben Alben herausgebracht, die sich mit dem 11. September beschäftigen. Könntest du dir vorstellen, ein solches oder ähnliches Ereignis mit deiner Musik und in deinen Texten zu bewältigen?

"Für das Leben, das ich führe, ist ein solches Thema zu groß. Ich lebe sehr zurückgezogen und beschäftige mich eher mit alltäglichen, vielleicht mal psychologischen Themen, als mit solch politischen Dramen. Ich könnte darüber nichts mit Substanz berichten. Auch wenn ich mir darüber bewußt bin, daß wir in brisanten Zeiten leben, spüre ich das nur auf Reisen. Lebte ich in einer Metropole wie New York, London, Paris oder Berlin, würde mich das Thema bestimmt eher betreffen. Von daher ist die Frage nach dem Leben und Wohnort eines Musikers schon nicht unentscheidend."

Wie lange bist du durchschnittlich im Jahr in Nashville?

"Ich führe tatsächlich Buch darüber: In den letzten Jahren war ich an circa 60 Tagen im Jahr nicht zu Hause. Im Verhältnis zu anderen Berufen finde ich das sehr angenehm. 2003 werde ich durch die Welttournee für 'The Power To Believe' länger von daheim fort sein. Aber das pendelt sich danach wieder ein."

Darauf hatte sich unser Genosse Lorant wieder mal richtig Bock! Ein ear-to-ear-Interview mit seinem Hero von King Crimson - Sänger Adrian Belew - ist für ihn das höchste der Gefühle. Wer mehr wissen will kauft sich am besten das neue Break Out 2/2003 - ab sofort druckfrisch am Kiosk oder im Bahnhofsbuchhandel.

Text: Michael Lorant
Internet-Text: Sven Lohnert



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©breakout 01/2003