LINKIN PARK
Ausgeschlafene Jungs

Daß eine Newcomerband aus dem Crossover-Segment so große Erfolge einfährt wie derzeit Linkin Park, erscheint ungewöhnlich, ist bei dem Quintett aus Los Angeles aber mehr als berechtigt. Irgendwie bringen die Südkalifornier das Kunststück fertig, aus der existierenden Masse der Kreuzüber-Kapellen hervorzustechen, dabei einen eigenen, unverwechselbaren Stil an den Tag zu legen und den Spagat zu schaffen, sowohl das breite Publikum als auch den Rockfan anzusprechen.

In "Hybrid Theory" haben Linkin Park eines der stärksten Alben des letzten Jahres vorgelegt. Diese Scheibe steht ein Jahr nach Veröffentlichung fast überall auf der Welt in den Top Ten der Albumcharts, und die Burschen haben mit ihrem Debüt schon jetzt einige ihrer Vorbilder auf die Plätze verwiesen. Viel Zeit, den Rummel zu kapieren, hatten die Jungs indes nicht. Ich erwische Gitarrist Brad Delson während Linkin Parks Deutschlandtour kurz vor der Show in München.

"Wir sind dieses Jahr schon das vierte Mal in Deutschland", setzt Brad an, "das ist schon irre. Vor ein paar Wochen waren wir mal kurz zu Hause, aber eigentlich sind wir seit jetzt seit 15 Monaten nonstop auf Tour. Und es ist noch lange nicht vorbei."

Ist das nun eher das Pflichtprogramm, oder gefällt es den Buben auf der Bühne, frage ich nach.

"Ich liebe es, auf Tour zu sein", sagt der Mann, "auch wenn es stressig ist. Auf Tour zu gehen, ist sehr wichtig, wir haben uns schon immer den Arsch abgespielt, nur so kommt man zu was. Um nicht blöd zu werden auf Tour, schauen wir uns immer die Sehenswürdigkeiten der Städte an, in denen wir gerade sind. Morgen gehen wir wahrscheinlich hier in München aufs Oktoberfest. Man bekommt tolle Eindrücke von Land und Leuten, wenn man unterwegs ist. Und nebenbei bemerkt macht es einen Riesenspaß, rauszugehen und zu spielen und mit den Fans zu sprechen. Die Begeisterung der Leute treibt einen zünftig an, das macht richtig Freude."

Daß Linkin Park Spaß auf der Bühne haben, kann jeder bestätigen, der die Power der Truppe mal selbst live auf die Ohren bekommen hat - zum Beispiel bei den diesjährigen "Rock im Park/Rock am Ring"-Festivals. Eine unglaubliche Dynamik kommt angeflogen, wenn die Truppe Knaller wie "One Step Closer" auf das Publikum losläßt. Diese Einheit, die Linkin Park mit ihrer Performance präsentieren, legt die Vermutung nahe, daß die Band auf natürliche Art und Weise zusammengewachsen ist. Fünf Freunde, das sind wir?

"Wir sind eine Schlafzimmerband", lacht Brad und führt weiter aus: "Wir haben uns alle bis auf Chester, unseren Sänger, auf der Schule kennengelernt. Unser gemeinsames Hobby war Musik, und so haben wir quasi die ganze Zeit in Mikes Schlafzimmer verbracht und Songs geschrieben; weggegangen sind wir so gut wie nie, und mit der örtlichen Musikszene hatten wir nichts zu tun. Als Chester dazukam, war die Band komplett, und wir beschlossen, unsere selbstkomponierten Songs vorzustellen, und spielten einen Gig in L.A. Und genau bei diesem ersten Auftritt war ein Typ von einem Musikverlag im Publikum, der uns sofort einen Vertrag anbot. Ein Verlagsvertrag führt zu einem Plattenvertrag, dachten wir, und haben zugegriffen."

Sowas nennt man Glück. Dann konnte ja gar nichts mehr schiefgehen, werfe ich ein. Der Klampfer kontert:

"Na, so schnell und einfach ging's dann doch nicht. Dieser Gig, von dem ich sprach, war 1996. Wir haben vier Jahre lang Showcases für so ziemlich jede Plattenfirma gespielt, und keiner wollte uns haben. Wir haben uns aber nicht entmutigen lassen und weiterhin neue Songs komponiert."

Also kommt der Erfolg doch nicht so plötzlich für die Truppe?

"Mit der Größe des Erfolges haben wir natürlich nicht gerechnet. Aber es stecken auf jeden Fall fünf Jahre harte Arbeit in Linkin Park. Wir sind sehr dankbar für die Anerkennung, aber wir haben eben auch dafür gearbeitet."

Mich interessiert, ob es einige der ersten Songs, die das Orchester gemacht hat, auf "Hybrid Theory" geschafft haben.

"'A Place For My Head' haben wir 1996 geschrieben", erklärt Brad, "allerdings hieß der Song damals anders. Einige andere Titel auf dem Album sind aus älteren Nummern von uns entstanden, von denen wir Teile genommen und einen neuen Song draus gemacht haben. Der Großteil der Stücke ist aber neueren Datums."

Was bei Linkin Park neben den packenden Ohrwurm-Melodien und dem komplexen Songwriting auffällt, sind vor allem auch die durchdachten, hintergründigen und stellenweise melancholischen Texte, die man von ein paar College-Boys eigentlich nicht erwartet. Zumal andere Bands des Crossover-Genres gerne mal die "Ach, wir haben Probleme, und die Welt ist schlecht"-Attitüde propagieren und textlich deutlich aggressiver zu Werke gehen. Brad Delson hat dazu seine eigenen Ansichten:

"Wir befassen uns in unseren Texten tatsächlich viel mit allen Arten von Gefühlen. Liebe Angst, alles mögliche. Wir sind fünf normale Jungs, die natürlich auch Probleme haben, aber eben normale Probleme. Wenn andere Bands über schwierigere Themen schreiben wie etwa Politik, und sie meinen das ernst, dann ist das toll. Für uns sind die Emotionen ein großes Element in unseren Texten. Für einen Teenager ist es nicht gerade einfach, erwachsen zu werden, man ist unsicher und macht sich viele Gedanken. Über so etwas schreiben wir. In unseren Songs gibt es auch immer diesen Hoffnungsschimmer, eine Lösung; das ist ganz wichtig. Wie zum Beispiel im Video zu 'Crawling': Es handelt von einem Mädchen, das ernsthafte Probleme hat, aber am Ende hilft ihr die Musik, diese Probleme zu bewältigen. Ich denke, unser Ziel ist, daß die Stücke eine Dynamik haben - textlich, musikalisch und stilistisch."

Also sind Linkin Park weder politisch noch aggressiv. Aber der Soldat auf den Cover?

"Der Soldat, den übrigens unser Mike Shinoda designt hat, ist eine Hybride, eine Kreuzung zwischen Soldat und Elfe", erklärt der Gitarrist. "Die Figur des Soldaten symbolisiert das aggressive Element in unserer Musik. Die Elfenflügel stehen für die Emotionen und den melodischen Teil."

In der Tat vermischen Linkin Park gekonnt klassische Metal-Riffs mit HipHop und Rap, dabei auffällig für mich ist die großartige Stimme von Sänger Chester Bennington, der durch seine kraftvollen Refrains die Songs erst wirklich zu Ohrwürmern macht.

"Ja", stimmt mir Mister Delson zu, "er ist großartig. Es war uns von Anfang an ein Anliegen, einen Sänger, der sein Handwerk versteht, in der Band zu haben. Mike und Chester brüllen nicht gegeneinander an, sondern ergänzen sich einfach perfekt."

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Text Interview: Birgit Bräckle
Text Internet: Sven Lohnert



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