LORDI
Die Brücke zwischen früher und heute


LORDI legen ein Knaller-Debut vor!!!

Was sich bereits im letzen Interview mit dem Monsterman andeutete, hat sich zur Freude aller Heavy-Metal-Fans bestätigt. Auf dem ersten Longplayer "Get Heavy" der Finnen kriegen wir den guten alten Metal der 80er Jahre frisch und unverbraucht in den heimischen CD-Player. Das Schöne an Lordi ist, daß die Band nicht nur durch ihr außergewöhnliches Outfit auffällt, sondern daß sie diese Musik für sich und die Fans lebt. Dieses Album ist ein Tritt in den Arsch, und so mache ich mich erneut auf in die Gruft, um Neues von Lordi zu erfahren.

Als erstens muß ich trotzdem auf die Single "Would You Love A Monsterman?" zurückkommen. Ich hatte für das erste Interview nur die finnische Produktion, auf der alle Bandmitglieder zu sehen sind, danach hat mir eure Plattenfirma die deutsche Ausgabe zukommen lassen, und die kam mit einem total anderen Cover: Auf dem pappt ein Sticker mit der Aufschrift "No. 1 Smash Hit from Finnland", und nur du bist abgebildet.

"Nun, das finnische Cover ist das originale; die Plattenfirma meinte, daß dieses Cover doch etwas zu dunkel für Deutschland wäre, deshalb haben sie das neue Cover gemacht. Ich kann das zwar nicht nachvollziehen, aber es kann ja auch sein, daß wegen der Zensur das Cover für Deutschland neu gestaltet wurde: Bei euch sind ja auch keine Zombiefilme oder die guten Horrorstreifen frei zu kriegen. Aber ganz sicher bin ich mir nicht."

Dann habe ich auch noch Electronic Press Kit für den Computer bekommen, das den Werdegang und die Art und Weise des Schaffens von dir und der Band Lordi widerspiegelt. Auf diesem EPK kann man auch mal den Mann hinter der Maske von Lordi sehen. Können die Fans auch in den Genuß dieses Teiles kommen, oder wurde das rein zur Promotion gemacht?

"Das haben wir strikt und nur für die Medien gemacht, und ich will auch, daß alle Medienvertreter das als Geheimnis für sich behalten, denn ich will mein wahres Gesicht im Hintergrund lassen. Auf diesem EPK ist es aber für mich und die Band einfacher, die Story, die hinter Lordi steckt, zu zeigen und zu erklären, wie du es ja auch sehen konntest."

Wie überall zu lesen ist und auch die Plattenfirma schreibt, sind Kiss die erste Band, die du gehört hast; sie hat dein Leben beeinflußt, Kiss sind deine großen Idole. Auf der neuen CD kann man aber auch sehr stark hören, daß du in den Songs Parallelen zur Alice Cooper-Nummer "Poison" hast. Ganz besonders ist mir das in dem Stück "Devil Is A Loser" aufgefallen.

"Ja, das ist richtig, alle Einflüsse kommen vom 80er Metal. Ich kann damit leben, wenn man sagt, daß ich mit Alice Cooper zu 'Trash'-Zeiten verglichen werden kann; es ist nicht so viel von Kiss in unseren Stücken. Denn wenn du die Geschichte des Metal betrachtest, fällt auf, daß Alice Cooper Ende der 80er auch viele Kiss-Passagen in seinen Songs hatte. Das ist jetzt das, was ich meine: Die Melodien aller Songs hat man irgendwo schon mal gehört, sie wiederholen sich mit neuem Soundgewand und können wieder gefallen. Ich habe eben ein paar Riffs von Alice Cooper, aber ich kopiere ihn nicht, sondern lasse irgendwo seine Musik in unseren Stücken wieder zum Leben erwachen. Wenn du 'Get Heavy' hörst, merkst du auch, daß wir nicht kopieren, sondern einen etwas moderneren Sound mit dem 70er und 80er Metal verbinden, sozusagen die Brücke zwischen früher und heute bauen."

Unser Guru Möller hatte die Ehre, eure Show in Finnland zu sehen. Haben sich denn deine Erwartungen bezüglich der Effekte und des Publikums erfüllt?

"In Finnland konnten wir leider nicht all das auf der Bühne machen, was wir uns vorgestellt haben. Der Hauptgrund ist, wie so oft im Musik-Business, das Geld. Wenn eine 'normale' finnische Band tourt, sind da etwa um die zehn Leute auf und hinter der Bühne, wir hingegen brauchen für unsere Show mindestens zwanzig Leute, die auch bezahlt werden wollen. Aber wir arbeiten dran, alles zu tun, was wir uns für die Bühne vorstellen. Das Ziel ist, es immer größer und besser zu machen, als es jetzt ist. Ich habe immer noch Sachen in der Hinterhand, die man zu unseren Auftritten hinzufügen könnte, und es macht mir nicht viel aus, mit etwas weniger auf der Bühne auszukommen, jedenfalls momentan. In Finnland sind die Bühnen einfach sehr klein, oder es gibt Städte, die überhaupt keine Halle oder Auftrittsmöglichkeiten haben. Bei unserer Show waren wir trotz der kleinen Bühne sehr zufrieden, das Konzert war mit 1.100 Leuten restlos ausverkauft, und die Leute waren supergut drauf."

An Halloween kam eure Single in Deutschland raus, in Finnland der erste Lordi-Longplayer, welcher bei uns im Januar in die Läden kommt. Leider ist es aber so, daß die Single keinen Bonus für die Fans enthält, denn alle Songs sind auch auf dem Album, und auch euren genialen Videoclip habt ihr nochmals auf "Get Heavy" verewigt. Wolltet ihr die Single erst mal auf den Markt bringen, um zu sehen, wie Lordi bei den Fans ankommen?

"Als die Single in Finnland erschien, war es Juli, Anfang August, und in Finnland ist es so, daß es bei der ersten Single nichts ausmacht, ob da jetzt Bonusstücke drauf sind oder nicht. Bei der nächsten Single, die bei uns auf den Markt kommt, wird es einen Bonus-Track geben, der nicht auf dem nächsten Lordi-Album sein wird. Ich glaube, die Plattenfirma will die Singles jetzt in verschiedenen Ländern zeitgleich herausbringen. Als 'Would You Love A Monsterman?' erschien, war die deutsche Plattenfirma noch nicht an Lordi interessiert. Ich weiß noch nicht mal, ob sie damals überhaupt schon was von uns gehört hatte und was wir so auf der Bühne vorhaben. Das dürfte der Grund gewesen sein, warum es diese Zeitverschiebung bei der Veröffentlichung der Single gab."

Mit der seid ihr in Finnland Nummer eins in den discoverseuchten Charts geworden; wie läuft in eurer Heimat denn "Get Heavy"?

"Jetzt ist sie immer noch in den LP-Charts auf Platz zehn, wir haben mit dem Album in circa eineinhalb Wochen Gold-Status erreicht, und wenn sich noch ein paar Scheiben verkaufen, steuern wir sogar auf die Platin-Regionen zu. Die Scheibe läuft in Finnland also super, und unsere Plattenfirma hier ist mehr als zufrieden. Wir sind natürlich sehr froh darüber, daß die Fans akzeptieren und verstehen, was ich mit Lordi geschaffen habe und auch noch erreichen will."

Sänger Tom (aka LORDI)



Es ist mittlerweile publik geworden, daß wir Lordi auch in Deutschland live bewundern dürfen.

"Richtig, wir werden kommen, und zwar werden wir am 11. und 12. Januar in Deutschland für zwei Shows in München und Oberhausen sein. Wir machen für unsere finnischen Kollegen Nightwish den Opening-Act. Wir möchten sehen, wie Lordi bei euch ankommen, und da wir für Nightwish eröffnen, ist es auch klar, daß wir deren Wünsche akzeptieren und respektieren müssen: Wir werden also, wenn auch leider, ohne Pyros oder andere Effekte spielen, was aber zum jetzigen Zeitpunkt als Vorgruppe für uns absolut in Ordnung geht." (Anm.: Der Autor hat mal wieder gepennt und nicht geschnallt, daß die vorliegende Ausgabe erst Ende Januar herauskommt, weshalb Lordis Aussage mächtig viel Sinn macht. Nächste Woche tätowieren wir Strubel unsere Erscheinungsdaten fürs ganze Jahr auf die Pfoten. - Der Red.)

Lordi sind irgendwie ein Phänomen: Da dümpelt ihr zehn Jahre im Untergrund herum, und plötzlich bekommt ihr für euer Debütalbum nach nicht mal zwei Wochen Gold. Lordi - die Shooting-Stars, die Newcomer des Jahres?

"Ja, genau so ist es passiert, und genauso unglaublich ist es. Ich freue mich auch riesig darüber, aber was in Finnland wieder komisch ist: Viele Leute glauben, daß alles nur von der Plattenfirma gepuscht und gehypt wird: Die hätte nur die Songs von irgendwelchen Hitschreibern bestellt, denn es gibt ja Slipknot oder Marilyn Manson, also brauchen wir jetzt einen maskierten und mit Spezialeffekten gespickten Monsterman. - Dagegen kämpfe ich permanent an, denn ich will meine Ideen schon seit zehn Jahren umsetzten und den Leuten präsentieren und darbieten."

Kannst du bei dem Erfolg immer noch mit beiden Füßen auf dem Boden stehen, oder schweben Lordi jetzt schon auf Wolke sieben?

"Nein, auf keinen Fall hebe ich jetzt ab, es stehen hier noch keine Limousinen herum, wir haben minus 25 Grad, es ist hier arschkalt, und im Umkreis von zwanzig Kilometern gibt es hier keine Menschenseele. Ich habe meine Füße immer noch auf dem Boden, ich kriege im Moment den Erfolg nur über die Zeitung mit. Ich bin immer noch derselbe, mein Leben hat sich nicht geändert."

Wir haben uns beim letzten Mal schon über Horrorfilme und die neuen DVD-Medien unterhalten; wenn ihr jetzt nicht die Chance habt, alles, was ihr wollt, auf der Bühne zu zeigen, wäre es doch eine Möglichkeit, eine Halle zu mieten, das volle Lordi-Programm aufzufahren, davon eine DVD zu machen und das ganze mit einem Lordi-Film zu verbinden.

"Guter Vorschlag, das würde ich natürlich gerne machen. Aber wie gehabt ist das alles eine finanzielle Sache, wir sind ja mit Lordi noch ganz am Anfang der Reise. Ich würde natürlich alles dafür geben, wenn ich einen Lordi-Film machen könnte. Selbst die Spice Girls oder auch Cradle Of Filth haben Filme gemacht. Aber ich würde die Bandmitglieder nicht als Schauspieler agieren lassen, denn das können wir nicht. Wenn hoffentlich jemals ein Streifen von und mit Lordi herauskommt, wird das im Stile von 'Twighlight Zone' oder 'Hellraiser' geschehen. Ich will die richtige Atmosphäre, den Stil und das Aussehen von Lordi in meinem Film haben, aber nicht die Mitglieder der Band als Schauspieler. Wenn unsere Charaktere in dem Film vorkommen, dann sollen sie von Schauspielern dargestellt werden, wir würden höchstens im Hintergrund sein, mal kurz hinter Bäumen auftauchen, aber nicht mehr. Was ich noch machen würde, wäre der Soundtrack, aber nicht als Lordi-Songs, sondern als atmosphärische Hintergrundmusik. Ich denke aber mal, daß ich diese Idee noch weit in die Zukunft schieben muß, da wir mit Lordi halt immer noch am Anfang stehen."

LORDI-Live







Während Lordi außerhalb Finnlands noch relativ unbekannt sind, ist die Band im Moment in ihrem Heimatland tierisch angesagt. Das läßt sich nicht nur an der Besucherzahl von eintausend Gästen im Helsinkier Club Nosturi festmachen, die dort der Weltpremiere einer Lordi-Live-Show beiwohnen, sondern ist auch an den Chart-Erfolgen der Gruppe abzulesen. Die Single "Would You Love A Monsterman?" war vier Wochen auf der Pole Position der finnischen Charts, danach immerhin noch für die Dauer von fünf Wochen auf dem zweiten Platz und hat mittlerweile Goldstatus erreicht; "Get Heavy", das bei uns Ende Januar erscheinende Album, stieg auf Platz drei in die finnischen Charts ein. Mit diesen Erfolgen im Rücken kann an diesem sehr kalten Samstagabend (minus zwanzig Grad sind auch für einen Norddeutschen wie mich kein Pappenstiel) eigentlich nicht viel schiefgehen.
Daß die Finnen etwas eigen sind, dürfte bereits hinlänglich bekannt sein, aber daß bei einem Rockkonzert das Publikum strikt in Erwachsene (die berechtigt sind, Alkohol zu trinken) und Jugendliche (kein Alk - die geben sich dafür aber vor dem Club die Kanne) aufgeteilt wird, war mir bislang völlig unbekannt. (Anm.: Das läuft beispielsweise in US-Clubs genauso. - Der Red.) Der durchweg guten, friedlichen Partystimmung tut das aber keinen Abbruch, zumal die Eingeborenen diese Situation ja kennen.
Nach einem kurzen Intro betritt Lordi, der "Unholy Overlord of Tremors", mit seinen vier Mitstreitern - Gitarrist Amen, Bassist Kalma (der ungelogen wie Maiden-Maskottchen Eddie zu ?Killers?-Zeiten aussieht), Drummer Kita und das einzige weibliche Bandmitglied Enary (Keyboards) - die Bühne, die für fünf Musiker jedoch viel zu klein ist, zumal die Musiker ja auch teilweise sehr ausladende Kostüme und Masken tragen. Stage-Design und Requisiten (Stahlgitter, abgetrennte Gliedmaßen) erinnern an die Kulissen im "Hamburg Dungeon", und natürlich ist das Set relativ kurz und die Songauswahl logisch. Doch der Auftritt macht Spaß und bietet die ideale Kombination aus Rock'n'Roll und Entertainment, auch wenn man mit Songs wie "Devil Is A Loser", "Rock The Hell Outta You", "Would You Love A Monsterman?", "Biomechanic Man", "Dynamite Tonite", "Get Heavy" und "Monster Monster" heutzutage keinen Award für das originellste Songwriting mehr gewinnt. Aber haben Bands wie Alice Cooper, Kiss, AC/DC, Status Quo oder die Ramones einen solchen jemals bekommen? Klar, Lordi haben den Status dieser Gruppen noch lange nicht, aber die Finnen sind auf einem sehr guten Weg, denn die Mischung aus Show und Musik stimmt - auch wenn Teamchef Lordi kein einziges Wort ans Publikum richtet, was er aber bewußt tut, wie er mir in einem Gespräch anvertraut.
Die Musiker beherrschen ihre Instrumente (was angesichts der prallen Kostümierung alles andere als selbstverständlich ist), und während die Musik an eine Mischung aus Kiss, Zodiac Mindwarp und Alice Cooper erinnert, geht das Outfit der Combo mehr in die Gwar-Richtung, allerdings wurden deren Splatter- und Schockelemente nicht übernommen. Der Unterschied ist der, daß Gwar oft Ekel hervorrufen und die Grenzen des guten oder schlechten Geschmacks völlig bewußt überschreiten, während Lordi (die Band) mehr an eine Geisterbahnfahrt als an einen Blood'n'Gore-Film erinnern. Man gruselt sich zwar für einen ganz kurzen Moment, amüsiert sich dann aber umso prächtiger. Und genau das habe ich auch getan, so daß ich es kaum erwarten kann, die Truppe auf dem diesjährigen Wacken-Open-Air zu sehen. Wie gut muß diese Band erst auf einer großen Freiluft-Bühne sein, auf der man Bewegungsfreiheit hat und alle pyrotechnischen Showelemente zeigen kann/darf? Die Antwort gibt es (spätestens) im August.

Da konnte der gute Herr Strubel nicht widerstehen - die neue LORDI-Scheibe "Get Heavy!" steht an - das ist "Profi-Sache"! Und was bei seinem ewig langen Plausch mit Sänger Tom herausgekommen ist, ist wie immer investigativ. Ein unkonventionelles Interview, welches hier in gekürzter Version erscheint und von allem handelt, was das Rockerherz begehrt. Das und noch mehr erfahrt Ihr im neuen Break Out 2/2003 - ab sofort druckfrisch am Kiosk oder im Bahnhofsbuchhandel.

Text Interview: Jochen Strubel
Live-Bericht: Oliver Loffhagen
Internet-Text: Sven Lohnert



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©breakout 01/2003