LORDI vs. XANDRIA
Monsterman meets Killerfrau


LORDI trifft auf Xandria-Frontfrau Lisa Schaphaus

Dieser Tage veröffentlichen in Lordi und Xandria zwei noch etwas unbekannte Bands ihr jeweils zweites Studioalbum. Aus deutschen Gefilden erheben sich Xandria, um mit ihrer zweiten Scheibe "Ravenheart" angenehme atmosphärische Klänge ins frühsommerliche Wohnzimmer zu bringen. Nach ihrem letztjährigen Debüt "Kill The Sun" und einer anschließenden Tournee im Herbst als Support von Tanzwut legen sich Xandria also erneut mächtig ins Zeug, um einen weiteren wichtigen Schritt nach vorne anzustreben. Für all die sterblichen Fans unter uns lächelt Frontlady Lisa Schaphaus vom Cover der neuen CD und meldet sich hier begeistert zu Wort, um einen kleinen Einblick in das Treiben von Xandria zu gewähren und Interessantes zur Bandgeschichte zu erzählen. Und Lordi, allen Fans der "Unsterblichen" aus einer anderen Welt die Bestbesetzung am Megaphon seiner Kapelle und bei uns bereits mit Nightwish auf Kurztournee und auch bei der Wacken Roadshow, sieht sich in der Lage, interessante Kommentare zum neuen Schauerstück "The Monsterican Dream" zu beantworten.

Der "Monstermann" Lordi erzählt, wie er einst seine musikalischen ersten Schritte wagte.

"Es gab ein musikalisches Leben vor Lordi, oder besser ausgedrückt, bevor Lordi letztlich bekannter wurden, gab es die Band schon seit einiger Zeit. Die ersten Demos haben wir damals in den frühen neunziger Jahren aufgenommen. Seit 1997 sind wir aber in der heutigen Besetzung zusammen. Bis ich mit Lordi groß starten konnte, war ich der Präsident des Kiss-Fanclubs in Finnland. Das bin ich zwar immer noch, aber nur noch kommissarisch, doch ich verdiene damit kein Geld. Ich arbeitete zuvor in der Filmbranche und habe bei einigen größeren Projekten mitgewirkt. Hauptsächlich habe ich aber mein Geld als Regisseur von Musikvideos und Werbespots verdient. Das war mein damaliges sogenanntes seriöses Leben, und nebenbei hatte ich ja schon die Band Lordi. Dann wollte ich unbedingt einen Plattenvertrag bekommen, und seit wir das nun auch tatsächlich geschafft haben, bin ich hauptberuflich in Sachen Lordi unterwegs. Da bleibt sowieso nicht mehr viel Zeit für einen normalen Job nebenher. Die Band nimmt mich komplett in Anspruch. Ich atme, rieche und kacke Lordi! Wenn ich einmal ein paar Minuten abschalten will, dann funktioniert das eigentlich nur, wenn ich tief schlafe. Das sind dann die einzigen Momente, in denen ich wahrscheinlich gerade nicht an Lordi denke. Den gleichen Effekt erziele ich auch, wenn ich mich vor den Fernseher breitmache. Ansonsten bin ich aber ständig mit Fragen rund um die Gruppe beschäftigt und in alles Mögliche mit einbezogen."

Bei Lisa Schaphaus ist das natürlich ähnlich, denn auch sie hat schon vor ihrer Zeit bei Xandria viel Musik gemacht. So begann sie ihre "Karriere" bereits von Kindesbeinen an, wie sie berichtet.

"Ich mache wirklich schon immer Musik und ich bin über die Klassik zur Musik gekommen. Als ich drei Jahre alt war, habe ich mit dem Klavierspielen begonnen, und im zarten Alter von sechs Jahren nahm ich zusätzlich noch Geigenunterricht. Das habe ich acht Jahre lang durchgezogen, und als ich dann mit dem Geigespielen aufhören wollte, war das ein ganz entscheidender Wendepunkt in meinem Leben. Schließlich hatte ich zu dieser Zeit auch damit angefangen, am Klavier ein paar eigene Songs zu komponieren. Ich hatte irgendwie das Gefühl, einfach einmal was ganz anderes machen zu wollen, und so kam mir letztlich auch die Idee, mit dem Singen zu beginnen. Also habe ich vier Jahre lang sehr intensiv Unterricht in Operngesang genommen. In einer Schülerband spielte ich damals allerdings nicht, denn es war damals als Mädchen sehr schwer, in so eine Band einzusteigen. Außerdem paßte meine Stimme nicht so wirklich zu einer typischen Schüler-Rockband. Ein Mädchen, das Klavier spielt und wie eine aus der Oper singt, das war nicht wirklich angesagt. Als ich 18 wurde, beendete ich den Gesangsunterricht, da meine Stimme schon sehr klassisch ausgerichtet war und Klassik nicht unbedingt die Musik war, die ich in Zukunft weiter machen wollte. Also habe ich zwei Jahre lang intensiv daran gearbeitet, meine Stimme wieder zu 'ent-operisieren'. In dieser Zeit bin ich auch als Solistin aufgetreten, wobei ich meine eigenen Songs am Klavier gespielt habe, ähnlich wie Tori Amos. Es war im Jahr 2000, als mich dann Marco, der Gitarrist und Begründer von Xandria, fragte, ob ich denn nicht Lust hätte, in seiner Band zu singen. Da ich damals direkt nach dem Abitur noch keine großartigen beruflichen Zukunftspläne geschmiedet hatte, sagte ich auch begeistert zu."

LORDI (oben), KITA (unten)




Hat denn Mr. Lordi etwa in einer "Monster-Schülerkapelle" gespielt?

"Ich habe schon weit vor Lordi mit dem Musikmachen begonnen. Jeder möchte wohl, wenn er jung ist, eine eigene Band haben. Ich hatte natürlich auch eine, und als ich meine erste eigene Gruppe gründete, waren wir gerade neun Jahre alt. Das war aber völlig normal damals. Mit 14 habe ich meine erste Ausstattung bekommen, eine elektrische Gitarre und einen Verstärker. Erst dann waren wir eine richtige Band, und ich begann schön langsam, mit Lordi etwas Eigenes zu entwickeln. Als wir 1992 dann unser erstes offizielles Lordi-Demo aufnahmen, wurde mir so richtig bewußt, daß es etwas Besonderes ist, was ich da mache. Seitdem hatte ich nur noch den einen Gedanken, Lordi immer weiter vorwärtszubringen. Lordi war meine erste eigene richtige Band, mein eigener Weg und die perfekte Möglichkeit, meine eigenen Gedanken in Form von Musik zu verwirklichen. Das war in den vorhergehenden Combos nicht möglich, da der musikalische Geschmack eben sehr unterschiedlich war. Die Gitarristen wollten damals viel härtere und gitarrenorientierte Musik spielen und ich eben nicht."

Lordi zeigt sich sehr begeistert, wenn er von den Anfängen seiner Truppe erzählt, genau wie Lisa Schaphaus auch, die ihre damaligen Solosongs nicht auf einem Xandria-Album mit verarbeitet hat, wie sie erläutert.

"Die Songs, die ich heute für Xandria schreibe, entstehen aber tatsächlich auf dieselbe Art und Weise wie meine früheren Songs. Meine Kompositionen schreibe ich in ihrer ursprünglichen Form nur am Klavier. Allerdings sind die Lieder, die ich für Xandria geschrieben habe, alle aus der jüngsten Vergangenheit. Aus der Zeit vor Xandria liegen bei mir zu Hause noch so knapp 150 Songs oder Songideen auf Tape herum. Wir haben zwar schon einige Male Tracks von früher durchgehört, aber mit Xandria verfolgen wir definitiv den Anspruch, aktuelle Musik zu machen und vor allem die Emotionen zu verarbeiten, die uns in den letzten Monaten beschäftigt haben. Wieso sollten wir also auf alte Songs von mir zurückgreifen, wenn es genügend neue Ideen gibt?"


AMEN (oben), ENARY (unten)



KALMA
Und was haben die anderen Musiker vor Xandria getrieben, und warum ist im Labelinfo kein Bassist mehr zu finden?

"Marco [Heubaum], unser Gitarrist und der Begründer von Xandria, spielte früher in Schülerbands und machte fast ein bißchen punkige Musik. Er mochte immer schon die härtere Musik. Später gründete er eine eigene Band, die als musikalischer Vorläufer von Xandria bezeichnet werden kann. Dort hat er seine Erfahrungen gesammelt, die er jetzt bei Xandria einbringen kann. Unser zweiter Gitarrist Phillip [Restemeier] ist ein wahrer Gitarrenfreak und hat schon irgendwie alles auf der Gitarre gespielt. Er lebte sogar einige Zeit in Brasilien und hat dort auch lateinamerikanische Spielarten gelernt. Er ist also topfit, was die spanische Gitarre betrifft. Philip war immer in einer Band, und ganz nebenbei ist er noch bei einer weiteren Band beschäftigt, bei der es eher progressiver zugeht. Gerit [Lamm], unser Drummer, ist der eindeutigste Metaller bei Xandria. Er hat schon immer in Metalbands gespielt und zwar mehr bei den härteren Truppen. Manchmal denke ich mir, daß ihm als Drummer die Musik von Xandria wie 'easy listening' vorkommen muß. Unser bisheriger Bassist Roland hat gerade in der Phase, bevor wir ins Studio gingen, wichtige berufliche Entscheidungen getroffen. Es hat sich irgendwie herauskristallisiert, daß er beruflich seinen Weg gehen muß, und da er mit seinen 30 Jahren auch in einem Alter ist, in dem er schauen muß, welche Ziele er verfolgen möchte, hat er die Band verlassen. Also haben wir überlegt, daß es am vernünftigsten wäre, wenn er noch einige Passagen einspielen könnte, die wir für wünschenswert hielten. Den Song 'Too Close To Breath' hat Roland selbst geschrieben, und da war es verständlich, daß er gerade hier die Baßparts übernommen hat. Die restlichen Songs haben wir von einem Sessionsbassisten einspielen lassen, der gleichzeitig unser Roadie ist. Wir haben momentan keinen Bassisten, und daher sind wir dabei, einen neuen Musiker zu suchen. Dafür lassen wir uns aber sehr viel Zeit, weil bei Xandria eine sehr familiäre Atmosphäre herrscht, und es ist schwer, einen geeigneten Musiker zu finden, der nicht nur musikalisch, sondern auch menschlich zu uns paßt."

Lordi haben sich mit ihrem "monströsen" Outfit ein eigenes Image aufgebaut, was Frau Schaphaus von Xandria nicht behaupten möchte. Wer sich aber die Bilder aus dem Videoclip zu "Ravenheart" auf der Website des Labels oder den Clip selbst ansieht, der stellt fest, daß hier mit lauter mittelalterlichen Elementen (Burg, schwarzer Reiter, Vollmond, et cetera) gearbeitet wird.

"Wir bauen kein bestimmtes Image auf. Das sind lediglich Bilder und Szenen aus unserem 'Ravenheart'-Video, und genau zu diesem Song passen genau diese Elemente am besten. Vorgestern habe ich übrigens erfahren, daß ein 'Ravenheart' auch schon als Science-Fiction-Roman existiert. Wir haben kein Konzeptalbum geschaffen, obwohl so etwas immer eine ganz spannende Angelegenheit wäre. Für 'Ravenheart' haben wir nur Songs verwendet, die innerhalb des letzten Jahres entstanden sind. In dieser Zeit passierte so viel mit Xandria und um uns herum, so galt es, diese unterschiedlichen Eindrücke, die auf uns eingeströmt sind, auch musikalisch und textlich zu verarbeiten. Der Song 'Ravenheart' ist aber nicht unbedingt repräsentativ für unsere Musik. Dieser eine Song ist mehr eine Spielerei mit der Thematik 'Fantasy', 'Gothic' und all den Symbolen, die man damit verbindet. Der Inhalt des Videoclips läßt sich nicht pauschal auf die gesamte Musik von Xandria übertragen."

Der "Monstermann" Lordi ist da bezüglich seiner Truppe etwas anders unterwegs.

"Nun, das ist nicht so einfach zu sagen. Es spielt für mich immer noch die Musik die Hauptrolle bei Lordi. Also glaube ich, daß es ohne die Musik gar keine Band Lordi geben würde. Als ich mir bei vor der Bandgründung die ersten Gedanken dazu machte, stand an erster Stelle die Musik, und ich kombinierte lediglich einzelne Komponenten aus meinem Leben mit den Songs. Ohne unsere Musik würden diese Monster gar nicht existieren können. Wir spielen unsere Musik sehr gerne, und das zu absolut 100 Prozent. Das bedeutet wiederum, daß ich zu einem Foto-Shooting zu 100 Prozent als Monster hingehe, aber wenn es um die Songs geht, dann bin ich eben mehr der Musiker. Für das Album trifft das nicht zu, daß wir ein Image aufbauen. Allerdings gebe ich dir recht, was Live-Shows betrifft. Da ist das Verhältnis zwischen der Musik und der Show bestimmt bei 50 zu 50. Hier spielt das Äußere, die Monster, eine starke Rolle. Im Vergleich zu vielen anderen Gruppen haben wir eben etwas ganz Spezielles zu bieten, was unser Auftreten betrifft. Das ist tatsächlich unser Image, mit dem wir uns von den anderen Bands abheben. In Finnland haben wir sehr verrückte Fans, aber die Presse meint oftmals, daß wir nur ein reines Image darstellen und die Musik eher im Hintergrund stehe. Das ist aber Quatsch, denn egal, wer deine Lieblingsband ist, macht das jeweilige Äußere bezüglich der Musik wirklich etwas aus? Wenn ein Bruce Springsteen geschminkt wie ein wie King Diamond aufträte, wären seine Lieder deshalb schlechter? Nein, die Songs würden die gleichen bleiben, und entweder magst du sie oder eben nicht. Ich verstehe das nicht ganz, daß das Äußere und ein bestimmtes Image die Musik beeinträchtigen sollen. Wenn wir unser Make-up tragen und in Kostümen auftreten, dann denken manche, daß wir musikalisch besser klingen als ohne das Drumherum. Das ist doch ein Käse!"

Ich denke dabei an Kiss und ihre "Unmasked"-Zeiten. Damals wollte die Herren keiner mehr sehen und hören, und ich erinnere mich an ihren eher peinlichen Auftritt beim "Monsters Of Rock" 1988 in Schweinfurt. Bei denen hat es doch ohne Masken nicht funktioniert, oder?

"Nein, so kannst du das nicht sehen. Sicher sind Kiss jetzt wieder zurückgekehrt, und das eben maskiert. Aber es sollte nichts damit zu tun haben, daß sie damals nicht maskiert waren. Sie hatten auch ihre musikalische Ausrichtung entscheidend verändert. Das war ein gewichtiger Grund für das Scheitern von Kiss in den achtziger Jahren. Kiss hinkten musikalisch immer zwei Jahre der Szene hinterher, das war das eigentliche Hauptproblem. Ich finde nach wie vor, daß ihre Musik genial war, auch wenn sie kein Make-up trugen. Wenn du ihre Musik magst, dann ist das egal, ob du ihr Gesicht nun siehst oder nicht. Ohne ihre Masken waren sie eben nur viel realer. Ich zum Beispiel mag die Musik der Strokes nicht sonderlich gern. Da habe ich sehr wenig Bezug dazu, aber selbst wenn sich diese Band Lordi-Kostüme anziehen würde, dann würden ihre Songs für mich nicht hörbarer. Wenn ich zu einer bestimmten Musik oder Band keinen Bezug finde, dann ist das doch egal, wie die aussehen. Ein Dee Snider hat auch ohne Make-up und solo mit den Twisted Sister-Songs viel Erfolg gehabt."

Wieso hast du dann genau dieses aufwendige Monster-Image gewählt?

"Mit Lordi wollen wir zeigen, daß wir etwas Besonderes sind, ein cooles Extra zu bieten haben, das es sonst in Finnland nicht gibt. Es gibt nichts Langweiligeres, als wenn du zu einem Konzert gehst und die Band auf der Bühne sieht genau so aus wie die meisten Typen im Publikum. Also warum sollte ich dann überhaupt zu einer Live-Show gehen, wenn es nichts wirklich Cooles zu sehen gibt? Zu Hause kann ich mir das Licht selbst einstellen, kann mir die Lautstärke wählen und kann mir den Song anhören, der mir gefällt, vom Sound ganz zu schweigen. Wenn du zu einer Live-Show gehst, dann willst du ja auch etwas erleben und sehen, was du sonst nicht zu sehen bekommst. Ich möchte nicht nur zu einem Konzert gehen, um Musik zu hören, sondern auch etwas fürs Auge geboten bekommen. Der visuelle Aspekt spielt also schon eine tragende Rolle für mich."

Ein entscheidendes visuelles Argument bei Xandria heißt eindeutig Lisa Schaphaus. Sie dürfte in Verbindung mit der Musik wirklich Grund genug sein, um zu einer Xandria-Show zu gehen, so ganz ohne Verkleidung. Aber ist es nicht manchmal eher lästig, als Frontfrau im Rampenlicht zu stehen? Die meisten Leute reduzieren eine Gruppe wie Xandria doch nur auf eine Lady am Mikro, wie es bei Nightwish oder Within Temptation auch der Fall ist. Mir war es übrigens egal, mit wem ich das Xandria-Interview führe, aber warum wollen alle nur die Lady sprechen?

Die ganze Monsterbande...



KITA vs. KALMA

"Nun ja, ich habe das gerade in den letzten Wochen sehr stark mitbekommen, daß Xandria von den meisten Leuten tatsächlich nur auf mich reduziert werden und ich selbst wiederum auf ein Frontpüppchen reduziert werde. Das entspricht aber beides keineswegs der Realität. Erstens tauge ich nicht zum Püppchen, und zweitens besteht eine Band nicht aus einer einzigen Person. Als wir vor kurzem einen Interviewtag hatten, saß Marco bei den Telefoninterviews neben mir, und ich sagte das jedem Interviewer vorher. Das Ergebnis war aber, daß es nach insgesamt fünf Stunden Interviews keine einzige Frage an Marco gegeben hatte. Dabei ist gerade Marco derjenige, der Xandria gegründet hat, der Hauptsongwriter der Band und ganz nebenbei der musikalische Chef. Ich finde es sehr schade, daß dies so ist, aber da können die Presseleute meist wenig dafür, denn es sind ja die Leser, die ein Interview mit der Frontfrau fordern. Ich gebe tatsächlich neun von zehn Interviews, dabei bin ich nicht wichtiger als die anderen in der Band, ich singe nur zufällig. Vielleicht wäre das anders, wenn ich Schlagzeug spielen würde, dann wäre ich wohl uninteressanter. Allerdings bin ich für Gleichberechtigung, und wenn man andere Bands betrachtet, bei denen Männer am Mikro stehen, wie zum Beispiel HIM [Bist du dir bei der Sache mit den Männern sicher, Lisa?], dann steht auch nur Ville im Mittelpunkt. Das ist generell ein Problem eines Frontmannes oder einer Frontfrau."

Ich finde es ja löblich, daß Frau Schaphaus ihre Männer bei Xandria auch in den Vordergrund stellen möchte, allerdings fällt mir gleichzeitig dazu auf, daß für das "Ravenheart"-Cover nicht etwa ein Bandfoto, sondern nur ihr Konterfei gewählt wurde. Auch beim aktuellen Lordi-Album "The Monsterican Dream" ist das Gesicht vom Meister selbst dreimal so groß wie die restlichen. Widerspricht sich das nicht?

Die Sängerin versucht zu erklären:

"Ja, stimmt auch wieder, aber die Sache mit dem Cover war keine so leichte Entscheidung. Erst waren alle dafür, daß mein Gesicht aufs Cover soll, nur ich war dagegen. Später wollte die gesamte Band mein Bild nicht mehr auf dem Cover haben, aber das Label wollte es unbedingt. Aber ich sträubte mich immer noch dagegen, eben um aus den genannten Gründen nicht stellvertretend als Aushängeschild von Xandria zu dienen. Dann haben wir einfach mal ein paar Fotos gemacht und gleichzeitig parallel dazu andere Covermöglichkeiten angedacht. Letztlich haben wir uns aber doch für mein Foto auf dem Cover entschieden, und es ist doch ganz nett geworden. Sicher ist es aber auch ein gewisses Kokettieren mit dieser ganzen Geschichte um eine Frontlady. Die Leute schauen so ein Cover mit einer Frau eben doch eher an. Wir sind leider noch nicht erfolgreich genug, um uns gegen bestimmte Gesetzmäßigkeiten der Branche durchsetzen zu können."


XANDRIA

Und was meint Mr. Lordi zu dem Thema, immer im Vordergrund zu stehen?

"Also für mich ist das eher kein Problem, aber natürlich ist das schon ein gewisser Umstand, den man von unterschiedlichen Seiten her beleuchten und betrachten muß. Da existiert zuerst einmal der Bandname Lordi, der eben auch mein Name ist. Es fällt ja grundsätzlich schwer, sich von einer Band zu distanzieren, wenn der Bandname auch der Name des Leadsängers ist. Das geht anderen Musikern auch so, vergleiche das mit King Diamond oder Bon Jovi. Da denkst du auch automatisch erst einmal an Jon, und erst auf den zweiten Blick erkennst du einen Ritchie Sambora. Andererseits wissen die Leute bei Lordi auch, daß ich derjenige in der Gruppe bin, der mit allem begonnen hat und auf dessen Mist diese Band und das ganze Drumherum gewachsen ist. Ich mache die meiste Arbeit in der Band, und die meisten Ideen entspringen meinem kranken Kopf. Ich kümmere mich eben um sehr viele Dinge die Band betreffend, und da denkt dann selbstverständlich jeder gleich an mich, wenn er den Namen Lordi hört. Andererseits brauchst du aber auch einen gewissen Frontmann in einer Band. Sieh mal Guns N' Roses an, die hatten einen Axl Rose und Twisted Sister ihren Dee Snider. So einen Mann brauchst du, der sich den Leuten irgendwie einprägen kann und den Wiedererkennungswert heraufbeschwört. Kiss haben ja gleich zwei von der Sorte. Sicher ist es manchmal aber etwas mißverständlich, denn Lordi bin ich nicht alleine, das ist nicht richtig.

Ohne die anderen ginge gar nichts, und Lordi sind eine sehr demokratische Band, denn alle Entscheidungen in musikalischer Hinsicht werden von allen gemeinsam getroffen. In einer Demokratie darf nun mal jeder seine Meinung sagen. Unser Drummer Kita ist aber hauptsächlich für die Soundqualität verantwortlich, weil er am besten merkt, ob ein Song zu uns paßt oder nicht. Er hat das beste Gehör von uns allen. Ich schreibe eine solche Unmenge an Songs, und da ist es besonders wichtig, jemanden in der Gruppe zu haben, der dir aus neutraler Sicht seine ehrliche Meinung sagt. Andere benötigen oft ein Jahr, um einen Song zu schreiben, bei mir geht das aus dem Stegreif heraus, zumindest meistens. Manchmal bin ich aber schon ein bißchen enttäuscht, daß bei jeder Coverstory in einem Magazin nur mein Konterfei zu sehen ist und nicht die gesamte Band. Wir werden natürlich auf ein bestimmtes Image reduziert, aber meist nur auf mein Gesicht, und ich habe extra fünf Monster kreiert. Wir sind alle gemeinsam Lordi durch und durch. Das konzentriert sich manchmal schon viel zu sehr auf meine Person, aber da bist du fast machtlos."

Na ja, Schwamm drüber. Welches Geheimnis hüten Xandria denn im Schlußsong "Keep My Secret Well"?

"Diesem Song liegt keine so schöne Geschichte zugrunde. Es ist ein Song, den ich komplett selbst komponiert habe, und ich versuche darin, eine wahre Begebenheit zu beschreiben. Mir wurde vor etlichen Jahren von einem Menschen sehr wehgetan, von dem ich aber emotional doch schwer weggekommen bin. Diese Langzeitfolgen sind im Prinzip immer noch vorhanden, und hier habe ich versucht, dieses Thema zu verarbeiten. Eigentlich wollten wir das gesamte Album nach diesem Song benennen, aber nun bin ich ganz froh, daß es doch 'Ravenheart' heißt."

Die herausragenden Songs aus Lordis "The Monsterican Dream" sind dagegen nicht aus dem Leben, sondern aus den Träumen geholt. So überrascht es also nicht, daß das überaus geniale "Blood Red Sandman", das auch als Bonus-Videotrack auf der CD sein wird, keine normale Einschlafgeschichte ist.

Lordi lächelt.

"O ja, das war der erste Song, der für das neue Album fertig war. Eigentlich hieß er zu Demozeiten ja einmal 'Blood Red Santa' und spielte zur Weihnachtszeit. Aber unser Label meinte, daß es nicht gerade klug wäre, einen Song zu veröffentlichen, der sich nur auf Weihnachten bezieht. Also habe ich den Titel in 'Blood Red Sandman' umgeändert. Die Radiostationen und TV-Sender spielen nämlich das Video sonst nur ausschließlich zur Weihnachtszeit, und das ist natürlich eine blöde Sache. Ich mußte aber nur ein paar wenige Textzeilen in dem Song ändern. Nun hoffe ich natürlich, daß unsere Fans doch noch eines Tages auch das Original als Weihnachtsversion zu sehen bekommen. Der Song handelt von einem eher bösen Weihnachts- oder auch Sandmann, und der Titel spricht sowieso für sich."

Während des Interviews bezeichnet Lisa Schaphaus die Truppe Xandria übrigens als "Transsexualrockband". Woher kommt denn diese zugegeben eher witzige Bezeichnung?

"Diesen Ausdruck hat uns jemand in unser Gästebuch geschrieben, und das ist eigentlich so ein netter Versuch, das Wort 'schwul' zu vermeiden, daß ich es total lustig fand. Aber ich meinte, daß gerade Metaller nicht alles akzeptieren, was man ihnen präsentiert. In vielerlei Hinsicht ist das zwar auch schade, aber irgendwie kann ich es verstehen. Unsere Musik beißt sich in weiten Bereichen mit den Prinzipien des True Metal. Ich fände es natürlich trotzdem cool, wenn es möglichst viele Metaller geben würde, die sich auf das Experiment 'Xandria' einlassen könnten. Schließlich haben wir unsere Wurzeln auch in der Metalmusik."

Und warum nennt sich eine Band Xandria? Da denkt man doch zuerst an die guten alten Griechen oder an eine eher mißglückte Getränkebestellung (Sangria) eines angeheiterten Spanienurlaubers.

"Ja, derartige Vergleiche oder Interpretationen haben wir schon des öfteren gehört. Vor allem bei Konzerten rufen die Fans einer Band ja die abenteuerlichsten Dinge zu. Aber die Wahl des Bandnamens war eher Zufall. Kurz bevor ich zur Band dazugestoßen bin, hat Marco im Halbdelirium auf dem Sofa gelegen und fand diesen Namen ganz gut, weil er zur atmosphärischen Musik paßte, die er damals mit seiner Band spielte. Was wir allerdings erst viel später herausfanden, waren die multiplen anderen Bedeutungen dieses Bandnamens. So existiert zum Beispiel ein Erotikversand im Internet, der auch so heißt, und der ägyptische Name für die Stadt Alexandria ist auch Xandria. Außerdem gibt es Rennpferde mit dieser Bezeichnung, und eine Pornodarstellerin nennt sich auch so. Also erfahren wir nach und nach von anderen Leuten all die weiteren Bedeutungen unseres Bandnamens."

LISA ist die perfekte Frontfrau


Da erscheint die Bezeichnung Lordi ja direkt einfach. Aber der Titel des neuen Albums "The Monsterican Dream" ist dafür umso cooler. Sollte hinter diesem "Traum" etwa ein Gesamtkonzept stecken, oder sind es doch einzelne "Horrorgeschichten"?

"Das Album enthält definitiv kein Gesamtkonzept, sondern besteht aus vielen Kurzgeschichten. Mir gefällt vor allem das Wortspiel des Titels 'The American Dream', das zu 'The Monsterican Dream' wurde. Ursprünglich standen mehrere Vorschläge zur Diskussion wie etwa 'The Monsterican Way' - eben auf 'The American Way' bezogen - und 'United States Of Monsterica', was auch ein guter Ansatz war. Ich liebe es, mit Worten und ihren Kombinationen zu spielen, doch letztlich hatte sich doch der jetzige Albumtitel durchgesetzt. Ich wollte die Scheibe nach einem Songtitel benennen, aber irgendwie gefiel mir keiner so gut, als daß ich ihn auf dem Cover sehen wollte. Der einzige, der da zur Disposition stand, war eigentlich 'The Raging Hounds Return', aber das war dann doch nicht so gut. Ich wollte etwas ganz Besonderes haben, und so wurde ich im Song 'Blood Red Sandman' fündig. Dort gibt es eine Textzeile, die 'The Monsterican Dream' enthält."

Ihr habt aber genau magische 13 Tracks gewählt. Das ist doch pure Absicht!

"Ja, aber eigentlich war es doch mehr eine spontane Entscheidung. Normalerweise wären es ja 14 Songs gewesen, weil das Ende des letzten Stücks 'Kalmageddon' als selbstständiges 'Outro' gedacht war. Aber als wir merkten, daß es ansonsten genau 13 Songs sind, wollten wir das unbedingt so auf der CD haben. Das bekommt jetzt schon fast Kultcharakter, denn unser Debütalbum hatte auch genau 13 Songs drauf. Wir hatten das nicht geplant, aber gegen Ende waren wir sehr froh darüber."

Es erschient auch eine Bonus-DVD mit einem 30-Minuten-Kurzfilm, der es wahrlich in sich hat. Dabei handelt es sich um eine Art Psycho-Horrorstory, ohne viel Blut, aber sehr skurril. Hat Lordi auch persönliche Erlebnisse mit einbezogen ins Songwriting? Glaubt der Meister an so komische, nicht erklärbare Geschehnisse?

"Ich liebe diese Horrorgeschichten aus dem normalen Leben, wenn jemand behauptet, er habe schon einmal 1850 gelebt und dies nachts erlebt. Diese Erzählungen über Todeserfahrungen sind eine gute Unterhaltung, denn wenn dir das jemand erzählt, fragst du interessiert nach. Das ist wie beim Weihnachtsmann. Wenn mich heute jemand fragt, ob ich an den Weihnachtsmann glaube, dann sage ich eindeutig ja. Aber ich glaube nicht an einen alten Mann, der irgendwo am Nordpol lebt und mit Rentieren herumfliegt und dabei Geschenke verteilt. Nein, ich sage ja, weil ich an diese Idee, den Mythos, der dahintersteckt, glaube. Ich finde diese Idee einfach großartig. Das gilt auch für diese Erzählungen, daß jemand einen Toten gesehen hat. Derartige Geschichten werden ständig neu geboren und auch schnell wieder vergessen. Die Geschichten haben eine ganz eigene Magie. Wenn dir jemand, den du nicht kennst, so eine Geschichte spannend genug erzählt, dann bist du plötzlich mitten drin, und das hat seinen Reiz."


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Text Interview: Thomas Klaner
Internet-Text: Sven Lohnert



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