MARILLION
Gute Unfälle


MARILLION 2004
15.000 verkaufte Exemplare der neue Platte "Marbles" bereits vor dem offiziellen Veröffentlichungsdatum - wohlgemerkt verkauft, über ihre Homepage, nicht vorbestellt: Marillion können auf ihre Fan-Gemeinde bauen, wenn es darum geht, neue Wege der Eigenvermarktung zu beschreiten.

Sänger Steve Hogarth nimmt sich inmitten der Proben zur kommenden Europatour Zeit für ein Gespräch. Über die bisherigen Verkaufszahlen müßte der Mann doch sehr zufrieden sein, oder?

"Ich kann nicht wirklich sagen: zufrieden oder unzufrieden. Ich finde, es ist eine tolle Sache, daß so viele Fans die CD vorab über unsere Homepage geordert haben, ohne eigentlich genau zu wissen, was sie erwartet. Das ist schon klasse."

Was ist für dich denn wichtiger: Wie die Fans die Scheibe beurteilen, oder wie die Kritiken in den Medien ausfallen?

"Nun, über die letzten Jahre haben wir uns dahin entwickelt, das zu machen, was wir in erster Linie selber möchten. Wir schreiben unsere Sachen ja eher bei den Proben, beim Jammen. Und wenn es da zu einem 'Unfall' kommt und wir etwas haben, das uns gefällt, landet das eben auf der Platte - eine Platte ist bei uns in der Regel eine Anhäufung guter 'Unfälle'. Wir wissen oft nicht, was wir für eine Platte machen, bevor die fertig ist. Wir drücken uns dann die Daumen, daß die Fans das mögen und einige Leute in den Medien, und eigentlich hat das bislang geklappt so. Wir machen aber nichts, nur um die Presse oder die Fans glücklich zu machen. Zuallererst machen wir Musik für uns selbst. Sicher, es ist großartig, wenn die Presse meint, daß ein neues Album genial ist. Es ändert aber mein eigenes Empfinden zum Album nicht. Jeder hat einen anderen Geschmack. Vielleicht geht ein Journalist mit einer vorgefertigten Meinung an eine Scheibe ran, hat gar keine Lust, die zu besprechen, oder es ist kurz vorher um ihn herum etwas passiert, das ihn stark belastet, so daß er sich vielleicht jetzt abreagieren kann. Da haben wir keinen Einfluß drauf. Wir können nur machen, was wir machen, und ich bin glücklich darüber, wie es klingt. Aber eigentlich habe ich noch nicht den nötigen Abstand, das objektiv beurteilen zu können. Um auf deine Frage zurückzukommen: Es mir lieber, den Fans gefällt es und einige Journalisten halten es für Schrott als andersherum."

Getreu dem Motto, daß jede Erwähnung in der Presse gute PR ist?

"Ach, weißt du, Andy Warhol hat mal gesagt: 'Man liest seine Presse nicht, man wiegt sie nur.' Es ist gut, in der Presse erwähnt zu werden, und je häufiger, desto besser. Es ist nicht zu wichtig, ob es positiv oder negativ ist, was da steht."

"Marbles" ist nun schon die dritte CD, die ihr zunächst über eure Homepage versucht an die Käufer zu bringen.

"Nun, ich glaube, Musik im Laden zu kaufen, wird immer mehr abnehmen. Das Internet verbreitet sich mehr und mehr, und es wird eher in die Richtung gehen, daß irgendwann jemand eine E-Mail von einem Freund bekommt, in der steht: 'Hey, ich habe gerade neue Sachen von der und der Band gekriegt und die mal rangehängt; was hältst du davon?' Ich wüßte nicht, wie die Musikindustrie diesen Trend aufhalten könnte. Bis ungefähr 1950 kaufte man keine Musik in dem Stil wie heute. Und irgendwann werden die Leute vielleicht zurückblicken und sagen: Oh ja, zwischen 1950 und 2010 war die Zeit, in der man Musik im Laden gekauft hat."

Aber dann verdienen Bands auch kein Geld mehr mit Ihrer Musik.

"Das ist eine falsche Annahme. Das meiste Geld, das die Fans beim Kauf einer CD im Laden ausgeben, geht doch an die Plattenfirmen. Wenn CDs direkt vom Künstler an die Fans verkauft würden, brauchen nur drei bis vier Prozent der im Laden verkauften Platten abgesetzt werden, um den gleichen Erlös zu erhalten. Ich glaube, daß Künstler davon sehr profitieren könnten ohne die Musikindustrie dazwischen."

Aber was ist mit den älteren Sachen einer Band? Da haben doch meist die Firmen die Rechte. Ein gewisser Michael Jackson besitzt die Rechte an fast der kompletten Beatles-Discographie, 251 Songs, um genau zu sein. Er verdient mit beinahe jeder Beatles-Nummer, die irgendwo im Radio gespielt wird. Bestes Beispiel in eurem Fall ist diese Best-of, die letztes Jahr rauskam.

"Ja, das stimmt. Die meisten Major-Firmen haben sich die Rechte auf die Songs 'ihrer' Bands für die nächsten dreißig, vierzig Jahre gesichert. Das ist ein Problem für die Bands. Die EMI besitzt bis auf weiteres die Rechte auf unsere Musik bis 'Afraid Of Sunlight'. Um wieder an die Rechte an unseren Songs zu kommen, müßten wir sie für viel Geld zurückkaufen. Das ist momentan aber leider nicht sehr realistisch."

Auf der CD, die von den Fans über eure Homepage schon vorab gekauft werden konnte, waren mehr Stücke drauf als auf dem Teil, das jetzt in den Läden steht, richtig?

"Korrekt. Wir hatten so viele Songs geschrieben, daß wir irgendwann feststellten, daß daraus auch ein Doppelalbum werden könnte. Also entschieden wir uns, ein Doppelalbum zu machen und das den Fans als besondere Edition über marillion.com vorab zu präsentieren. Wir dachten uns das so, daß wir vorab eine Special Edition des Doppelalbums verkaufen und eine einfachere später in den Läden stehen würden. Uns wurde nämlich gesagt, daß Doppelalben in den Läden nicht so gut gehen würden."

Und was ist mit den Fans, die vielleicht nicht so oft auf eurer Homepage vorbeischauen, die also die Chance, eine solche Special Edition zu erstehen, verpaßt haben?

"Ja, an die haben wir auch schon gedacht. Im Booklet gibt es einen Mail-Coupon. Wenn du dich entschieden hast, daß du doch lieber ein Doppelalbum haben willst, kannst du den an uns senden und von uns ein Doppelalbum bekommen, du kannst die einfache CD sozusagen nachrüsten."

Als Kind spielte ich oft mit Murmeln. Auf dem Cover von "Marbles" sieht man dieses Kind, das sich zwei Murmeln vor die Augen hält. Was steckt hinter dem Titel und dem Foto?

"Haha, wenn du dir das Foto genau anschaust und eine Hälfte des Bildes bedeckst, wird es ziemlich offensichtlich: Das sind tatsächlich zwei Kinder, Geschwister, die wir mit einem Grafikprogramm zusammengefügt haben. Das Album heißt 'Marbles', weil im Englischen 'seine Murmeln verlieren' soviel bedeutet wie verrückt oder komisch werden: Leute werden älter und 'verliefen eben ihre Murmeln'. Ich habe eine Geschichte geschrieben, wie ich so nach und nach selber 'meine Murmeln verliere'. Diese Geschichte wurde dann der Song, den ich in vier Episoden eingeteilt habe. 'Seht her', sage ich auf dem Album, 'ich bin an einem Punkt meines Lebens angekommen, wo ich mich frage, ob ich durchgeknallt bin oder die Welt um mich herum verrückt geworden ist.' Ich dachte an die Zeit zurück, in der ich selber mit Murmeln gespielt habe. Es schien damals mehr Sinn gemacht zu haben. Es gibt viele Metaphern über die Situation, in der ich mich jetzt wiederfinde. Auch die anderen Songs sind aus der Perspektive von jemandem geschrieben, der in irgendeiner Lebenssituation ist. Das geht durch das gesamte Album."


Unser Sven Meyer ist ja musikalisch gesehen ein wenig "progressiv veranlagt" und massiver Verfechter "handgemachter, komplizierter Rockmusik". Und so klingelte eines Tages mal wieder das rote Redaktionstelefon und ein völlig aufgelöster Sven Meyer berichtete von einer neuen Marillion-Scheibe, faselte was von "weltklasse" und "gleich Interview" und legte auf - noch Fragen? ...Mehr könnt im neuen Break Out 4/2004 - ab sofort druckfrisch am Kiosk oder im Bahnhofsbuchhandel nachlesen.

Text-Interview: Sven Meyer
Text Internet: Sven Lohnert



Mehr darüber gibt´s im Heft 4/04 nachzulesen!
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©breakout 04/2004