NICKELBACK
Zu dünn für Southern-Bluesrock


Es gab viele Stimmen, die nach dem Europa-Release von Nickelbacks Debütalbum "The State" von einer "hoffnungsvollen Newcomerband" sprachen, die ihren Weg machen könnte. Daß die vier Kanadier um den charismatischen Sänger Chad Kroeger im Zuge ihrer Hitsingle "How You Remind Me" dermaßen durchstarten würden, hätten allerdings nur die wenigsten erwartet.

So ist es auch nicht verwunderlich, daß der Ahorn-Vierer in Europa auf seiner "Silver Side Up"-Tour vor ausverkauften Häusern spielte. Dementsprechend zufrieden und gelöst sitzt mir Basser Mike Kroeger gegenüber und läßt die vergangenen Monate Revue passieren.

"Es ist in den letzten zehn Monaten so vieles passiert. Zunächst kam unser Video 'Leader Of Man' raus, welches in die Heavy-Rotation auf VIVA2 gelangte und uns dementsprechend viel Aufmerksamkeit bescherte. Auch die Presse hat uns mit offenen Armen aufgenommen, was uns natürlich auch sehr half. Nach unseren Erfolgen in den USA und Kanada wußten wir schließlich nicht, wie wir in Europa ankommen würden, aber der Erfolg hier bei euch ist großartig, und wir sind sehr froh, daß man uns auch hier akzeptiert. Wir sind schon etwas überrascht, daß es auch hier so gut läuft. In Amerika haben wir ganz klein angefangen und uns alles hart erarbeitet. Der Erfolg ist jetzt wohl der Lohn für unsere Schufterei."

Zwischen "The State" und "Silver Side Up" liegen etwa zwei Jahre, auch wenn sie in Europa innerhalb weniger Monate auf den Markt gekommen sind. Worin liegen die hauptsächlichen Unterschiede zwischen den beiden CDs?

"'The State' ist mit Sicherheit etwas spontaner und frischer, wie es bei Debütalben eben oft der Fall ist. Man geht einfach locker an die Sache ran und schaut, was am Ende dabei herauskommt. Außerdem haben wir die Platte selbst finanziert, alles eine absolute Low-Budget-Angelegenheit. Bei 'Silver Side Up' sieht das natürlich anders aus, weil wir mehr Zeit und Geld zur Verfügung hatten und so ausführlicher an den Songs feilen konnten. Daher klingen die Melodien auf dem neuen Album vielleicht auch ausgefeilter und reifer, weil wir einfach mehr Details einarbeiten konnten, was bei 'The State' aus diversen Gründen nicht möglich war."

Ich habe generell eine Schwäche für Erstlingswerke, weil diese Platten oftmals eine gesunde Portion Naivität und Spontanität haben, die später leider häufig verlorengeht.

"Ich weiß genau was du meinst, und ich glaube, daß dies bei 'The State' auch der Fall gewesen ist. Allerdings denke ich auch, daß wir uns unsere Frische bei 'Silver Side Up' erhalten konnten und auch dieses Album sehr direkt und lebendig klingt. Aber wir wußten nach unseren zahlreichen Live-Auftritten ja auch genau, was unsere Fans mögen und welche Songs am besten funktionieren."

Habt ihr denn nach dem enormen Erfolg von "The State" einen großen Druck verspürt, ein mindestens genauso starkes zweites Album vorlegen zu müssen?

"Ich glaube nicht, da schon über die Hälfte der Songs auf dem neuen Album bereits geschrieben waren, als der Erfolg in den USA und Kanada einsetzte, so daß wir gar nicht darüber nachdenken konnten, was die Leute von uns erwarten. Viele der Songs auf 'Silver Side Up' spielen wir seit über einem Jahr live, ohne daß sie bislang auf CD erschienen waren. Unsere neuen Stücke sind frei von jedem Druck entstanden, weil wir schon wußten, daß sie beim Publikum ankommen und live funktionieren. Schon lange vor dem Release der CD schien jeder glücklich mit den Sachen zu sein, die wir auf der Bühne immer mal ausprobiert haben. Wir haben einfach zehn Stücke fertiggehabt, diese aufgenommen, und das war's. Andere Bands schreiben 40 Songs und lassen dann von der Plattenfirma auswählen, was auf das Album kommt; das ist aber nicht unsere Art."

Euer plötzlicher Aufstieg hat etwas von einer "Overnight Sensation".

"Kann sein, aber auch ein Überraschungserfolg benötigt, zumindest in unserem Fall, eine Aufbauzeit von fünf Jahren, was man nie vergessen sollte. Wir haben unglaublich hart gearbeitet, bevor auf einmal alles von alleine zu gehen schien."



Das Album klingt sehr homogen und knackig, man hört keine Qualitätsunterschiede. Daher würde es mich interessieren, welche Songs älter und welche brandneu sind.

"Der mit Abstand älteste Track auf der CD ist 'Just For', der schon auf unserem Independent-Release zu finden war und den wir jetzt neu eingespielt haben. Ganz neu hingegen sind 'How You Remind Me' und 'Too Bad', die erst etwa eine Woche vor dem Studiotermin entstanden sind und die nur so aus uns herausgeströmten. Deshalb klingt gerade 'Too Bad' so frisch und wird bestimmt eine gute Live-Nummer werden."

Obwohl euer Debüt einen hervorragenden Sound hatte, habt ihr euch für "Silver Side Up" in Rick Parashar einen anderen Produzenten ausgewählt. Warum?

"Das hat zwei Gründe: Rick hat schon sehr früh Interesse bekundet, mal mit uns zu arbeiten. Er war regelrecht enthusiastisch in bezug auf Nickelback und wollte das Album unbedingt machen. So etwas bedeutet uns sehr viel, denn wenn sich jemand dermaßen viel mit uns beschäftigt und sich gerne einbringen möchte, ist das ganz einfach ein großes Kompliment für uns. Ferner erleichtert so etwas auch die Zusammenarbeit enorm, weil jemand, der unsere Musik so mag wie Rick, viel mehr Schweiß und Energie in seine Arbeit steckt. Ich hasse es, wenn Produzenten nur einen Job erledigen und ihnen der Rest egal ist. Der zweite wichtige Grund für die Zusammenarbeit mir Rick Parashar war, daß er zeitlich perfekt in unseren Rahmen paßte, weil wir wußten, daß es langsam Zeit wurde, ein neues Album zu produzieren. Er hat sich gefreut wie ein Kind, als er unsere Zusage erhalten hat. Hinzu kommt natürlich, daß wir mit seinen bisherigen Arbeiten vertraut waren und diese uns sehr gefallen haben. Jeder Mensch auf diesem Planeten kennt seine Arbeit durch Bands wie Pearl Jam oder Temple Of The Dog." (Anm.: Das heißt, wer den Kerl nicht kennt, ist auf der Erde nur zu Besuch. - Der Lektor)

Euer Album-Opener "Never Again" klingt sehr zornig, das Zusammenspiel zwischen Text und Musik funktioniert perfekt.

"'Never Again' ist ein sehr wichtiger Song für uns, weil er eine kleine Story erzählt, die von Gewalt in der Familie handelt. Dieses Problem ist enorm weitreichend und macht eigentlich jeden wütend, weshalb auch die Musik zu diesem Stück so roh und zornig ausgefallen ist."

In eine völlig andere Richtung hingegen tendiert der letzte Track "Good Time Gone", weil er musikalisch völlig aus der Rolle fällt und trotzdem ein typischer Nickelback-Song ist. Durch die Slide-Guitar bekommt die Nummer ein gewisses Rose Tattoo- oder Southern-Rock-Feeling.

"Der Typ, der für uns die Slide-Guitar gespielt hat, heißt Ian Thornley und spielt eigentlich in einer Band namens Big Wreck, die zumindest in Europa noch völlig unbekannt zu sein scheint. Auf einer unserer Tourneen haben wir uns angefreundet, das war bereits 1997, als wir unsere Eigenpressung 'Curb' draußen hatten. Die Kerle sind einfach so talentiert, daß wir unbedingt mal etwas mit ihnen zusammen machen mußten. Dieser Plan ist auch schon sehr alt, ließ sich aber erst jetzt realisieren. Als wir 'Good Times Gone' ausnahmen, waren Big Wreck zufällig gerade in Vancouver zwecks Promotion. Als wir davon erfuhren, haben wir sie einfach ins Studio eingeladen, um ein bißchen zu reden und ein paar Bier zu trinken. Dabei kam es dann zu der Session, aus der 'Good Times Gone' resultierte. Es war ein absolut magischer Moment, zumal zwölf Stunden vorher mein Sohn geboren wurde, wodurch die ganze Angelegenheit für mich noch intensiver wurde."


Wer hätte das gedacht? Nach "The State", welches ein tolles Scheibchen war, legen die Canucks mit "Silver Side Up" ein absolutes Meisterwerk vor. Martin Kosbab-Zillmann macxhte sich wieder einmal auf, um Nickelback zu interviewen. Wer noch mehr über die Senkrechtstarter erfahren will, kauft sich am besten das neue Break Out 3/2002 - ab sofort druckfrisch am Kiosk oder im Bahnhofsbuchhandel.

Text Interview: Martin Kosbab-Zillmann
Text Internet: Sven Lohnert



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