OVER THE EDGE
Ein Ritt durch die Vergangenheit


Mickey Thomas liefert mit Over The Edge ein Hammer-Album ab!
Lange Zeit war es still um den Starship-Fronter Mickey Thomas, der immer noch unter dem gerichtsmäßig erlaubten Banner "Starship featuring Mickey Thomas" regelmäßig durch amerikanische Breiten tourt, um nicht zuletzt der ihrerseits wiedererstarkten Jefferson Starship-Version mit Gründungsmitglied Paul Kantner gehörig einzuheizen.

Im Gegensatz zu seinen früheren Mitstreitern ruht sich der kalifornische Sunnyboy keineswegs auf seinen Lorbeeren aus, sondern ist weiterhin ein aktives Mitglied der US-Rock'n'Roll-Connection und mußte bestimmt nicht lange die auf seiner neuesten Langrille "Over The Edge" versammelten Herrschaften zu einer Audienz bitten. Und sie kamen alle! Neal Schon, Steve Lukather, Richie Kotzen, Jonathan Cain, Freddy Curci und Jack Blades griffen dem altgedienten Haudegen songtechnisch unter die Arme und brachten das Kunststück fertig, Thomas recht unterschiedliche, aber passende Nümmerchen auf den Leib zu schneidern: nichts Überkandideltes, sondern zehn leichtverdauliche Poprocker. Mickey Thomas zeigt sich äußerst euphorisch.

Doch zuerst einmal: Wie läuft es mit seiner Starship-Equipe?

"Im Laufe eines Jahres gehe ich öfter 'on the road', um mich auszutoben. So wie es sich gerade ergibt, spielen wir ein paar Dates hintereinander, legen vier bis fünf Tage Pause ein, bevor wir dann wieder losziehen. Im Gegensatz zu früher eine ziemlich relaxte Angelegenheit, weil man sich nicht so stark verheizt und den Leuten Abend für Abend die volle Breitseite verabreichen kann."

Laut Thomas bequemt sich immer noch eine stattliche Anzahl von Starship-Anhängern zu diesen Gigs, die teils als Headliner in riesigen Casinos, teils im Rahmen vieler Sommerfestivals absolviert werden. Es sind nicht nur die etwas in die Jahre gekommenen Classic-Rock-Freaks, die beim Konzert auftauchen.

"Witzigerweise ziehen wir auch jüngere Kids um die 25 in unsere Shows. Die finden einfach Achtziger-Rockmucke völlig geil, die derzeit - wie man an den vielen Reunion-Tourneen sieht - in den Staaten wieder sehr angesagt ist. Auch bei den neuen Bands lassen sich die Einflüsse der Siebziger und Achtziger wieder vermehrt ausmachen. Das wird in Europa nicht anders sein. Man braucht sich ja bloß den Erfolg von Megasellern wie The Strokes oder The Darkness anzuschauen, dann weiß man, wie der Hase läuft."

Die Wahrscheinlichkeit, die Starship-Version von Mickey Thomas einmal hierzulande zu erleben, geht leider geradezu gegen null.

"Und dabei würde ich gerne wieder einmal mit meiner eigenen Band in Europa touren. Die wäre durchaus in der Lage, altes Starship-Material sowie auch meine aktuellen Sachen von 'Over The Edge' zu spielen. Ich glaube zwar nicht, daß einer der Jungs, mit denen ich das Material verfaßt habe, mit von der Partie sein könnte - die sind alle viel zu sehr in ihre eigenen Bands eingespannt. Aber man weiß ja nie, möglicherweise hat so jemand wie Jack Blades im Falle eines Falles gerade Bock drauf."

In diesem Zuge schätzt sich Mickey Thomas sehr glücklich, daß ihm speziell in den Achtzigern die ganzen Typen über den Weg liefen, die früher oder später allesamt selbst Mainstream-Geschichte schrieben.

"Mit Kerlen wie Neal Schon und Steve Lukather kann man nicht nur musikalisch Pferde stehlen, und so freut es mich umso mehr, daß sie zum Gelingen von 'Over The Edge' beigetragen haben. Auch ich bin immer ganz scharf drauf, bei anderen Projekten mitzusingen, weil's einfach Spaß macht und man sich da den verschiedenartigsten Herausforderungen stellen muß - nur so bleibt man mit beiden Beinen auf dem Boden und hebt nicht ab."

So mischte er 1998 bei Sammy Hagars "Marching To Mars" mit und sang fast zeitgleich zusammen mit Busenkumpel Bobby Kimball dessen Track "All I Ever Wanted" ein. Außerdem stand er schon früh als eventueller Steve Perry-Ersatz bei Journey zur Debatte, dessen Stuhl Anfang der Achtziger gefährlich wackelte.

Mittlerweile hätte sich so manch anderer schon längst auf sein verdientes Altenteil verzogen, nicht so aber Mickey Thomas.

"Warum auch? Was soll ich denn sonst machen? Wir ziehen immer noch gut und gerne siebzig bis achtzig Shows pro Jahr durch, und mit all meinen Zukunftsplänen sehe ich das Ende der Fahnenstange noch lange nicht kommen."

Eines seiner Projekte beschäftigte sich ausnahmsweise mal nicht mit Musik: Er lieh seine Stimme dem Titelhelden der aufwendigen Kinder-Zeichentrick-Sendung "The Adventures Of Kanga Roddy", die sogar einen Emmy absahnte. Wie kam er denn dazu?

"Komischerweise durch ein paar Leute, die ich vom 49ers San Francisco Football-Team her kannte. Als großer Football-Freak sang ich dort öfters bei großen Spielen die Nationalhymne. Mit dem dortigen Unterhaltungschef, der nebenbei selbst Songs für Filme verfaßt, kam ich sehr gut aus; jener werkelte gerade an dieser 'Kanga Roddy'-Show, und so endete ich eben als Stimme von Kanga Roddy."




Doch zurück zur Tour: "Vielleicht passiert ja was mit meiner neuen CD, es ist ja ewig her, seit ich das letzte Mal bei euch gespielt habe. Soweit ich mich erinnern kann, fand unsere letzte Europa-Show 1989 statt."

Verdammt lang her. Noch länger zurück liegt die Jefferson Starship-Reise von 1978, welche die erkrankte Sangesdiva Grace Slick abrupt in Richtung Heimat verließ, um sich erst mal neu zu sortieren. Für sie wurde 1979 Mickey Thomas an Bord geholt, der sich anfangs mit der Entscheidung zum Beitritt ein wenig schwertat.

"Die Einflüsse, die stilistischen Wurzeln und die Musik, an der ich in erster Linie interessiert war, hatten überhaupt nichts mit der Jefferson Starship-Mucke gemeinsam. Nach meinen Jahren in der bluesig souligen Elvin Bishop Band, die 1976 immerhin einen Nummer-3-Hit namens 'Fooled Around And Fell In Love' hatte, stand mir der Sinn nach allem anderen als nach dem abgespaceten Stadionrock von Jefferson Starship. Es überkamen mich große Zweifel, ob dieser Schritt wohl richtig sei. Ein Versuch konnte zwar nicht schaden, dennoch ging ich vorerst auf Nummer sicher und sagte erst mal für zwei Alben zu. Danach konnte man immer noch sehen, wie sich alles entwickelte. And here we are - 25 Jahre später singe ich immer noch den alten Starship-Kram. So falsch kann's also nicht gewesen sein!"

Im Laufe der Achtziger verließ ein Urmitglied nach dem anderem das Sternenschiff und machte so Platz für frisches Blut, was den Stil der mittlerweile zu Starship mutierten Truppe erfolgreich aufs Laufende brachte. Thomas fand sich 1981 unvermittelt neben der zurückgekehrten Grace Slick auf der Bühne wieder, mit der er sich die Vocals bis 1988 teilte. Biographen jener Zeit munkelten dabei immer wieder von dem nicht ganz koscheren Verhältnis der beiden Songdiven untereinander. Doch der immense Erfolg von Alben wie "Knee Deep In The Hoopla" (1985) oder "No Protection" (1987) sprach für sich. Dennoch war öfter die Rede vom ziemlich erfolgsgeilen Mickey Thomas, der immer mehr das Zepter in der Band an sich riß, was auch Slick später in ihrer Autobiographie indirekt bestätigte: "Mir war schon klar, was Mickey vorhatte; einmal ging ich ins Studio, um mit ihm zusammen ein Duett einzusingen und ertappte ihn dabei, wie er auch meinen Part schon längst komplett selbst aufgenommen hatte." Thomas dementiert sofort entrüstet:

"Die Geschichte stimmt so nicht! Ich weiß aber, wer ihr das eingebleut hat! Diese Geschichte wird immer wieder total verdreht dargestellt - das einzig Wahre daran ist, daß ich für diese Nummer, die ich eigens für diese Platte geschrieben hatte, bereits eine ungefähre Vokalspur aufgenommen habe, an der sich Grace orientieren konnte. Sie sang dann ihren Part ein, und das war's! Sei's drum, ich denke eigentlich nicht, daß Grace und ich uns gegenseitig die Butter vom Brot nahmen - bis vielleicht auf die letzten Monate, die sie mit Starship verbrachte. Ich bin auch nach wie vor überzeugt, daß die aufkommenden schlechten Vibes nicht von ihr ausgingen. Die stammten aus anderen Quellen, indem man ihr einen Haufen Mist erzählte und schlechte Ratschläge weiterreichte. Damit versuchte man, einen Keil zwischen Grace und mich zu treiben und Probleme aufzubauschen, die eigentlich gar nicht existierten. Das kommt doch jedesmal dabei heraus, wenn andere Leute ihre Nase in Sachen stecken, die sie nichts angehen!"




Er grinst bei diesem Seitenhieb in Richtung des alten Jefferson Airplane/Starship-Recken Paul Kantner, der ganz zufällig 1988 Grace anläßlich der Jefferson Airplane-Reunion wieder erfolgreich an Bord lotste. Einem weiteren Kommentar zufolge inspirierte dieser Vorfall Thomas dazu, den bislang letzten Starship-Longplayer bezeichnenderweise "Love Among The Cannibals" (1989) zu nennen. Eine echte Retourkutsche, die heute noch deutlich macht, "daß Paul und ich - wie übrigens viele Ex-Musiker der Band - nicht gerade die besten Freunde sind."

Durchaus verständlich, denn schließlich handelte es sich einmal in grauer Vorzeit um Kantners alleiniges Baby, bis eines Tages Thomas ins Spiel kam, um nach und nach die Zügel in der Band zu übernehmen.

"Klar, kann ich das nachvollziehen, zumal ich auch auf wirklich gute Zeiten mit Paul zurückblicken kann. Der ganze Mist fing erst an, als er Starship verlassen hatte. Deswegen schlafe ich aber nachts trotzdem gut. Es gibt doch genügend Platz für uns beide; jeder kann heute seine eigene Sache durchziehen und die Musik machen, die er sich selbst vorstellt, um damit seine Fans ansprechen. Es gibt keinen Anlaß zur Eifersucht."

Indes schien der Stern der einst so angesagten Starship-Truppe spätestens mit dem poprockigen Album "Love Among The Cannibals" langsam zu sinken. Neben aufstrebenden Wildboys wie Metallica und Guns N' Roses wirkte das gezähmte Sunnyboy-Image von Mickey Thomas & Co. ziemlich blaß, und die eher poppig gehaltenen Mainstream-Tracks taten ihr Übriges, um den Rest der Jefferson-Fans zu vergraulen.

"Trotz allem gehört diese Scheibe zu meinen absoluten Faves unter den Starship-Alben. Es tut mir jetzt noch in der Seele weh, wie diese Platte außer der ausgekoppelten Hit-Single 'It's Not Enough' beim Publikum durchfiel. Alle Stücke fügten sich wie in einem Puzzle in einen Rahmen, der perfekt zu Starship paßte. Besser ging's nicht! Die Resonanzen darauf waren ziemlich enttäuschend, was wohl unter anderem auch daran lag, daß es der erste Output nach dem offiziellen Ausstieg von Grace war. Ohne sie schien für viele Leute das Thema gegessen zu sein. Für mich ist diese CD nach wie vor ein Meilenstein in der Geschichte von Starship, der in Sachen Produktion und Songqualität auch heute noch sehr gut mithalten kann, was zum größten Teil auf das Konto der beteiligten Produzenten-Riege Mike Shipley, Mutt Lange und Tom Lord-Alge ging. It still sounds cool!"

Allerdings war die Musikwelt gerade im Wandel begriffen, Anfang der Neunziger waren andere Töne angesagt.

"Obwohl Starship massiv darunter zu leiden hatten, konnte ich persönlich der aufkeimenden Grunge-Welle mit all ihren neuen Gruppen vieles abgewinnen. Bands wie Offspring, Collective Soul, Nirvana oder Filter liefen mir gut rein. Für mich war es wahnsinnig interessant zu sehen, wie sich die Musik im Laufe der Zeit wandelt und neue Aspekte an den Tag legt. Diese Mucke gefällt mir genauso wie eine Soulscheibe aus den Sechzigern."

Nach diesem ausschweifenden Ritt durch die Vergangenheit wenden wir uns wieder den Liedern des aktuellen Silberlings "Over The Edge" zu, dessen Kompositionen allesamt neueren Datums sind.

"Teilweise haben wir uns sogar erst nach Gründung des Projekts hingehockt und an den Stücken geschrieben, die so natürlich zu hundert Prozent auf meine Stimme zugeschnitten sind. Vor allem Jack Blades und Produzent Fabrizio Grossi gaben sich hierbei mächtig die Kante."

Merkt man, denn "Surrender" hätte genausogut aufs letzte Damn Yankees-Album gepaßt. Und wenn schon der Labelboss Serafino Perugino selbst mit an den Reglern dreht, kann eigentlich doch gar nicht schiefgehen, oder?

"Sagen wir es mal so: Ein typisches Mickey Thomas-Soloalbum wäre wesentlich moderner und aggressiver ausgefallen. Doch Serafino wollte unbedingt die typischen Classic-Rock-Elemente verbraten; ein Kompromiß, den ich mit dem Projekt Over The Edge sehr gerne einging."


Wenn Musik sehr emotional ist, ist unsere Petra Rottmann genau die richtige Wahl. Genau aus diesem kühlen Grunde, warf sich Petra in die Bresche, um Starship/Over The Edge-Sänger Mickey Thomas zu seinem neuesten musikalischen Machwerk zu befragen...Mehr könnt im neuen Break Out 5/2004 - ab sofort druckfrisch am Kiosk oder im Bahnhofsbuchhandel nachlesen.

Text-Interview: Petra Rottmann
Text Internet: Sven Lohnert



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