PINK CREAM 69
Quo vadis, Menschheit?


Ein wunderschöner Freitagnachmittag im Oktober. Ich treffe mich mit Pink Cream 69-Sänger David Readman. Unser Ziel ist es, ein gemütliches Café zu finden, um dort in aller Ruhe über das aktuelle Album "Endangered" zu parlieren. Gesagt - getan. Und so sitzen wir wenig später in der brandneu ausgebauten Karlsruher Postgalerie, die mit ihrem modernen und doch angenehmen Ambiente sehr positiv in der Stadtmitte auffällt. Soweit, so gut.

Doch bereits auf der Rolltreppe, die uns an unser Ziel - ein dezentes Eiscafé - bringt, beschleicht mich ein mulmiges Gefühl. Spätestens seit der zweiten September-Woche sieht man viele Dinge aus einem gänzlich anderen Blickwinkel, und was wäre, wenn sich einige unangenehme Zeitgenossen eben ein solch attraktives Objekt als Ziel einer weiteren gemeinen Attacke aussuchten? Bislang ist Deutschland in diesem Herbst von terroristischen Racheakten nicht heimgesucht worden, doch selten stand das Wörtchen "bislang" auf derart wackeligen Beinen. Kaum hingesetzt, teile ich David meine Eindrücke mit, und in dem Augenblick kommt mir in den Sinn, daß auf "Endangered" in mindestens "He Took The World" ein Text steht, der aktueller kaum sein könnte.

"Das Stück handelt von Diktatoren und deren Schreckensherrschaften im allgemeinen", führt David aus. "Es handelt davon, wie einfach es für manche Menschen ist, Macht auszuüben und zu erhalten, weil sie auf die Naivität der Massen bauen können. Auch deshalb, weil diese Massen oftmals überhaupt keine anderen Chancen und Perspektiven haben, als blind zu folgen. Im Mittelteil gibt es Hitlers gesampelte Stimme zu hören, aber das nur, um die Botschaft zu vertiefen. Rein theoretisch hätten da noch ganz andere Stimmen auftauchen können. Nach dem 11. September mußte auch ich mit Entsetzen feststellen, wie verdammt aktuell der Text ist. Es gibt da aber noch andere eng mit dieser Problematik verbundene Texte auf dem Album. Nimm nur mal 'Promised Land' darum, wie man sich um unseren Planeten, unsere Welt kümmern sollte, um sie vielleicht doch noch in eine etwas positivere Richtung zu bewegen. Es ist verdammt hart, daß eine Katastrophe von so gigantischen Ausmaßen passieren muß, um die Menschen aufzuwecken und sie aus ihren quasi-normalen Leben herauszureißen. Wir versuchen immer, ein interessantes Konzept aufzubauen, auf dem wir dann das gesamte Album stützen. Konzeptalben à la Queensrÿche sind dabei zwar noch nicht entstanden, aber wenn zumindest durch einige Stücke einer Platte ein roter Faden läuft, haben wir unser Ziel schon erreicht."

All diese kritischen Texte und Hinweise auf Probleme verbindet man im allgemeinen nicht unbedingt mit Pink Cream 69, doch aufmerksame Hörer werden wissen, daß eben diese Elemente immer wieder auf den Alben der Band auftauchen, einmal mehr, einmal weniger gebündelt. Doch bei diesem Mal scheint sich David, der die meisten neuen Texte verfaßte, besonders viele Gedanken gemacht zu haben.

"Unsere japanische Plattenfirma hat auf den Anzeigen noch den Leitspruch 'Alles auf der Welt ist gefährdet - laßt es uns sorgfältig anfassen' hinzugefügt. Das trifft den Kern der Sache sehr gut. Ebenso wie der Albumtitel an sich - der ist nämlich sehr gut dehnbar. Man kann ihn auf viele verschiedene Dinge beziehen: zum Beispiel auf uns als Band oder aber unseren musikalischen Stil allgemein. Sollten wir uns nämlich irgendwann auflösen, hinterlassen wir einige enttäuschte Fans und vor allem eine Lücke. Es gibt schließlich nicht mehr sonderlich viele junge, hoffnungsvolle Newcomer im Bereich des melodischen Hardrock, die nachkommen würden."

Aber soweit seid ihr noch lange nicht, um euch Gedanken über einen Abtritt zu machen.

"Ich wollte auch nicht negativ rüberkommen. Im Gegenteil: Auch wenn wir ohne Massenmedien im Rücken, ohne Rotationen auf VIVA oder MTV auskommen müssen, geht es uns gut. Wir haben viele treue Fans, und ich bin davon überzeugt, daß wir es mit jedem neuen Album schaffen, auch neue Leute anzusprechen. Das mögen vielleicht keine Massen sein, aber dennoch tauchten auf den beiden letztjährigen Tourneen mit Axxis vollkommen neue, unbekannte Gesichter im Publikum auf. Nichts gegen die alteingesessenen Anhänger, die der Band seit Jahren folgen, womöglich bereits seit ihren absoluten Anfängen. Aber es ist doch ein tolles Gefühl, nach einem Konzert einen Zwanzigjährigen oder eine Zwanzigjährige zu treffen, für die wir eine neue, unbekannte Combo sind, die sie eben für sich entdeckt haben. Letztens erwähnte jemand in diesem Zusammenhang den Begriff ?Underground-Band?. Zunächst bin ich etwas stutzig geworden, aber wenn man es sich sorgfältig überlegt, ist diese Kategorisierung für uns gar nicht einmal so abwegig. Wir haben eine feste, treue Fanbasis, und im Gegensatz zu all diesen hippen und angesagten Gruppen müssen wir uns auch nicht unbedingt an zu viele strategische Marketingpläne halten. Es ist relativ egal, ob ein neues Pink Cream 69-Album im Sommer oder im Winter erscheint, gekauft wird es trotzdem."



Der Albumtitel hat tatsächlich viele verschiedene Bedeutungen. Die wohl unangenehmste resultiert aus Alfreds gesundheitlichen Beschwerden, die es ihm derzeit nicht zu hundert Prozent erlauben, alles zu geben.

"Das ist kein erfreuliches Kapitel, aber ich bin davon überzeugt, daß alles nach und nach wieder in Ordnung kommt. Koffl absolvierte in den letzten Monaten eine regelrechte Odyssee, konsultierte verschiedene Ärzte, die seine entzündete Hand inspizierten. Zuletzt war er bei einem Spezialisten in Hannover, einer absoluten Kapazität auf seinem Gebiet. Koffl ist für uns und vor allem für mich als Songwriter wahnsinnig wichtig, und wir möchten ihn auf keinen Fall unter psychischen Druck setzen. Wir warten jetzt erst einmal bis Januar oder Februar ab und machen dann weitere Pläne. Denn es macht eh keinen Sinn, bis Ende des Jahres noch großartig konzertmäßig aufzudrehen. Ich denke, die Menschen haben derzeit ganz andere Sorgen. Auch wenn man sich gewiß über das eine oder andere clever angesetzte Einzelkonzert unterhalten könnte."

Seit Andi Deris' Aus- und deinem Einstieg bei Pink Cream 69 werde ich das Gefühl nicht los, daß ihr als feste Einheit operiert, mit klar verteilten Rollen. Mit anderen Worten: Alle vier Bandmitglieder sind absolut nicht ersetzbar. Und gerade im Falle Alfred würdet ihr arg in Bedrängnis kommen: Bestimmt gäbe es rein theoretisch Gitarristen, die seine Parts nachspielen könnten, doch wer sollte sie entwickeln?

"Koffl kann spielen! Er hatte leichte Beschwerden schließlich bereits auf den Tourneen im letzten Jahr, und wir spielten sie komplett. Ganz zu schweigen von der Arbeit im Studio. Er lieferte auf dem Album einen glänzenden Job ab! Sein Problem liegt einerseits auf der physischen, zugleich aber auch auf der psychischen Seite. Ich denke, diesen Zustand kennt jeder Mensch: Man verliert - aus welchen Gründen auch immer - einen Teil seiner Leistungsfähigkeit, und so allmählich fängt etwas tief in dir zu nagen an und bringt dich dazu, Fragen zu stellen wie: Was ist denn los mit mir, wieso kann ich es nicht so machen, wie ich es immer gemacht habe? Ich bin überzeugt davon, daß mit der physischen Heilung nach und nach auch die Psyche immer besser auf Vordermann kommt, und es wird wieder hundertprozentig bei uns laufen."

Wohl nicht nur ich drücke euch dazu alle Daumen. Etwas würde mich aber noch interessieren: Dennis wird immer mehr zu einem gefragten Engineer und Produzenten, Kosta findet immer mehr Gefallen an seiner Arbeit im Management. Wie sehr haben sich da die Gewichte in bezug auf die Bandaktivität verlagert?

"Ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll: Man wird älter, an einem bestimmten Punkt erkennt man, daß man sich ein Leben abseits des eines 'normalen' Musikers aufbauen muß. Da sind dann Kinder im Spiel, Familien. Glücklicherweise hängen sowohl Dennis als auch Kostas Jobs eng mit der Musik zusammen, und bislang sehe ich sie durchaus als sehr vorteilhaft an. Früher hingen wir doch viel mehr und viel intensiver zusammen, und wenn wir zum Beispiel wieder ins Studio aufbrachen, war die Motivation nicht immer hundertprozentig. Heute sehen wir uns etwas weniger, aber wenn wir uns dann sehen, verläuft alles viel effektiver. Wir freuen uns dann darauf, im Studio zusammenzukommen oder aber im Proberaum. Wir haben dann auch richtig Bock drauf! Kosta kommt aus seinem Büro, Dennis ist zwar fast immer im Studio, kann dann aber wieder seinen Baß umschnallen, und es geht los!"

Krofta lebt gefährlich! Unser Quoten-Tscheche ist wohl eine "endangered" Spezies. Im Fall von den Redaktionslieblingen von Pink Cream 69 trifft dies jedenfalls hundertprozentig zu. Doch das hält Nikolas nicht davon ab, die neue Scheibe der Karlsruher Truppe kritisch zu beleuchten. Deshalb erfahrt Ihr mehr im neuen Break Out 8/2001 - ab sofort druckfrisch am Kiosk oder im Bahnhofsbuchhandel.

Text-Interview: Nikolas Krofta
Text Internet: Sven Lohnert



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