PINK CREAM 69
Die notwendige Portion Melodie


Mit “Sonic Dynamite” konnten Pink Cream 69 nicht nur an das hochkarätige “Electrified”-Album anknüpfen, sondern es sogar toppen. “Sonic Dynamite” ist das bisherige Highlight des neuen Heavy-Rock-Jahres. Eine günstige Gelegenheit, eine alten Vorsatz in die Tat umzusetzen und das aktuelle Werk in drei Einzelinterviews mit Sänger David Readman, Gitarrist Alfred Koffler und Bassist Dennis Ward zu sezieren.

In einer der wirklich guten Gaststätten Karlsruhes hocke ich mit Readman, der im letzten Jahr eigentlich in seine englische Heimat zurückkehren wollte, aber jetzt doch wieder für längere Zeit die Reize Süddeutschlands erforschen wird. Fakt ist dennoch, daß David in der Kompositionsphase des neuen Albums vorwiegend in Manchester weilte. Wie lief unter diesen Umständen das Songwriting ab?

»Die meisten neuen Songs entstanden zwischen Juni und August”, berichtet David. “Ich war mitsamt meinem Equipment in England, Koffl In Karlsruhe. Die oberste Prämisse für uns war dabei, so viele Songs als nur möglich zu schreiben. In der zweiten Phase schickten wir uns dann Tapes und gebrannte CDs hin und her, um zu wissen, was bislang an Ideen da war. Der Prozeß mag sich als relativ schwer und umständlich anhören, aber in knapp drei Monaten hatten wir zwanzig Songs beisammen, die sich hören lassen konnten.«

Das ist in der Tat ein großer Unterschied zur eigenen Vergangenheit. Das “Electrified”-Album ist wohl auch relativ schnell geschrieben worden; gleichwohl kann ich mich aber auch daran erinnern, daß euer Fanclubleiter Maikel zu “Food For Thought”-Zeiten gleich zwei CDs mit fertig ausgearbeiteten Demos brannte.

»Stimmt, denn damals arbeiteten wir noch mit gewissenhaft ausgearbeiteten Demos, an denen die komplette Band arbeitete. Aber sowohl Koffls als auch mein Equipment sind inzwischen einigermaßen auf der Höhe, und so kann jeder für sich die Ideen ausarbeiten. Offizielle Demos fallen dabei weg, wir gehen sofort zu den Albumaufnahmen über. Zu ‘Change‘-Zeiten saß ich manchmal mit der Akustischen im Proberaum, spielte den Jungs eine Melodie vor, und daraus wurde dann ein Song gemacht. So ist damals zum Beispiel das Titelstück entstanden. Nicht, daß wir eine solche Arbeitsmethode komplett verworfen hätten, aber inzwischen arbeiten wir halt viel effizienter.«

Dennis wird mit jedem Album, das er als Produzent und Engineer macht, besser und besser. Dennoch: Reizt euch der Gedanke an einen außenstehenden Produzenten nicht?

»Dadurch, daß Dennis produziert und auch spielt, kann man ihn wirklich nicht als einen Außenstehenden definieren. Aber dennoch klappt die Zusammenarbeit hervorragend. Er kam bei ‘Sonic Dynamite‘ mit besseren Ideen als jemals zuvor an. Natürlich würde mich persönlich die Zusammenarbeit mit einem außenstehenden Produzenten reizen. Aber das ist nicht zuletzt eine Kostenfrage. Und nicht zuletzt muß man sich fragen, ob ein solcher Produzent, der natürlich eine ganze Stange Geld kostet, ein so viel besseres Ergebnis garantieren würde? Nach den letzten Erfahrungen, die wir in dieser Beziehung hatten, wohl eher nicht.«

Beim letztjährigen “Bang Your Head!”-Festival konnte die Band laut zahlreicher Augen- und Ohrenzeugen auf der ganzen Linie abräumen und so manche im Vorfeld ungleich höher gehandelte Truppe locker ausstechen. Gibt ein solcher gelungener Auftritt nicht Selbstvertrauen und Zuversicht für die Arbeiten im Studio?

»Wir haben in Balingen relativ früh am Tage gespielt, und die Reaktionen der Zuschauer waren sehr gut. Dennoch kann man die eigene Leistung nicht wirklich hundertprozentig einschätzen. Erst später, wenn man die Meinungen der Fans und der Presse hört und liest, wird einem bewußt, daß das ein wirklich besonderer Auftritt gewesen sein muß. Als Band haben wir auf einen solchen Auftritt sehr lange warten müssen, denn wann gelingt es einem schon, bei einem Festival aufzuspielen, bei dem so viele Menschen sind, von denen man weiß, daß man sie für unsere Musik begeistern kann? In der Vergangenheit und vor allem nach meinem Einstieg in die Band haben wir gewiß einige Fehler gemacht. Aber an einem solchen Nachmittag kann man selbst die verbittertsten ehemaligen Fans wieder überzeugen und sie zurückholen. Denn gute Songs und die notwendige Qualität sind vorhanden. Es fehlt manchmal nur das notwendige Forum.«

In Balingen teiltet ihr euch die Bühne mit einigen Heavy Metal-Bands, ihr spieltet nicht zuletzt auch auf der europäischen Tour des Bruce Dickinson auf. Läßt sich dadurch erklären, daß einige Songs auf “Sonic Dynamite” selbst für eure Verhältnisse so richtig heavy ausgefallen sind? Sei es jetzt der rasante Opener “Seas Of Madness” oder der durchschlagende Titeltrack.

»Koffl steht unter anderem auf harte Gitarren und auf dementsprechend harte Riffs. Ich denke aber nicht, daß wir zu sehr darüber nachgedacht haben, so richtig heavy zu klingen. Wir komponierten eben die bestmöglichen Songs und nahmen sie auf. Ein wenig irritierend finde ich es dann schon, wenn mir jemand ­ wie erst vor einigen Tagen passiert ­ sagt, wie hart ‘Sonic Dynamite‘ ausgefallen ist. Klar gibt es da ein ‘Seas Of Madness‘, gleich danach kommt aber ein absolut gegensätzliches, supermelodisches und eingängiges ‘Followed By The Moon‘ oder später dann eben ein ‘Waiting For The Dawn‘. Für mich eine Art Weiterführung von ‘Talk To The Moon‘ oder ‘Stranger In Time‘, eben einer dieser typischen Pink Cream 69-Songs. Aber dieses oberflächliche Hören ist ein großes Problem, das in der heutigen Zeit wohl präsenter ist als jemals zuvor. Die MTV- und VIVA-Generation ist sogar schon soweit, daß sie ein Album danach beurteilt, wie der erste Song klingt. Es ist wohl kein Zufall, daß viele neue Alben mit bekannten Single-Auskopplungen anfangen, um dann später nur noch mit Songs aufgefüllt zu werden. Gleichzeitig ist es aber so, daß man von uns niemals einen Song zu hören bekommen wird, der einfach nur heavy ist. Die notwendige Portion Melodie muß bei uns einfach immer vorhanden sein.«

Seinerzeit wart ihr nicht nur mit Dickinson auf Tournee. Während der “Electrified”-Promotion-Tour bist du sogar mit Bruce in seinem Flugzeug geflogen. Mit welcher Erkenntnis?
»Der Typ fliegt seit zehn oder fünfzehn Jahren und ist in allen Belangen ein Vollprofi. Angst hatte ich in seinem kleinen Flugzeug keine. Aber dennoch erinnerte mich der Flieger mehr an ein Auto als an ein Flugzeug, und in einem dermaßen kleinen Vehikel bekommt man natürlich sofort alles mit. Wenn wir durch eine Wolke flogen und alles wackelte, zog sich mein Magen schon mal zusammen. Ich war nie ein großer Iron Maiden-Fan, aber dieses Erlebnis und auch die späteren gemeinsamen Konzerte brachten mich mehr oder weniger unterbewußt dazu, mich mehr für deren Musik zu interessieren.«

Was meinte Bruce eigentlich dazu, daß sein Landsmann bei einer deutschen Band anheuerte?
»Um ehrlich zu sein, sprachen wir nicht wirklich ausführlich darüber. Er fragte mich nur kurz, wo ich denn lebe. Während der Tour dachte ich dann, daß ich damit angeben könnte, mich mit dem Publikum auf deutsch zu unterhalten. Dann kamen wir allerdings nach Frankreich, und Bruce sprach mit dem Publikum in der Landessprache. Im Endeffekt unterhielt ich mich mit seiner kompletten Band mehr als mit ihm. Aber er ist zwischen den Konzerten auch öfters nach Hause geflogen.«

Mehr als Iron Maiden zählen bekanntlich Bands wie Whitesnake, Deep Purple und Bad Company zu deinen Einflüssen. Verfolgst du eigentlich auch die neuen Ergüsse der Herrschaften Coverdale, Rodgers und Co. mit?
»In den meisten Fällen bevorzuge ich die klassischen Werke der genannten Interpreten. Natürlich höre ich mir auch mal ein neues Whitesnake-Album an oder ich schaue mir Deep Purple an, wie zum Beispiel letztes Jahr in Balingen, aber derzeit bin ich musikalisch in einer recht komischen Phase: Ich kaufe mir bevorzugt alte Alben ­ wie zum Beispiel die von David Bowie, den Doors oder aber auch klassische Glam-Rock-Scheiben. Meine Lieblinge von Led Zeppelin höre ich allerdings immer und überall. Denn ich werde bei ihrer großartigen Musik das Gefühl nicht los, daß ich mit einem jeden weiteren Hördurchgang aufs neue inspiriert und unterrichtet werde.«

Apropos alte Alben. Die Digipak-Version von “Sonic Dynamite” schmückt die famose Cover-Version der Police-Nummer “Truth Hits Everybody”. Nicht das erste Police-Cover aus dem Hause Pink Cream 69. Vormals gab es von euch zumindest live das nicht minder mitreißend umgesetzte “So Lonely” zu hören. Wie kam es eigentlich seinerzeit dazu, daß das bereits fertig aufgenommene und abgemischte “So Lonely” genausowenig wie “Are You Gonna Go My Way” von Lenny Kravitz für euer “#Live#”-Album berücksichtigt worden ist? Zumal die beiden Songs um einiges lebendiger rüberkamen als der Rest der Scheibe.
»Zunächst muß ich verraten, daß wir in erster Linie sogar darüber nachdachten, Dennis auf ‘Truth Hits Everybody‘ singen zu lassen, um den Song ganz anders klingen zu lassen. Aber das hat sich irgendwie zerschlagen. Und zu der Sache mit dem Live-Album: Es dokumentiert die ‘Food For Thought‘-Tournee. Damals spielten wir eben diese Cover-Versionen, und es gab doch einige Meinungen, daß wir es nicht unbedingt nötig hätten, mehr als eine Cover-Version zu spielen. Ich persönlich hätte nichts dagegen gehabt, diese Songs auf die Platte zu packen. Auf der anderen Seite war das zum Beispiel für Japan ein ungemein wichtiges Album. Die dortigen Fans sollten erfahren können, wie die Band klingt und wie ich die älteren Stücke singe. Da war es vielleicht nicht ganz so interessant zu erfahren, wie gut ich Sting oder Kravitz nachahmen kann. Dennoch sind die beiden Stücke nicht ganz verloren. Man konnte sie seinerzeit zusammen mit einigen anderen Bonus-Tracks auf einer exklusiven Fanclub-CD bekommen.«

Wie steht es eigentlich mit der Akustik-Band Three Amigos, mit der du vorwiegend im Karlsruher Raum auftrittst?

Das würdet ihr natürlich jetzt gerne wissen, gell? Es steht im neuen Break Out 3/2000. Ein Heft kurz vor der Detonation ­ wer es liest, dem fliegt gleich alles um die Ohren.

Text Interview: Nikolas Krofta
Text Internet: Mike Seifert


 



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