PRIMAL FEAR
Radikale Aussichten

Ein ganz schöner Brocken, den sich die fast nur aus Schwaben bestehenden Metal-Brüder um Shouter Ralph Scheepers vorgenommen hatten. Galt es doch, das Debüt (1998) und die letztjährige Scheibe "Jaws Of Death" noch zu toppen, die beide für Metal-Verhältnisse einen gewaltigen Satz in die Charts gemacht hatten (Platz 48 und 49). Keine leichte Aufgabe also, die aber mit dem neuen Nackenbrecher "Nuclear Fire" mit großartiger Bravour gelöst wurde.

Dabei ließen sich Scheepers, Basser und Produzent Mat Sinner - wie immer unterstützt von Haus-Engineer Achim Köhler -, die beiden Gitarrenhelden Henny Wolter und Stefan Leibing samt Schlagwerker Klaus Sperling überhaupt nicht aus dem Konzept bringen. Schließlich konnte die Kapelle nicht nur in Deutschland eine ausverkaufte Tour auf der Habenseite verbuchen, auch in Japan, Spanien, Italien und Brasilien schwamm sie auf einer wahren Erfolgswelle. Entsprechend euphorisch ging sie denn die Aufnahmen zum neuen Epos an, obwohl sie sich durchaus bewußt gewesen sein muß, daß es jetzt auch ein wenig um die berühmte "Wurscht" geht. Man fragte sich schon, wie zum Teufel die Jungs das mal auf die Reihe kriegen wollen, ohne den vorgesteckten, schon ziemlich ausgelatschten, Metal-Rahmen zu weit zu verlassen?

Da zeugt es doch von ausgesprochenem Glück, wenn man in der Band gleich auf fünf erfahrene Songwriter mit unterschiedlichem Background zurückgreifen kann, die trotzdem in der Konsequenz wunderbarerweise an einem Strang ziehen. Der für den ausgestiegenen Tom Naumann rekrutierte Axeman Henny Wolter, einst mit Thunderhead unterwegs und Langzeitkumpel von Mat Sinner, ist nur ein weiteres Element im Puzzle. Wolter ist praktischerweise - wie auch der "Chef" selber - in der Lage, Sinner wie Primal Fear entsprechendes Leben einzuhauchen. Man kennt sich halt, werkelten die beiden doch schon 1995 am Sinner-Output "Bottom Line" zusammen herum und läuteten zumindest bei der Hälfte der damaligen Tracks die Wende ein, die das in die Jahre gekommene Schlachtschiff wieder zurück in härtere Gefilde führte.

In der gemeinsamen Macht liegt die Kraft, eine Meinung, die Frontmann und Halford-Sing-alike Scheepers ohne Abstriche teilt.

"Hinter 'Nuclear Fire' steckt wohl das beste Teamwork innerhalb einer Band, das toppt in dieser Richtung alles, was ich bisher bei meinen Combos erlebt habe. Das Miteinander, auf musikalischer wie auf persönlicher Ebene hat hier super funktioniert. Jeder hängte sich hundertprozentig hinein und arbeitet intensivst mit."

Nun ist es bei weitem nichts Besonderes, immer noch einen Tick besser zu sein als auf dem vorhergehenden Album. Nur: Wie geht man's an?

"Du, erst mal ganz locker. Direkt nach unserer letzten Europa-Tournee fingen wir bereits mit dem Songschreiben an und nahmen die erreichte Live-Power gleich im Dutzend mit. Auf der zweiten Tour waren wir logischerweise auch besser aufeinander eingespielt. Henny ist kein Greenhorn mehr, er macht das eben schon lang genug. Ein echter Profi, der nach dem Ableben von Thunderhead in Hannover auch ein paar Pop-Acts produzierte und weiterhin fleißig Lieder schrieb. Von daher mußte er sich nicht erst großartig bei uns einleben und harmoniert perfekt mit dem Spiel von Stefan. Wenn es um die Gesanglinien und die Texte geht, sind in erster Linie Mat und ich gefragt, doch auch Stefan bringt seinen Einfluß zur Geltung. Es sind bei uns keinerlei Grenzen gesetzt, es gibt keine feste Vorlage, die dann im Studio nur nachgespielt werden darf. Jeder investiert da seinen Kopf und eine Menge Herzblut."

Nuclear Fire ist um einiges vielschichtiger ausgefallen als der Vorgänger.

"Das trifft den Nagel auf den Kopf. Hier haben wir wieder einiges an Abwechslung gewonnen. Wenn du 'Back From Hell' und die Fastballade 'Bleed For Me' anschaust, dann ist das ein Unterschied wie Tag und Nacht. So soll es auch sein, ohne daß man irgendwie zwei unterschiedliche Bands heraushört."

Darüber hinaus ist die Scheibe mit einer derart satten Produktion ausgestattet, die ihresgleichen sucht. Wieder hat die Kapelle im House Of Music-Studio zu Winterbach produziert und abgemischt. Dort, im zweiten Wohnsitz der Sinner- und Primal Fear-Leute, hat's eine gewohnte Umgebung - die vielleicht auch dazu führen kann, daß man alles nach Schema F durchzieht. Genau das ist aber beim aktuellen Silberling mit seiner druckvollen Produktion nicht der Fall.

"Das ist DER Verdienst von Mat und Achim Köhler, die mittlerweile ein so eingespieltes Team sind und echt wissen, worauf es ankommt."

Das Album fiel auch um Klassen härter als seine Vorgänger aus.

"Das auf jeden Fall. Dennoch war es uns ein großes Anliegen, daß wir auch Gegensätze bilden, indem wir auch die Ballade oder 'Iron Fist In A Velvet Glove' in Spiel brachten, um zu zeigen, welches Spektrum wir darüber hinaus anzubieten haben."

Das Frau Rottmann ihre Schwaben-Connection weiterhin völlig hemmungslos auslebt, erfahrt Ihr im neuen Break Out 2/2001 - ab sofort druckfrisch am Kiosk oder im Bahnhofsbuchhandel.

Text Interview: Petra Rottmann
Text Internet: Sven Lohnert



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