QUEENSRYCHE
Ein musikalisches Chamäleon



Kelly Gray (unten)
Schenkt der aufmerksame Redakteur dem Labelinfo zum neuen Live-Doppelalbum von Queensrÿche Glauben, dann legen die Seattle-Kings hier den entscheidenden Grundstein für ein großes neues Studioalbum.

Das hört sich ziemlich übertrieben an, kommt aber der Realität sehr nahe, denn welcher Queensrÿche-Fan der ersten Stunde erwartet mit dem nächsten echten neuen Studioalbum von Geoff Tate und Co. nicht einen neuerlichen Kracher, wie sie einst "Rage For Order", "Operation: Mindcrime" oder "Empire" waren?

Andererseits vergessen die meisten Kritiker, daß Queensrÿche eine der wenigen Gruppen sind, die es verstanden haben, ihren Sound wie ein musikalisches Chamäleon zu verändern. Somit gibt es auch keine Kopie eines erfolgreichen Albums, sondern ständig gewisses musikalisches Neuland, ohne sich auf den Erfolg des Vorgängeralbums zu verlassen und sich auf den eingefahrenen Lorbeeren auszuruhen.

Die Seattle Kings veröffentlichen nun ziemlich genau zehn Jahre nach ihrem erfolgreichen Epos "Operation: Livecrime" erneut einen Konzertmitschnitt, der gleichzeitig auch eine repräsentative "Best Of"-Scheibe geworden ist. Der Titel "Live Evolution" steht auf gewisse Art und Weise auch sinnbildlich für die Entwicklung der Gruppe in den vielen Jahren ihres Schaffens. Geoff Tate stellt seinen Standpunkt ziemlich klar dar.

"Zweifellos finde ich genau diesen Albumtitel für Queensrÿche mehr als treffend. Wir beginnen dieses Doppelalbum mit unseren älteren Songs und spielen uns dann sozusagen von Album zu Album in die Neuzeit. Queensrÿche haben die unterschiedlichsten Veränderungen durchlebt, sowohl musikalisch als auch im persönlichen Bereich, wie zum Beispiel der Ausstieg von Chris De Garmo. Wenn du nun so ein Doppel-Live-Album aufnehmen willst, stellt es sich als äußerst schwer heraus, eine vernünftige Setlist aufzustellen. In den bisherigen Bandjahren haben wir ja eine Vielzahl an guten Songs angesammelt. So gab es auch aus allen Richtungen des Umfeldes von Queensrÿche vielerlei Vorschläge, Wünsche und Anregungen. Der Titel des Albums spricht eben doch für sich."

Geoff Tate...


...in gewohnten Posen
Und wo könnten die Seattle Kings wohl die Stimmung besser einfangen als in ihrer Heimatstadt? Geoff erklärt auch dies.

"Wir haben uns deshalb für Seattle entscheiden, weil es schnell gehen mußte, und bis du da irgendwo eine geeignete Halle oder einen Club gefunden hast, vergeht zuviel wertvolle Zeit. Es mußte ein Ort sein, den wir kennen und auch kontrollieren können. Wir haben sehr gute Beziehungen zu den Betreibern sämtlicher Clubs in unserer Stadt. Außerdem konnten wir uns so auch absolut sicher sein, daß die Show ausverkauft sein würde, und das erleichterte eben einiges. Die Stimmung soll ja auch passen. Wir werden diese Show übrigens auch als DVD veröffentlichen, wie unser bisheriges Live-Album 'Operation Livecrime' auch."

Nach dem doch nicht so erfolgreichen Comeback-Album "Q2K" wechselten Queensrÿche nun auch ihre Plattenfirma. Gab es bei Atlantic Records keine Zukunft mehr für sie?

"Atlantic ist ein absolutes Majorlabel, und sie verdienen ihr Geld mit sehr erfolgreichen Bands, die in den Charts sind. Es kümmerte sich dort eigentlich niemand so recht um uns. Wir wollten deshalb auch zu einem anderen kleineren Label wechseln, weil die Leute dort einfach noch enthusiastischer sind und auch hinter ihren Rock- und Metal-Bands stehen. Sanctuary haben uns gegenüber genau dieses Engagement signalisiert, und deswegen sind wir diesen Vertrag auch tatsächlich eingegangen. Ich denke, wir passen einfach nicht zu einem Majorlabel, das sein Geld hauptsächlich mit anderen Musikrichtungen verdient."

Wann dürfen sich die Queensrÿche-Freaks (mich und Kollege Treu eingeschlossen) wieder auf wirklich neue Studiosongs freuen?

"Wir treffen uns alle im Januar nächsten Jahres, um an neuen Songs zu schreiben. Ich denke also, daß es schon noch gut ein Jahr dauern wird, bis es wieder etwas gänzlich Neues von uns zu hören gibt. Ich freue mich aber auch schon wieder wahnsinnig darauf, neue Queensrÿche-Songs zu kreieren."

Eddie Jackson (oben)



Michael Wilton
Momentan kocht nicht nur Drummer Scott Rockenfield nebenbei ein eigenes Süppchen, auch all die anderen Bandmitglieder sind in eigene Projekte verstrickt. Nur von Geoff Tate habe ich noch nichts Derartiges gehört. Gibt es nach zwanzig Jahren immer noch keinen Soloausflug?

"Doch, seit ein paar Monaten habe ich ein eigenes Projekt in Arbeit. Ich war bis vor kurzem noch im Studio und habe die Arbeiten an einem ersten Album abgeschlossen. Ich kann dir aber nur sehr schlecht beschreiben, was du für einen Sound hören wirst. Definitiv wird es aber keine reine Queensrÿche-Kopie sein, hehe. Das Album wird im Februar wohl in den Läden stehen. Ich brauche mittlerweile auch diese Abwechslung, denn es tut mir gut. Ich kann dir nur soviel verraten, daß du die Scheibe mögen wirst, wenn du ein aufgeschlossener Musikhörer bist. Wenn nicht, dann solltest du erst gar nicht reinhören, hehe. Ich mache seit zwanzig Jahren nichts anderes als Queensrÿche, und davon brauche ich jetzt auch einmal eine kleine Pause. Jeder von uns arbeitet zur Zeit an einem Soloprojekt, aber eben nur solange, bis die Arbeiten zur neuen Queensrÿche-CD anstehen."

Eine Ehe für alle Zeiten! Hans-Martin Issler und Queensryche. Kein anderer Schreiber (und vor allem Haus- und Hoffotograf) kommt wohl so nah an die Seattle-Jungs heran wie unser Pfarrerssohn. Im Sport würde man wohl sagen "es ist die Liebe zum Fußball die ihn antreibt" - was es bei Queensryche ist, steht wohl außer Frage. Mehr könnt im neuen Break Out 8/2001 - ab sofort druckfrisch am Kiosk oder im Bahnhofsbuchhandel nachlesen.

Text Interview: Hans-Martin Issler
Text Internet: Sven Lohnert



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©breakout 11/2001