RAMMSTEIN
Spiel mir das Lied vom Tod

"Ein kleiner Mensch stirbt, nur zum Schein/Wollte ganz alleine sein/Das kleine Herz stand still für Stunden/So hat man es für tot befunden/Es wird verscharrt im nassen Sand, mit einer Spieluhr in der Hand." Dieses von Till mit Grabesstimme gesprochene und etwas makabere Intro dürfte euch mittlerweile bekannt sein, denn bei Erscheinen dieser Ausgabe ist der Geniestreich "Mutter" schon einige Zeit auf dem Markt und mit Sicherheit immer noch unangefochtene Nummer eins in den Media Control-Charts. Und da wir im letzten Heft mit Informationen ein wenig gegeizt haben, geht es mit Sparringspartner Flake jetzt so richtig in die vollen.

Fangen wir gleich mit "Spieluhr" an, einem der stärksten Rammstein-Songs überhaupt, der sich als optimale Single-Auskopplung anbieten würde.

"'Spieluhr' ist echt hammerhart. Früher haben wir ihn ohne das Ausgraben gespielt, aber wenn du ihn den ganzen Tag im Proberaum übst, von früh bis spät, dann kriegst du wirklich Beklemmungen, so nach dem Motto: 'Ich halte es nicht mehr aus', weil man sich das alles lebhaft vorstellen kann. Dieses kleine Kind - ich habe ja selbst auch eine Tochter - liegt im dunklen Sarg, keiner hört es, und dann spielt die Spieluhr. Da kriege ich eine Gänsehaut, wenn ich daran denke. Da haben wir uns gesagt, das können wir so nicht machen, und haben das Kind wieder ausgegraben. Deswegen wird uns wohl hoffentlich keiner für Schwuchteln halten, hahaha. Am Ende haben wir die Musik etwas optimistischer gestaltet; da geht es dann von Moll ins Dur, und wenn dann 'Am Totensonntag hörten sie diese Melodie/Und dann haben sie es ausgebettet, das kleine Herz im Kind gerettet' kommt, dann kann man erleichtert aufatmen. Aber das kannst du dem deutschen Publikum nicht als Single anbieten - obwohl wir uns das sogar überlegt haben, weil wir alle das Lied sehr mögen. Aber es ist zu hart. Keine Hausfrau kann sich so etwas anhören."

Wundert mich, daß ihr auf so etwas Rücksicht nehmt, denn normalerweise macht ihr doch, was ihr wollt, und laßt euch keine Vorschriften machen. Gerade "Spieluhr" wäre eine kleine Revolution in den Single-Charts, denn man kann davon ausgehen, daß der Song sich auf den vorderen Plätzen festsetzen würde.

"Auf der Platte machen wir ja auch, was wir wollen. Aber eine Single ist dazu da, um dem Volk die Band nahezubringen und im Prinzip auf die LP hinzuweisen. Und da ist es ein falscher Weg, eine Single zu nehmen, die aggressiv ist oder schockieren will. Und wenn es dann heißt: Kann man leider nicht spielen, dann war alles vergebens."

Und so wird mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit "Links 234" die zweite Single sein, aber das ist noch lange nicht alles, denn "wir haben noch Titel, die wir danach noch als Single rausbringen, quasi als Bonbon, wenn die Platte draußen ist. So nach dem Motto: Jetzt kommt ein Titel als Dreingabe, der sogar noch einen Zacken besser ist."

Noch besser? Somit kein Studio-Outtake, das es mangels Qualität nicht auf das Album geschafft hat?

"Ja, wir können zum Beispiel nicht drei Balladen auf ein Album packen. Wenn man eine Rammstein-Platte kauft, will man auch ein paar Kracher haben. Wir selber ja auch. Und da bleibt schon mal eine Ballade übrig, die nicht unbedingt schlecht sein muß."

Auch der "Pastor" wird von mir schmerzlich vermißt.

"Stimmt, stimmt", äußert sich Flake etwas verblüfft. "Der 'Pastor' ist weg; Scheiße, ich dachte wirklich, er sei drauf. Wir hatten einfach zu viele Titel."

Schade, denn schon die Textpassage "Wenn die Turmuhr zweimal schlägt, faltet er die Hände zum Gebet/Er ist ohne Weib geblieben, so muß er seinen Nächsten lieben" klingt sehr vielversprechend. Daß die fehlenden Stücke ebenfalls super sind, davon kann man mit ziemlicher Sicherheit ausgehen. Immerhin war "Kokain" auch nur eine sogenannte Single-B-Seite, die aber richtig geil war.

"Im nachhinein", widerspricht mir Flake, "muß ich sagen, daß 'Kokain' nicht so ein starker Titel war."

Dafür erntet er böse Blicke von mir - und mildert sein Urteil etwas ab:

"Okay, es ist immer gut, wenn man noch ein paar Extratitel hat."

Braver Bursche! Auf "Mutter" fallen diesmal zwei Texte ein wenig aus dem Rahmen, weil sie konkret zu aktuellen Themen Stellung nehmen. Da wäre zunächst einmal "Links 234" zu nennen, ein klares Bekenntnis zu eurer politischen Einstellung. Ich gehe einmal davon aus, daß ihr das gemacht habt, weil viele Medien- und Pressevertreter in diesem Punkt über euch hergefallen sind - hinzu kommt noch die Leni-Riefenstahl-Affäre bezüglich des Video-Clips zu "Stripped", die für viele ein gefundenes Fressen war und dementsprechend ausgeschlachtet wurde.

"Klar, wir hatten - wie du ja sagst - diese Anfeindungen und so, und meistens lief es so ab: Ich finde euch ja gut, aber man sagt, bei euch ist etwas nicht in Ordnung. Oder: Wenn ihr einmal ein klares Bekenntnis abgeben würdet, dann wäre alles gut. Oder: Es ist nicht so, daß wir euch scheiße finden wollen oder so, man weiß es bei euch halt nicht. - Da haben wir uns gedacht, gut, wir sagen was Klares. Wir haben auch ein extrahartes Lied gemacht, um zu zeigen, daß gerade eine linke Band auch harte und böse Musik machen kann. Wir sind natürlich böse, wollen es auch sein; wir wollen, daß die Jugendlichen mit der Musik ihre Eltern ärgern. Daß die Eltern sagen: Mach aus, den Dreck! - Dafür ist Rockmusik da! Aber irgendwann ist halt mal böse und rechts in einen Topf geschmissen worden, und mit dem Vorurteil wollen wir aufräumen. Wir marschieren, aber wir sind links, absolut klar bekennend links."

Allein schon durch eure musikalische Vergangenheit - da denke ich vor allem an Feeling B - müßte dies doch klargewesen sein.

"Klar, aber das haben die meisten nicht verstanden. Das hatten wir einfach satt, und deshalb sagen wir jetzt klipp und klar: Mein Herz schlägt links. Und klarer kann man es nicht sagen. Doof war nur, daß Lafontaine sein Buch so genannt hat, hahaha! Als es erschienen ist, gab?s den Titel schon. Da haben wir gedacht: Scheiße! Jetzt denken alle, Lafontaine hat sein Buch rausgebracht, jetzt kommen Rammstein hinterher. Wir wollten schon den Titel canceln, aber dann haben wir uns doch für ihn entschieden. Erstens hatten wir den Titel eher, und zweitens ist es auch unsere Meinung. Und wenn jetzt die Platte rauskommt, denkt keiner mehr an Lafontaine. Somit war es gut, daß wir uns so entschieden haben."

Allerdings könnte es ein paar Unverbesserliche geben, die auch weiter auf euch rumhacken und euch sprichwörtlich das Wort im Munde umdrehen werden.

"Ich denke nicht, daß es Menschen gibt, die uns ins rechte Eck drängen wollen. Es ist mehr so aus Versehen passiert. Es ist ja nicht so, daß uns jemand fertigmachen will oder so. Ich glaube, es ist durch Verunsicherung passiert - so: Wie sehen die denn auf der Bühne aus. Das ist ja was ganz Komisches."

Und das trotz der Tatsache, daß auf der "Sehnsucht"-Tour Leute, die ein Böhse Onkelz-T-Shirt getragen haben, keinen Zutritt in die Halle bekamen.

"Das ging von uns aus. Weil wir es satt hatten, wenn am nächsten Tag ein Bericht in der Zeitung steht, und ein Foto von einem mit Onkelz-T-Shirt ist mit abgebildet. Jeder weiß, daß wir die nicht wollen. Jetzt werden wir das nicht mehr machen müssen - wir fanden das auch kindergartenmäßig -, aber auf der Tour fand ich es okay, daß wir es gemacht haben. Und wer bei unseren Konzerten einen Hitlergruß macht, fliegt sofort raus!"

Kommen wir auf den Titelsong "Mutter" zu sprechen, der sich mit dem brisanten Thema Gentechnologie und insbesondere mit dem Klonen auseinandersetzt.

"Till nimmt ja seine Themen aus der Umwelt auf, und es ist einfach ein brisantes Thema, wenn der Mensch denkt, er steht wirklich über der Natur. Wenn er denkt, er kann machen, was er will. Es wird geklont, genetisch verändert, und die tun so, als hätten sie die absolute Macht über die Welt. Und das ist echter Größenwahn! Ich empfinde es auch als ein aktuelles politisches Thema, und es ist wichtig, daß man auch darüber redet."

Allerdings ist die Gentechnik in puncto Klonen eines Menschen noch lange nicht soweit und außerdem verboten.

"Noch!" gibt ein engagierter Flake zu bedenken. Hätte ich mein Biologiestudium nicht gegen das Musikbiz getauscht, wäre ich bestimmt in so einem Labor gelandet, das heuer von Rammstein kritisiert wird. Einerseits kann ich die Bedenken von Flake nachvollziehen, andererseits ist speziell die Klontechnologie interessant und vor allen Dingen faszinierend.

"Klar, interessant ist es. Man hat aber immer mehr das Gefühl, daß die Menschen völlig vergessen, wie sie leben und wie sie ihre Natur in den letzten Jahren im rasanten Maße zerstört haben. Daß sie sich von ihrer Mutter wegbewegen. Unser Planet wird ja auch als Mutter Erde bezeichnet. Apropos: Vorhin hat ein Journalist gesagt, daß es ein Lied über Deutschland wäre. Daß man als Deutscher keine Vergangenheit hat und alles verdrängt. Fand ich sehr interessant", lacht er sich einen ab. "Unter dem Gesichtspunkt habe ich das noch nie gesehen. Mal sehen, was noch so zutage kommt, was für Interpretationen andere noch haben."

Ähem, sprechen wir immer noch über "Mutter"?

"Klar! Der hat Germanistik studiert, der konnte mir auch wirklich gut die Wörter zurechtlegen. Ich glaube, Till hat trotzdem nicht an Deutschland gedacht."

Als sich Flake nach seinem spärlichen Mittagessen (eiskalte Spiegeleier, die vor dem Interview noch gedampft haben) zu Paul, Chief Möller und mir an den Tisch setzt, gibt er die Story für seinen Gitarristen noch einmal zum besten. Allerdings gibt's auch noch einen drauf, denn "Spieluhr" handelt ja vom Nazi-Deutschland, das halt verbuddelt wurde. Klar, daß wir alle baff waren und herzhaft gelacht haben!

Im Mai geht es auf die große Deutschland-Tournee. Die größten Hallen wurden gebucht, trotzdem dürfte jedes Konzert ausverkauft sein. Doch was die Show betrifft, da wird ja wild spekuliert, denn in älteren Interviews war schon mal davon die Rede, die Musik etwas mehr in den Vordergrund zu stellen.

"Wir werden in der Quantität die Show nicht mehr erweitern, also kein größeres Feuerwerk, noch mehr Scheinwerfer und Bühnenaufbauten. Das letzte Spektakel war groß, das war gut, und das reicht auch irgendwie. Wir werden natürlich für die neuen Titel, die wir hauptsächlich spielen werden, neue Effekte entwerfen. Es wird nicht so sein, daß Till mit den Raketen statt bei 'Weißes Fleisch' jetzt bei 'Mein Herz brennt' ankommt. Das machen wir nicht; wir transportieren die Effekte nicht. Für jedes Lied wird es ein neues Bild geben. Die Bühne wird aber jetzt keine Monster-'Voodoo-Lounge'. Es wird alles im Rahmen bleiben, wie es gewesen ist, und es wird in keinem Fall weniger werden."

Anfang des Jahres gaben sich Rammstein in Australien die Ehre, und "es war echt der Wahnsinn! Das war so ein riesengroßes Festival mit fünfzig Bands pro Tag, was gewandert ist. Wir waren die vorletzte Band hinter Limp Bizkit. Auf einmal standen wir in einem völlig fremden Kontinent bei 45 Grad auf der Bühne, und das Publikum hat getan, als spielten wir auf 'Rock am Ring'. Die haben mitgesungen und getanzt und kannten die Titel. Es war der Wahnsinn! Wir dachten: Was ist hier passiert? - Es war eine Erfahrung, die ich so noch nicht kannte. Selbst in Amerika sind wir noch nie vom kalten heraus auf die Resonanz gestoßen. Da haben wir erst 400er-Clubs gespielt, dann die 1.000er- und erst später die 2.000er- und 5.000er-Hallen. Aber daß bei einem 50.000er-Festival beim ersten Mal so die Luft brennt, das war noch nie der Fall."

Da untertreibt Flake sogar noch, denn wie wir von Paul später erfahren, mußten Rammstein kurzfristig sogar als Headliner auf die Bühne, weil Limp Bizkit die Tour abgebrochen hatten. Und wenn man in so einem Fall vor dem Publikum besteht, dann ist das eine großartige Leistung. Nehmen wir mal den umgekehrten Fall: Rammstein sagen kurzfristig solch ein Festival in Deutschland ab, und Fred Durst und Co. müßten dafür auf die Bühne – die würden sich vor Angst in die Hosen machen oder, was noch wahrscheinlicher wäre, gleich das Weite suchen.

Das Meister Glaub seine "erklärten Liebe Rammstein" nicht nur völlig hemmungslos huldigt, sondern dies auch noch völlig zu Recht tut, erfahrt Ihr im neuen Break Out 4/2001 - ab sofort druckfrisch am Kiosk oder im Bahnhofsbuchhandel.

Text Interview: Chris Glaub
Text Internet: Sven Lohnert



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