RUSH
30 Years in Prog

Götter des Prog-Rock: RUSH

GEDDY LEE
Jessas, wie die Zeit vergeht. Da feiern Rush ihr 30-jähriges Bandjubiläum mit einer fantastischen Live-Tour durch Europa, und wenn man die Herren Lee, Lifeson und Peart da oben auf den Brettern aufspielen sieht, fragt man sich wirklich, ob die zuvor genannte Zahl denn auch stimmt. Der Eindruck wird nochmals durch den Genuß der "R30 - Live From Frankfurt"-DVD verstärkt, die imposantes Zeugnis einer perfekten Band ablegt. Also höchste Zeit Gitarren-As Alex Lifeson zum Status quo im Lager der Kanadier zu befragen. Dabei ziehen dennoch dunkle Vorahnungen auf, wenn man an die ganzen Interviewkatastrophen der letzten Jahre mit Alex denkt. Die Gespräche klappten zumeist erst im dritten oder vierten Anlauf und waren meistens bereits nach zehn Minuten beendet - doch diesmal ist alles anders.

Alex Lifeson erwische ich deshalb in aller Herrgottsfrühe, zu völlig Rock'n'Roll-untauglicher Zeit gegen acht Uhr morgens in seinem Haus bei Toronto.
"Ich bin ein echter Frühaufsteher", schallt mir Alex frohgelaunt entgegen. "Ich bin jeden Tag so gegen sechs Uhr morgens fit, weil mein kleiner Enkel zur Zeit zu Besuch ist. Vor 20 Jahren hättest du mich mal kreuzweise können, wenn ich morgens so früh aus den Federn geworfen worden wäre. Wir bilden gerade eine große Familiengemeinschaft, denn mein Sohn und meine Schwiegertochter wohnen ebenfalls bei uns. Die haben sich vor einiger Zeit ein Haus gekauft und das ist erst in einem Jahr bezugsfertig - unglaublich, was machen die da so lange? In der heutigen Zeit muß so was einfach schneller funktionieren. Auf der anderen Seite schweißt eine solche Situation die Familie doch sehr zusammen und dieses Gefühl genieße ich gerade sehr."

Jetzt haben wir festgestellt, daß es für Alex auch ein Leben fernab von Rush gibt, allerdings auch gemerkt, daß selbst wenn das legendäre Prog-Trio musikalisch pausiert, der Gitarrist gar nicht erst in die Versuchung kommt sich zu langweilen.
"Genau", pflichtet Alex bei. "Ich wünschte ich könnte mich wirklich mal langweilen, aber das ist einfach nicht drin." Das glaube ich Alex auf keinen Fall, denn dazu ist der Klampfer einfach zu kreativ. "Und zu durchgeknallt, haha", ergänzt Alex.

Da ist wohl wirklich etwas Wahres dran sein. Aber kommen wir zur "R30 - Live From Frankfurt"-DVD. Ich hatte auf der vergangenen Tour die Gelegenheit Rush in Stuttgart livehaftig erleben zu dürfen, wohingegen die Redaktionscrew, bestehend aus Mike & Wasana Möller, Peter Nardo und Marco Magin, wohlgelaunt in die Frankfurter Festhalle tingelte, nicht wissend, hinterher Zeitzeugen eines legendären Konzertes geworden zu sein. Für meinen Geschmack übertrifft "R30 - Live From Frankfurt" die vor einiger Zeit erschienene "Live In Rio"-Bildplatte um Längen. Woher nimmt man als Band nach über 30 Jahren noch die Power und den Enthusiasmus solche Perfektion abzuliefern?
"Weißt du, mit der 'Live In Rio' ist das so eine Sache. Es ist eine ganz andere Art von DVD. Da steht der gesamte Event im Mittelpunkt. Es ist ein Open Air, es regnet in Strömen und die brasilianischen Fans rasten völlig aus. Bei 'R30 - Live From Frankfurt' ist das anders. Es ist ein Hallenkonzert, bei dem die Band, ihre Musik und ihre Performance im Fokus stehen. Da geht es wirklich nur um die Mucke und die dramatische Wirkung des Bühnenaufbaus auf das Publikum. Außerdem muß ich sagen, daß der Sound auf 'R30 - Live From Frankfurt' wohl eher unserem richtigen Livesound entspricht - vor allem qualitativ gesehen."

Dem gilt es uneingeschränkt zuzustimmen. Gerade der Klang von "R30 - Live From Frankfurt" ist geradezu bombastisch im Vergleich zu "Live In Rio". Trotzdem wird es nach 30 Jahren nicht gerade einfach sein, sich jedes Mal für eine solche kräfteraubende Tour zu motivieren.
"Die Motivation spielt wirklich eine wichtige Rolle. Für mich ist es einfach ein Wunder, daß wir nach dieser ganzen Zeit tatsächlich noch aktiv sind und die Massen von Fans immernoch unsere Musik hören wollen und uns für jeden Ton, den wir spielen, nach allen Regeln der Kunst abfeiern. Die ganze Idee hinter dieser DVD ist eigentlich nur, daß wir eine perfekte Aufnahme dieser Jubiläumstour haben wollten. Und wenn ich jetzt darauf zurückblicke, muß ich wirklich sagen, daß es eine großartige Sache war, dieses Zeitzeugnis auf Zelluloid zu bannen."

Für uns Fans ist das auch eine fantastische Angelegenheit, denn immerhin hat es ja eine halbe Ewigkeit gedauert, bis sich Rush wieder bei uns in Deutschland haben blicken lassen.
"Dessen sind wir uns auch schmerzlich bewußt geworden. Es war ein sehr großer Fehler all die Jahre nicht live in Europa zu spielen. Das hat sich wie ein roter Faden durch die letzten Bandjahre gezogen. Wir hatten so viel zu tun, waren permanent on the road und weit weg von zuhause. Da war der Zeitpunkt eben immer schlecht, da sich die geplanten Europatourneen immer an die Nordamerika-Dates angeschlossen hätten. Wir waren nach dem ersten Teil der Welttournee immer so fertig und ausgebrannt, daß wir den Sprung nach Europa einfach nicht mehr machen konnten. Wir hätten in all den Jahren vielleicht wirklich mal eine ausgedehnte Pause machen sollen, um wieder richtig Kraft zu schöpfen, aber dazu ist es nie gekommen. Und im Nachhinein darüber zu philosophieren macht sicherlich auch keinen Sinn. Fakt ist, daß wir zu euch zurückgekehrt sind und gemerkt haben, wie wichtig es ist bei euch zu spielen - und das auf jeder Tour und nicht alle Schaltjahre mal."

Geht es Alex eigentlich nicht auf den Sack permanent die extrem hohen Erwartungshaltungen an seine Gruppe erfüllen zu müssen? Nun liegt das letzte Studioalbum "Vapor Trails" noch gar nicht so lange zurück, dazwischen gab es mit "Live In Rio" und jetzt "R30 - Live From Frankfurt" gleich zwei gigantische Livedokumente, und doch werden schon wieder die ersten Rufe nach einem neuen Studio-Longplayer laut - und das, obwohl noch flugs die kongeniale "Feedback"-EP eingezimmert wurde.
"Das wissen wir und darum gehen wir bereits nächste Woche ins Studio, um mit dem Komponieren der Songs zu beginnen", veranlaßt mich Alex fast dazu sprachlos und mit offenem Mund den Telefonhörer aus meiner Hand gleiten zu lassen. "Als wir 2004 nach der Europatour nach Hause kamen, wußten wir, daß 'R30 - Live From Frankfurt' fast das ganze kommende Jahr unsere Aufmerksamkeit erfordern würde, und so entschieden wir nach vier Jahren ohne Urlaub uns eine Auszeit vom steten Studio-/Live-Rhythmus zu gönnen. Klar mußten wir wegen der Tragödie in Neils Leben auch mal einige Zeit aussetzen, das war aber verständlicherweise für niemanden von uns besonders erholsam. Also wollten wir 2005 als Ruhejahr ansehen, wobei das ja eigentlich gelogen ist, denn wir stellten die DVD fertig und ich habe die ganze Zeit ältere Sachen aus den Achtzigern in 5.1 Surround Sound neu gemischt. Aber nach zwei Tourneen und der EP ist es einfach für uns an der Zeit wieder ins Studio zu gehen um einen neuen Silberling einzuspielen."..........................











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ALEX LIFESON (oben), NEIL PEART



Und wieder Kollege Lohnert. Diesmal wird RUSH-Klampfer Alex Lifeson in die Mangel genommen und auf eine Zeitreise durch 30 Jahre Bandgeschichte entführt. Doch nicht nur die neue DVD "R30-Live From Frankfurt" ist Thema des Interviews, auch über Alex Knastaufenthalt nach einer Schlägerei wird heftig diskutiert ... doch lest selbst
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Text-Interview: Sven Lohnert
Text Internet: Sven Lohnert



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©breakout 02/2006