SARACEN
Höhepunkte und Raserei


SARACEN
Das lateinische Wort für Araber rief unter den Christen im Mittelalter tiefes Mißtrauen, Angst und Haß hervor. Waren es doch die Sarazenen, die das Heilige Land um die Stadt Jerusalem im Griff hatten. Zur Errettung starteten von Europa aus mehrere Kreuzzüge zur Befreiung des Mittleren Ostens vom scheinbaren Joch des Islam, obwohl sich die Kreuzritter häufig viel schlechter benahmen als die scheinbar Gottlosen. Erinnert sei hier nur an das Blutbad, das ein Christen-Heer bei der ersten Eroberung Jerusalems unter der Bevölkerung anrichtete. Viele hundert Jahre späte kamen, nach der Band Lammergier, in England dann fünf Musiker zusammen, die unter dem Namen Saracen in der westlichen Rockwelt für eine bis heute andauernde Begeisterung sorgten.

"Die Veröffentlichung meines Soloprojektes 'Come To The Light' im Januar 2000 unter dem Namen Templar hat eine für mich nicht zu erwartende Resonanz gehabt", sagt Rob Bendelow. "Auf meiner Homepage www.templarmusic.co.uk war schlicht die Hölle los, und die Meinung der Leute zu dem Longplayer war durchweg sehr positiv. Das war dann die Zeit, in der Mark Ashton und Bruce Mee von Now And Then Records hier in England auf die Sache aufmerksam geworden sind. Beide sind Saracen-Fans schon von früher her. Drum waren sie natürlich stark an einer Wiederbelebung der Gruppe interessiert und bearbeiteten mich, die Geschichte in Angriff zu nehmen. Sie haben so enormen Druck auf mich ausgeübt", muß er lachen, "daß ich überhaupt nicht anders konnte, als die Reformierung anzugehen. Und da Rich [Lowe, Keyboarder], Steve [Bettney, Sänger] und ich die besten Kumpels sind, gab's auch überhaupt keine Schwierigkeiten, sie ins Boot zu holen."

Für den leider 1992 verstorbenen Original-Bassisten Barry Yates bedient nun Richard Bendelow den Tieftöner, und als neuen Drummer holten die drei Saracen-Urgesteine Jamie Little dazu, so daß das Quintett den neuen Streich "Red Sky" in Angriff nehmen konnte. Wie sieht der Gitarrist, Songwriter und Produzent denn das Album etliche Monate nach der Veröffentlichung?

"Unser Ziel war es, eine Kollektion von zwölf Stücken zusammenzustellen, auf die wir stolz sein können. Wir wollten dem Hörer eine gewaltige und ehrliche Dosis Saracen-Musik bieten. Als wir im August 2003 bei einer Show in Bloodstock auftraten, schien es so, als sei das Publikum bestens mit dem Material vertraut, sogar besser, als wir es manchmal sind."

Mit ein Grund dafür dürfte vielleicht sein, daß auf "Red Sky" auch alte Klassiker in neu eingespielten Versionen sind.

"Die Bandmitglieder und die Leute unserer Plattenfirma sind übereinstimmend der Meinung gewesen, daß einige der Tracks von früher, die immerhin mehr als zwanzig Lenze auf dem Buckel haben, eine zweite Chance verdient hätten. Natürlich im Studio neu eingespielt, um die heutigen besseren Möglichkeiten nutzen zu können. Und das ist die simple Geschichte, warum wir uns dem Zeug von früher erneut zugewandt haben."

Songs wie zum Beispiel "Heroes, Saints & Fools" oder aber die erste Studio-Einspielung des alten Live-Klassikers "Follow The Piper" kommen dabei so gelungen rüber, daß man richtig süchtig nach dem Silberling werden kann. Dennoch bleibt die Frage, ob es angesichts der positiven Reaktionen nicht auch Sinn machen würde, die Original-Saracen-Scheiben neu aufzulegen?

"Wir haben zwar glücklicherweise die Rechte an jedem Saracen-Stück - und das war schon immer so. Aber trotzdem planen wir nicht, das Material in der ursprünglichen Fassung quasi als reine Wiederveröffentlichungen rauszubringen. Eine Ausnahme bilden da nur die Sachen, die seitens der Saracen-Anhänger vielleicht als Klassiker betrachtet werden. Auf 'Red Sky' haben wir uns 'Heroes, Saints & Fools' und 'Horsemen Of The Apocalypse' gewidmet, die beide von unserem 1981er Einstand stammen. 'Crusader' und 'Ready To Fly' werden sicher auf einer zukünftigen Platte folgen."

Ich stelle es mir aber gar nicht so leicht vor, ein Album mit alten und neuen Stücken zu mischen, so daß es trotzdem wie aus einem Guß klingt. Doch Saracen haben da wirklich tolle Arbeit geleistet, denn das Flair der Vergangenheit findet sich auch im aktuellen Material wieder.

"Vielleicht klingt es unglaublich, aber wir hatten da überhaupt keine Schwierigkeiten. Als wir anfingen, nach der langen Zeit wieder gemeinsam zu spielen, war's so, als hätte irgendwer all die Jahre einfach weggewischt. Den Spirit einzufangen, war wirklich keine Herausforderung - es passierte einfach. Das neue Hauptelement in der gegenwärtigen Saracen-Musik ist die Einbindung großer Gesangsharmonien - wo sie nötig sind - und dies zu den sonstigen Trademarks von uns dazuzufügen, so daß ein stimmiges Gesamtbild daraus wird."

Rob Bendelow




Es war also kein Problem, beim Songwriting und den Aufnahmen im Studio die Ära von damals wieder zum Leben zu erwecken - aber wie hat sich denn das Verhältnis der Musiker untereinander verändert?

"Unerklärlicherweise erscheint unsere musikalische Partnerschaft als verbessert. Ich denke auch, daß unsere Arrangements jetzt natürlicher sind, was schwerlich überraschend sein kann, weil wir ja alle nun zwanzig Jahre mehr auf dem Buckel haben. Daneben bin ich noch der Meinung, daß die Gitarre jetzt eine Spur härter rüberkommt. Fans haben uns auch häufiger erzählt, daß sie unsere Stücke auf Platte zwar mögen, wir live aber immer eine Ecke mehr an Heaviness hätten. Die meisten unserer Power-Sachen sind auf Gitarrenriffs geschrieben, und das scheint wohl beim Longplayer 'Red Sky' im Vergleich zu den Outputs aus den Achtzigern gut rüberzukommen. Mein Lieblingsklampfer ist Tony Iommi [Black Sabbath], und ich glaube, er würde von 'Red Sky' wohl angetan sein. Das erinnert mich an etwas, was sich auch geändert hat: Meine Gitarre, die ich hauptsächlich benutze, ist eine von Iommi unterschriebene Gibson SG, die Ende der Neunziger entwickelt wurde. Ich hatte die Ehre, diesen großartigen Mann Anfang 2003 zu treffen, und er fragte mich, ob ich mit meiner neuen SG denn zufrieden sei. Ich erwiderte, daß sie wahnsinnig toll sei und quasi wie von selbst spielen würde!"

"Meine Ansichten zu der Platte unterscheiden sich heute nicht von meiner Meinung in der Vergangenheit", kommentiert Bendelow den 1981er Streich "Heroes, Saints & Fools", der wohl maßgeblich zum hohen Status von Saracen beigetragen hat. "Die Qualität der Scheibe war ja unser Beweggrund zu versuchen, sie zwei Dekaden später genau so klingen zu lassen, wie wir's Anfang der Achtziger angestrebt hatten. Kürzlich war ich auf einer toll aufgemachten italienischen Website, wo der Macher das Stück 'Horsemen Of The Apocalypse' als sein Lieblings-Rockstück aller Zeiten bezeichnete. Ein Fan kontaktierte mich vor einigen Monaten, um mir einfach mitzuteilen, daß das lange Gitarrensolo am Ende des Tracks 'Ready To Fly' seine absolute Nummer eins unter allen Soli ist - und ihn jedesmal im Auto zu schnell fahren läßt. Beim Bloodstock-Festival 2003 war ein an den Rollstuhl gefesselter Saracen-Freak, der in seinem Wagen nächtigte, nur um uns am nächsten Tag live erleben zu können. Er teilte einem Kumpel mit, daß an diesem Tag für ihn der Höhepunkt des Jahres war, als wir auf der Bühne 'Heroes, Saints & Fools' spielten. Ich könnte noch mit vielen weiteren Ereignissen fortfahren. Was ich jedoch damit ausdrücken möchte, ist, daß all diese Kommentare und Geschehnisse für uns die Inspiration sind, die wir brauchen, um mit Saracen weiterzumachen."

Und wie werden Saracen die nächste Zukunft bestreiten?

"Der Nachfolger zu 'Red Sky' wird 'Vox In Excelso' heißen und wieder altes Material - neu aufgenommen - mit aktuellen Sachen mischen. Daneben haben wir noch den Song 'Mary' vorgesehen, den viele für einen unserer stärksten Tracks halten und der bisher nur mal als Demoversion mitgeschnitten worden ist. Aber wir haben ja mit Now And Then Records einen Vertrag über drei Longplayer, so daß wir uns auch schon Gedanken über das dritte Werk der neuen Saracen-Ära gemacht haben. Dieser Streich wird zu 90 Prozent aus neuen Stücken bestehen, dazu kommen dann noch 'Crusader' und 'Ready To Fly'."

Schön, daß Saracen trotz der langen Pause nicht die Flinte ins Korn geworfen haben, denn die Rockwelt wäre ohne sie um einiges ärmer.

"Vielleicht zur falschen Zeit am falschen Ort?" sinniert Rob Bendelow über den Umstand, daß es trotz des Respekts gegenüber der Formation und ihrem Erstlingswerk seinerzeit für den Fünfer nicht gereicht hat.

"Mit dazu beigetragen hat auch, daß manche Rockkritiker uns zu hart empfanden, um Saracen in eine Schublade stecken zu können. Nachdem wir mit 'Heroes, Saints & Fools' seinerzeit dann bei dem Label Polygram gelandet waren, gab es dort Grundsatzdiskussionen, ob die Company sich komplett aus der Rockmusik zurückziehen solle. Das hat uns für eine Weile ziemlich den Boden unter den Füßen weggerissen, und obwohl uns dann die CBS übernahm, haben wir uns nie mehr erholt von den Geschehnissen bei Polygram und dem Mißtrauen gegenüber der Plattenfirma, das bei uns entstandenen war. Aber eines muß man allen Saracen-Mitgliedern glauben: Unsere Liebe zur Musik und der Respekt unseren Fans gegenüber ist davon nie tangiert gewesen."


Unser Marco ist ja musikalisch gesehen ein ewig Gestriger und wird von einem der Redaktion als "Unbelehrbar" abgestempelt. So kam Marco auf den Trichter ein Saracen-Interview zu machen., weil: "Die anderen Interviews im Blätterwald echt nix taugen". Wenn Marco meint...Mehr könnt im neuen Break Out 2/2004 - ab sofort druckfrisch am Kiosk oder im Bahnhofsbuchhandel nachlesen.

Text-Interview: Marco Magin
Text Internet: Sven Lohnert



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