SILENT FORCE
Magische Momente

Wie schon im Studioreport des vorigen Break Out berichtet, bahnt sich bei Silent Force mit der neuen Scheibe "Infatuator" eine echte Heavy Metal-Sensation an. Schon damals schwelgten die anwesenden Schreiberlinge aufgrund der härteren Ausrichtung in Vergleichen mit Genregrößen wie Priest, Queensrÿche oder auch den Pretty Maids.

Dies hat sich angesichts der fertigen Scheibe keineswegs geändert, die das recht komplexe, progressive Konzeptdebüt "Empire Of Future" ziemlich alt aussehen läßt. Auch Mastermind und Klampfer Alex Beyrodt stellt erfreut fest:

"Die Platte kommt wirklich sensationell an! Wir haben diesmal ja bewußt ein anderes Songwriting gewählt, weil wir auf der Tour mit Stratovarius feststellten, daß uns die etwas härtere Gangart weitaus besser zu Gesicht steht und die Combo einfach besser klingt und auch tighter spielt. Natürlich sind wir da beim Gesang auch ein gewisses Risiko eingegangen, denn so hart wie DC Cooper auf dem Album singt, hat er noch nie in seinem Leben gesungen. Dennoch nehmen uns das die Leute ab und fressen uns fast aus der Hand. Das macht natürlich Spaß!"

Vermißt denn keiner die eher progressive Attitüde des Debüts?

"Nee, überhaupt nicht. Eher im Gegenteil, denn 'Empire Of Future' war für manche etwas zu sperrig. Man mußte fünf, sechs Mal reinhören, bevor es sich einem erschloß. 'Infatuator' legst du hingegen ein, und es tut einen Schlag, der bis zum Ende nicht aufhört. Diese Scheibe ist viel einfacher zu konsumieren, weitaus melodischer, schneller und härter. Außerdem hab ich diesmal nicht alles allein geschrieben, sondern es wurde alles zusammen als Team erarbeitet, was ich so gar nicht mehr kannte, weil es das bei mir seit Jahren nicht mehr gab. Heutzutage ist es gang und gäbe, daß es einen Songschreiber gibt, der zu Hause alles vorbereitet, seine Tapes verteilt, und dann jeder entsprechend seine Parts lernt, wie es auch bei uns der Fall war. Da ergab es sich aber während der Proben zur Stratovarius-Tour, daß ich beim Rumklimpern im Proberaum ein Intro runterfiedelte, bei dem die Jungs sofort ihre Biere zur Seite gestellt haben und zu qualmen aufhörten, um da mitzuspielen. Daraus entstand dann 'The Calling', und glaub's mir oder nicht, wir zimmerten den Song, so wie er jetzt auch auf dem Album ist, gleich zusammen. Das ist einfach so passiert! Mit Break-down-Parts, mit Soloparts, mit allem Zipp und Zapp, ohne abzubrechen. Es war wirklich so, daß in diesem Moment diese sprichwörtliche Magie herrschte, von der immer gesprochen wird, die ich aber so noch nie gefühlt habe - ich bin schon lange im Geschäft. Das war neu! Wir schauten uns alle nur an, grinsten verklärt durch die Gegend und sagten: Boah, was war das denn jetzt?"

Beyrodt will nicht unerwähnt lassen, daß die progressiven Trademarks der ersten Scheibe auf diesem Album auch vorhanden seien:

"Extreme Vocal-Arbeit und Chor-Arrangements sind durchaus noch zu finden - aber nachvollziehbar und nicht zu verspielt. Ich wollte auch wirklich, daß das ganze Ding nach vorne losbrettert, weil wir live unschlagbar sind. Ich wage einfach mal zu behaupten, daß zur Zeit keine Band so ein Rohr macht wie wir. In erster Linie von der Bühnenshow her, musikalisch gibt es natürlich schon noch andere gute Gruppen; aber was wir auf der Bühne abziehen, hat schon Klasse im Vergleich zu anderen berühmten Combos, die nur wie die Ölgötzen auf der Bühne stehen. Ich zerdepper da fast die Klampfe, der DC schmeißt sich ins Publikum - da geht voll die Luzy ab. Entertainment pur, kann ich da nur sagen! Schon allein deswegen geht es bei uns nicht mehr so vertrackt zu, sondern es gibt echt eins auf die Fresse."

Dennoch sind manche Parallelen zu gestandenen Metal-Größen nicht zu verleugnen, Zufall oder Absicht?

"Egal wie, die Leute finden das ziemlich geil, das Album wird überall in einem Atemzug mit 'Painkiller' genannt, was ich nicht so hundertprozentig nachvollziehen kann, da meiner Meinung nur drei Tracks in diese Ecke tendieren", wundert sich Beyrodt.

Und zwar "Infatuator", "Oblivion" und natürlich das Priest-Cover "All Guns Blazing". Man fragt sich, wenn schon zwei Stücke in diese Richtung schielen, wieso dann noch ein echter Priest-Song dran glauben mußte?

"Ganz einfach, weil wir diesen Song jeden Abend als Ausklang auf der Tour mit Stratovarius gespielt haben und die Fans - samt der Band - jedes Mal komplett ausgerastet sind. Dadurch kam das erst auf, daß DC sich ins Publikum schmiß und 'Crowd-Swimming' betrieb. Die Nummer verselbständigte sich in gewisser Weise und fühlt sich für uns so an, als ob sie von uns wäre! Als es dann ans Album ging, vertrat ich die Meinung: Wenn irgend jemand die Erlaubnis hat, ein Judas Priest-Cover zu machen, dann doch wohl derjenige, der mit der Band selbst in England geprobt hat. Damals standen drei Herren zur Auswahl, die für den Sängerjob bei Priest vorgesehen waren, letztlich probten aber nur zwei tatsächlich mit der Gruppe - nämlich DC und der Ripper, sonst keiner. Somit hat DC wohl mit die größte Berechtigung, das zu tun."

Trotzdem schlich sich eine kleine, feine Konzeptarie ins Album ein. Die Rede ist von "Cena Libera", einer Trilogie, die das alte Rom abhandelt.

"'Cena Libera' hat Victor Smolski geschrieben, hierbei scheuten wir keine Kosten und Mühen, um dieses kleine, zweiminütige Intro mit dem achtzigköpfigen Orchester seines Vaters in Minsk aufzunehmen. Die Trilogie selbst handelt vom alten Rom, was mich schon immer fasziniert hat. Ich lese ganze Bücher darüber und habe die Songs dazu schon vor vier Jahren verfaßt. Eigentlich wollte ich darüber ein Konzeptalbum machen, weil sich bisher noch keiner so richtig damit befaßt hat. Alle schreiben über Ritter, Burgen, Schwerter oder die griechische Mythologie wie unser Freund David DeFeis, aber keiner hat sich bislang das alte Rom vorgenommen. (Anm.: Doch, und zwar ebendieser David DeFeis in 'The Burning Of Rome' auf dem 1988er Virgin Steele-Album 'Age Of Consent'. - Der Red.) Also nahm ich mir mal kurz dieses Thema zur Brust, fing an, Songs zu schreiben, mußte aber feststellen, daß das nur mit einem Riesenaufwand zu bewerkstelligen ist. Damit blieb es dann eben bei der Trilogie, deren Songs sich auch ein wenig vom Rest des Materials unterscheiden; man merkt, daß es um eine andere Epoche geht, und damit hat sich?s. Außerdem brauche ich nicht schon wieder eine Konzeptscheibe, denn ich war ein wenig enttäuscht über die Resonanz auf den textlichen Inhalt von 'Empire Of Future'. Ich hatte gehofft, daß ich diesbezüglich auch mal ein paar E-Mails erhalte, in denen man sich über die dargebotenen Inhalte mit den Fans austauscht, doch da kam nichts. Deswegen sparten wir uns diesmal die drei Monate, die wir damals mit der Texterei verplempert haben, und machten diesmal lieber musikalisch Nägel mit Köpfen."

DC Cooper und Alex Beyrodt - Namen die für sich selbst sprechen. Qualität garantiert. Aber da sich musikalisch bei Silent Force einiges getan hat, ist es mehr als legitim die Hintergründe zu beleuchten. Petra Rottmann stürzt sich ins Rededuell-Duell mit der Stillen Macht - wie sie sich schlägt erfahrt Ihr im neuen Break Out 8/2001 - ab sofort druckfrisch am Kiosk oder im Bahnhofsbuchhandel.

Text Interview: Petra Rottmann
Text Internet: Sven Lohnert



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©breakout 11/2001