SKEW SISKIN
Wahnsinnige in Strickpullovern

Frontfrau NINA C. ALICE...

...in ihrer vollen Wandelbarkeit!
Obwohl wir alle den Rock'n'Roll-Gott so manches Mal ob der Ungerechtigkeiten im Biz in Frage stellen, kann er auch gütig und weise reagieren. So wie bei Skew Siskin aus Berlin, denn es wäre doch wirklich schade gewesen, nach dem 1999er Streich "What The Hell" und den tollen Longplayern zuvor nix mehr von den schrägen Vögeln zu hören. Und des neue Werk "Album Of The Year" ist solch ein Dampfhammer geworden, daß man sich schon auf Erden im Hardrock-Paradies fühlt.

"Pullover gestrickt und Haare bis zum Arsch wachsen lassen", grinst sich Nina eins, als ich sie auf die Beschäftigung der Skew Siskin-Musiker seit dem letzten Longplayer anspreche. "Wenn halt ein paar Leute aus der Band keinen Bock mehr haben, sucht man sich neue. Und es dauert eben 'ne Zeit, bis du die richtigen triffst, damit die Sache mit dem Wechsel nicht gleich wieder von vorne anfängt. Die guten Leute wachsen hier nicht am Baum an der Straße. Nebenbei haben wir noch versucht, mit den Songs voranzukommen, weil wir ja immer drauf hinarbeiteten, dieses Album auch mal irgendwann rauszubringen."

Könnte eine extrem schwierige Zeit gewesen sein, denn es galt ja nicht nur, zwei Neue zu finden und zu integrieren. Vier Jahre seit dem letzten Output sind verdammt lange, da kann man leicht in Vergessenheit geraten.

"Du als Journalist siehst es wahrscheinlich so: '99 kam das letzte Werk raus, 2003 nun was Frisches. Für mich ist die Periode wesentlich kürzer, so zwei Jahre. Ende '99 erschien 'What The Hell', danach waren wir erst mal auf Tour. Im Jahr 2000 brach für uns dann alles zusammen, aber wir haben stetig weitergearbeitet - und diese Platte, die jetzt in den Läden steht, ist ja auch schon 'ne Weile fertig. Uns war's wichtig, ein geiles Timing für die Veröffentlichung zu finden. Dazu erschien uns die Tour mit Motörhead gerade passend."

"Provozierend finde den Albumtitel nicht", meint Ninas, "da er persönlich gemeint ist, denn für uns ist es eben das Album des Jahres. Obwohl du auch 'Jahre' sagen könntest, da wir ja länger daran gewerkelt haben. Für mich ist das Ding musikalisch und vom Sound her ein Crossover aller bisheriger Platten. Wir haben viel rumgetüftelt und uns, mehr oder weniger gezwungenermaßen, viel Zeit genommen. Aber wir hatten auch viel Spaß dabei und konnten bei bestimmten Dingen mal darüber schlafen, ohne gleich eine Entscheidung treffen zu müssen. Als Spray [Bassist] dazukam, war der eine oder andere Song demo-mäßig schon so richtig geil, wo wir dann dachten: Laß uns nun den Baß draufhauen. Ich bin vor allem sehr stolz über die Fusion moderner Techniken bei Tracks wie 'Lips' oder 'Hate Lies', die Elemente besitzen, die man von Skew Siskin in dem Grad nicht unbedingt kennt, verglichen mit dem, was man bisher mit uns in Verbindung brachte. Aber wir waren schon immer freudig dabei, mit Sachen rumzuspielen."

Nina lacht, als ich sie auf die frische Rhythmus-Fraktion anspreche:

"Wir sind quasi in sie reingerannt!"

Gitarrist Jim Voxx dazu:

"Spray haben wir gefunden, als er ganz verzweifelt in Berlin rumrannte, nachdem er die dreißigste Band angecheckt hatte. Er stand völlig konfus an der Potsdamer Straße. Und Mario [Drummer] ist einfach aus Hamburg hergekommen [wo er zeitweise bei Kingdom Come getrommelt hatte] und hiergeblieben, ohne uns zu fragen - anders kann ich das nicht bezeichnen. Eigentlich haben wir ihm noch gar nicht richtig mitgeteilt, daß er dabei ist. Aber ist immer noch hier. Das ist die Wahrheit! Aber so ist Mario halt: verrückt. Und so verrückt, wie er ist, haben wir ihm gesagt, daß er jetzt nicht mehr Mario, sondern Damien Insane heißt."

"Die Songs hören sich live nun das erste Mal nach langer Zeit so an, wie sie eigentlich gemeint sind", vergleicht Jim die jetzige Besetzung mit den früheren Aufstellungen. "Na ja, sagen wir mal - jetzt schreit hier im Raum schon einer: 'das beste Line-up!' - wir sind jetzt 'ne Ecke härter, es ist schon ein Metal-Line-up für Rock'n'Roll. Auf die übliche Art und Weise haben wir sicher auch versucht, neue Leute zu finden, aber die sind dann immer im Proberaum zusammengebrochen. Die halten mich alle für wahnsinnig, aber für mich ist das Normalzustand. Es war doch alles schon äußerst frustrierend, und dann hat sich die Sache mit Spray und Damien zufällig ergeben. Ich war zuvor unheimlich pessimistisch und dachte, das kriege ich nie mehr zusammen. Deswegen haben wir es ja auch 'Album Of The Year' genannt, weil wir daran schon nicht mehr geglaubt hatten. Nach der 137. Berliner Audition bist du erst mal so richtig geschafft. Du fragst dich: Wo sind die Musiker?"

Da kann man ja versuchen, den Blick über die Landesgrenzen zu werfen.

"Eigentlich dachten wir, daß wir deutsche Musiker finden, wobei 's uns letztlich egal gewesen ist. Und jetzt ist auch ein Österreicher mit dabei."

"Einige konnten das Material auch spielen", schaltet sich Nina ein, "aber die Frage ist gewesen, wie sie es getan haben. Ganz nach dem Motto: Hallo, wo ist die Attitude, habe ich die heute zu Hause gelassen?"







Von der Kritik wurden sie zwar immer hoch gelobt, aber zum Durchbruch hat es bei Skew Siskin aus unterschiedlichen Gründen bislang noch nicht geklappt.

"Ja, kurz vor Gold hat's immer aufgehört", scherzt Nina. "Ich denke mal, wir sind 'ne Band, die überall frisch reintrödelt. Wir passen halt nicht immer in eine Schublade rein, am besten wohl zwischen AC/DC und Motörhead. Aber dennoch drehen wir unsere eigene Show aus dem ganzen Kram. Die Presse will ja gerne, daß wir durchstarten, aber ich glaube, daß die Probleme - ohne jetzt groß darüber zu palavern - bisher eher im Backing-Bereich gelegen haben. Die Sache frustriert schon, und ich brauche das um Gottes Willen echt nicht, um kreativ zu sein. Aber es funktioniert halt nicht, wenn sich einer ausklinkt - dann ist das Kacke."

"Nina und ich sind nervlich völlig fertig, die Neuen dagegen grundlos völlig relaxt", schaltet sich Jim wieder ein. Denn immerhin stehen Skew Siskin zum Zeitpunkt des Interviews mitten in den Proben zur bevorstehenden Tournee mit Motörhead: "Die wissen noch nicht, was auf die zukommt. Aber es kommen auf jeden Fall noch weitere Skew Siskin-Gigs im nächsten Jahr dazu: eigene Club-Shows und Auftritte mit anderen Acts."

Jim ist nicht nur der Gitarrist bei Skew Siskin, sondern als Songwriter, Produzent und Engineer für viel mehr zuständig.

"Ist sicher schon schwer, aber - und das muß man hier mal sagen - die meisten und besten Arrangement-Ideen für die neue Platte kamen von Nina. Sie hat einige Songs dermaßen umgedreht und auf den richtigen Weg gebracht, daß ich mich echt darüber wundern muß und heilfroh war, mit ihr zusammen an dem Album arbeiten zu können. Als Spray dazustieß, kamen dann die noch fehlenden richtigen Bässe, die Nina und ich überhaupt nicht fertiggebracht hätten. Wir begannen zu zweit an der Platte und beendeten sie zu viert. In Abschnitten mit allen Pausen brauchten wir für 'Album Of The Year' zweieinhalb Jahre. Und beim Mix habe ich genügend gekotzt", lacht Jim auf meine Bemerkung, daß die Scheibe dennoch wie aus einem Guß klingt.

"Geil auf jeden Fall", kommentiert Tieftöner Spray sein Gefühl, wie es denn ist, ein schräger Vogel zu sein. "Auf jeden Fall ist's das komplette Chaos, aber anders kann ich auch überhaupt nicht arbeiten. Und wenn Jim vorhin sagte, alle halten ihn für wahnsinnig, dann stimmt das durchaus. Aber dieser sogenannte Wahnsinn hat eben auch seine Berechtigung. Zuvor hatte ich nur drei, vier Skew Siskin-Songs gehört und wußte überhaupt nicht, was das eigentlich sein soll. Aber scheinbar war ich gut genug, daß ich mitspielen durfte. Die jetzige Besetzung stimmt in sich; keiner tanzt aus der Reihe, und alle wissen, was ihr Job ist."

Mit Sicherheit eine Grundvoraussetzung, damit sich die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen und Skew Siskin endlich zu Höhenflügen abheben können.

Ein Mann fehlt mir noch am Telefon, den ich dann von Jim Voxx als den Keith Moon aus Österreich vorgestellt bekomme. Voxx warnt ihn auch sogleich, sich nicht gegen diesen Vergleich zu wehren.

"Grüß Gott, wobei ich darauf bestehe, daß ich Wiener bin und kein Österreicher. Wobei ich im Falle von Keith Moon ausnahmsweise auch das mit Österreich akzeptiere. Und ich fühle mich auch wie Keith, denn sonst wäre ich nicht in dieser Band. Ich kannte Skew Siskin schon länger, wollte immer ein Teil dieser Gruppe sein. Leider haben sich unsere Wege in der Vergangenheit nie gekreuzt. Das neue Album ist vielschichtiger als die anderen. Vor allem live war's so: Nina und Jim, die griffen an; der Rest stand fünf Meter dahinter. Eine Platte - da kannst du im Studio sicher eine gute machen, aber eine Band muß live bestehen und die Magie der Scheibe auch rüberbringen. Diesbezüglich geht's jetzt richtig los - und wir kicken alles! Die Leute werden sich umdrehen. Vor allem die Muckerpolizei wird heulen vor Zorn, daß man mit so wenigen Tönen so viel erreichen kann."

Jene Herrschaften können uns eh gestohlen bleiben, denn Spaß muß die Sache machen. Und den haben wir beim "Album Of The Year" auf jeden Fall.

Abschließend kommentiert Nina C. Alice noch die Skew Siskin-Longplayer:

Skew Siskin
"Für die heutige Zeit jetzt plötzlich wieder aktuell."

Electric Chair Music
"Mit der EP sind's ja zwei Platten. Diese hier ist sehr psychedelisch und auch wieder aktuell. Im Gegensatz zum vorherigen Album ist sie etwas bewußter eingespielt."

Voices From The War
"Ziemlich brutal. Sehr schnelle Songs. Sehr weltbewegende Texte, die jetzt zufällig wieder passen, wenn du alleine nur den Titelsong nimmst."

What The Hell
"Rock'n'Roll pur. Ziemlich roh und kantig, aber trotzdem mit verschiedenen Richtungen drauf. Sie knallt rein ins Gehör und ist auch ganz anders produziert und gemischt als die neue."

Album Of The Year
"Eine Zusammenfassung von allem und vom Sound her super-heavy. Vom Songmaterial her - wie's klingt und gespielt ist, was rauskommt - am bedachtesten. Für jede Situation ist ein Song dabei."


Marco Magin sinkt förmlich auf die Knie. Er kann sich persönlich mit seinen Rock'n'Roll-Heroen von Skew Siskin unterhalten. Das ist für ihn wie ein Elfmeter auf's leere Tor! ...Mehr erfahrt Ihr im neuen Break Out 1/2004 - ab sofort druckfrisch am Kiosk oder im Bahnhofsbuchhandel.

Text-Interview: Marco Magin
Internet-Text: Sven Lohnert



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