SLAYER
Die Emotionen in den Augen
Ein weiteres Mal weht die Flagge von Slayer im rauhen Wind einer Welt, die den Thrash Metal fast schon vergessen hat. "God Hates Us All" ist das grollende, energiegeladene Manifest einer Band, die mit provokanter Kompromißlosigkeit das Harmoniebedürfnis der Gesellschaft ignoriert.

Alleine der Albumtitel dürfte bei genug Personen leichte Gefriereffekte im Gesichtsbereich auslösen. "Gott haßt uns alle", lautet die dunkle Botschaft abseits gewohnter religiöser Dogmatik, abseits gängiger Visionen von Paradies oder Errettung. "Viele Leute haben heute solche Gedanken, wenn sie sehen, was in der Welt abläuft. Katastrophen, Armut, Gewalt. Auch im persönlichen Leben steht jeder einmal vor der Situation, wo er aufgrund schlimmer Erfahrungen zu zweifeln beginnt. Die Menschen kommen sich einfach völlig verlassen vor und fragen irgendwann: Wie kann Gott das alles nur zulassen?" sagt Sänger und Bassist Tom Araya.

Anpassung und Harmonie gehörten eben noch nie zu ihrem Repertoire. Slayer verkörpern vielmehr das grimmige Gesicht des Thrash Metal, die latente Provokation, das brachiale Kontrastmittel zu allen Heile-Welt-Verkündern und ihren Optimismus-Ideologien. "Wir zeigen nicht auf die Wunden der Gesellschaft", relativiert Araya, "wir machen sie sichtbar für jene, denen die Dinge noch nicht bewußt sind. Das ist ein Unterschied."

Eine Strategie mit kontroversen Resultaten: Begeisterte Fans, erregte Politiker, Diskussionen um die befremdlichen Inhalte mancher Songs, öffentliche Auseinandersetzungen zu mehr als entbehrlichen politischen Statements. Die Band, die 1983 mit dem programmatisch betitelten Album "Show No Mercy" debütierte, polarisierte von Beginn an extrem. Musikalisch wie textlich, schonungslos und stur geradeaus. Das radikale, finstere Image haben sie sich in jedem Moment ihres Schaffens redlich erworben. Egal, wie man zu ihnen steht: Slayer waren keine Sekunde lang ein Bestandteil der oberflächlichen Spaßgesellschaft. Sondern ein Sprengsatz mitten auf die Tankstelle der alltäglichen Belanglosigkeiten.

"Diese Band wird sich nie ändern, nur um andere Leute nicht zu stören. Was sollte es auch bringen, seine Haltung zu ändern, um Kritikern zu gefallen? Das war nie unsere Einstellung. Natürlich wird es jetzt Tausende Personen geben, die sich vom Titel des Albums beleidigt fühlen und ihn ablehnen", bestätigt der Leader die ungebrochen rebellische Attitüde. Sein sinistrer Nachsatz: "Das ist ja auch ein Grund, warum er uns gefällt."

Ob solche Provokationen authentisch sind, Schock-Entertainment oder kalkulierte Basisarbeit: Druck erzeugt immer wieder Gegendruck. Harte Attacken durch Moralhüter, die PR oder politisches Kleingeld brauchen, sind ebenso Standard wie Zensur oder Anwürfe staatlicher Stellen. Doch wer sich so oft weit aus dem Fenster hängt wie Slayer, muß mit solchen Reaktionen rechnen. Letztlich bleibt aber die Frage, ob die Situation der stetigen Hexenjagd, der Konfrontation, nicht auch ziemlich unbequem ist? Araya reagiert kühl: "Unbequem für die anderen, nicht für uns. Wir gehen unseren Weg, egal, ob das jetzt jemanden in denn Kram paßt oder nicht."

Mit ihrer letzten Scheibe "Diabolus In Musica" haben sich die Amerikaner 1998 in anderer Art auf unsicheres Terrain vorgewagt. Ihr Sound enthielt plötzlich fette Groovecore-Parts, moderne Riffs und rhythmische Vokal-Einlagen. Diese Entwicklung löste keineswegs bei allen Anhängern die große Begeisterung aus. Ganz im Gegenteil: Leichter Unmut begann sich in manchen Kreisen zu regen. Modifizierte Klänge passen definitiv nicht in das starre Bild der Slayer-Puristen, die auf weitere zehn Ausgaben "Reign In Blood" warten und jede Abweichung als Ketzerei verdammen.

Nicht mehr so heavy wie früher, trendiger, weniger radikal, lauteten die Vorwürfe. Bullshit: Es war ein ausgezeichnetes Album mit frischem Wind, das gleichzeitig dokumentierte, daß Slayer über die Jahre auch begonnen haben, eingängigere Strukturen zu verwenden. "God Hates Us All" setzt den Weg fort, ist aber gleichzeitig eine "Rückbesinnung" auf die dampfenden, wutschnaubenden Eruptionen der früheren Zeiten. Ein Album, angesiedelt zwischen Midtempo-Kolossen, groovenden Riffs, Highspeed-Ausbrüchen und den entfesselten Vocals des Tom Araya. Unabhängig von allen textlichen Fragen und Aspekten des Auftretens hat diese Gruppe ihren eigenen, unverwechselbaren Stil gefunden, der Legionen von Musikern beeinflußt hat. Ein Ende ist keineswegs in Sicht.

"Wir sind im Laufe der Jahre viel reifer geworden, besonders was unser Songwriting betrifft. Ein Titel muß gut sein, sonst kommt er nicht auf das Album. Schließlich müssen wir das Resultat mögen und ewig damit leben. Bei der Arbeit im Studio konnten wir uns auch stark steigern. Am Anfang bist du da noch ziemlich verloren und hämmerst einfach nur die Tracks aufs Band, so gut es eben geht. Das hat sich geändert. Heute kennen wir alle Abläufe und können sie sehr genau steuern", betont der Frontmann.

Unterstützung leistete dabei Producer Matt Hyde während der Recording-Session in Vancouver. Seine Arbeit dürfte den Erwartungen entsprochen haben, denn die Performance hält eine ansprechende Balance zwischen ausgefeilter Technik und kantiger Direktheit. "Er hat es geschafft, unsere Songs so authentisch wie nur möglich einzufangen. Ohne übertriebene Effekte, mit einem rauhen Feeling. Es gab eine klare Vorstellung für den Sound, um die ganze Aggressivität unseres Materials zu transportieren."

Nach einigen Verzögerungen ist ein Werk finalisiert, das hohe Qualität bietet. Ein Album, mit dem Slayer den eingeschlagenen Kurs in Richtung Zukunft prolongieren. Die Songs tönen modern, ohne trend-anbiedernd zu sein, die Energie ist wie gewohnt mehr als beachtlich. Keine Ahnung, ob die Hüter der reinen Lehre jubeln werden. Das Konzept der sanften Erneuerung ist in jedem Fall besser als ein weiterer durchschnittlicher Selbstkopierungsversuch à la "Divine Intervention". Für Araya ist das ohnehin triste Thema Reproduktion längst vom Tisch. "Es gilt, eines zu vermeiden: Stagnation. Es war immer das erklärte Ziel, uns stilistisch zu entwickeln. Nur so bleibt eine Band wirklich interessant und lebendig."

Eine Leistung, die den Pionieren des Thrash Metal hoch anzurechnen ist. Denn dieser Stil dämmert heute ohnehin im Schatten des Vergessens vor sich hin. Der einstige Glorienschein existiert nur noch als Relikt längst vergangener Tage im Heavy-Geschichtsbuch. Diverse Underground-Acts sind präsent, manch gestandene Frühzeit-Heroen behaupten ihren Platz mit wechselhaften Ergebnissen. Dazu hampeln einige seltsame Retro-Kapellen mit grottenschlechten, faden Eighties-Imitaten durch die Gegend, um diese großartige Musik endgültig an die Wand zu donnern.

"Es ist wie mit allen Dingen: Erst beginnt der große Boom, dann flacht die Sache ab. Bands, die den Trend ausnutzen möchten, verschwinden wieder. Andere verlieren die Orientierung und suchen krampfhaft nach neuen Wegen. Wir sind uns immer treu geblieben. Das ist für mich der große Pluspunkt bei Slayer. Wir haben nie versucht, alles umzuwerfen, nur weil gerade ein anderer Sound in war. Es ist eine ehrliche Einstellung, die von den Kids respektiert wird. Auch deshalb kaufen sie unsere Alben."

Die Fans nennt der Shouter auch als Hauptmotivations-Faktor in der Karriere dieser Formation. "Es sind die Emotionen in ihren Augen", so Araya, "das zu erleben, ist ein Privileg." Der direkte Kontakt wird nach Gigs mit einem Ritual gepflegt: Jene Fans, die Stunden nach dem Konzert immer noch in der Nähe des Busses herumhängen, gelangen in den Genuß von direkten Begegnungen. Dann kommen die Musiker aus der Unterkunft, um zu plaudern, Fragen zu beantworten, Gerüchte zu entkräften oder Komplimente zu kassieren. Hey, what's up, dude? Customer Relationship Management, das einigen anderen "Stars" dringend zu empfehlen wäre.

Tiefschürfend wie wir ihn lieben - das ist unser "Ösi-Philosophator" Christian Prenger. Das dieses Interview für Hassbarde Tom Araya kein Zuckerschlecken war, dürfte euch nach diesem Auszug klar sein... Mehr erfahrt Ihr im neuen Break Out 5/2001 - ab sofort druckfrisch am Kiosk oder im Bahnhofsbuchhandel.

Text Interview: Christian Prenger
Internet-Text: Sven Lohnert



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