SOUTHERN ROCK SPECIAL V
Legenden & Träume


Lynyrd Skynyrd

Das Break Out war schon immer dem Südstaaten-Rock sehr zugeneigt. Als wir Ende vorigen Jahres aufgrund der Menge an Releases beschlossen, daß es mal wieder Zeit für ein Southern-Special sei, hätte niemand gedacht, daß diese Entscheidung Folgen haben würde: Dies ist nun schon der fünfte Teil des Features, diesmal mit einem Report des Labels Phoenix und einem Interview mit Rickey Medlocke von der Südstaaten-Legende Lynyrd Skynyrd.

Lynyrd Skynyrd
Musik gegen den Wahnsinn

Im vergangenen Jahr konnten die Southern-Rocker Lynyrd Skynyrd dreißig Jahre Plattenkarriere feiern, der Geburtstag wird nun in "Lyve" mit einer grandiosen DVD und Doppel-CD gewürdigt. Während der laufenden US-Tournee nahm sich Rickey Medlocke Zeit für eine ausführliche Unterhaltung.

"Wir sind sehr stolz auf diese DVD, die sich auch unheimlich gut verkauft", sprudelt es aus dem Gitarristen heraus, der in den 70ern bereits für einige Zeit als Drummer für Lynyrd Skynyrd aktiv gewesen war. "Wir sind alle äußerst zufrieden, daß wir mit unserer Musik immer noch so viele Leute erreichen können. Das freut mich natürlich umso mehr, da ich Lynyrd Skynyrd gegenüber zu jeder Zeit loyal gewesen bin. Auch als ich mit meiner ehemaligen eigenen Band aktiv war, hat es mich immer brennend interessiert, wie es denn um die Kerle so steht. All die Ereignisse in der langen Zeit, der Flugzeugabsturz 1977 oder die Triumphe, haben mich betroffen gemacht oder unheimlich gefreut. Nun bin ich ja schon mehr als acht Jahre wieder mit von der Partie – und die Energie der Gruppe ist nach wie vor umwerfend. Die Lynyrd Skynyrd-Musik ist einfach zeitlos; die Fans stehen zu uns, wie sie's schon in den 70ern taten. Und wir Musiker können uns glücklich schätzen, zu den älteren Acts zu gehören, die live immer noch so viele Leute ansprechen. Die Stones, AC/DC, Aerosmith - es ist einfach Unfug zu behaupten, diese Gruppen wären nicht mehr Teil der heutigen Rockszene. Insbesondere die Besuche bei den Gigs wie auch Plazierungen in den Charts sprechen da eine ganz andere Sprache. Hier handelt es sich um Musiker, die Rock-Historie mitgeschrieben haben. Warum sollen die denn aufhören? Mit dem Alter hat das nix zu tun, wieviel Energie man noch besitzt. Und die Nörgler können sich ihre Meinung in den Arsch schieben, denn Lynyrd Skynyrd werden so lange aktiv sein, bis ausschließlich wir beschließen, das Kapitel zu beenden. Die Musik von Lynyrd Skynyrd wird dann immer noch gehört werden, wenn ich schon lange nicht mehr lebe. Das liegt daran, daß wir Musik machen, mit der sich Leute auf der ganzen Welt identifizieren."

Ein kurzes Atemholen bei Medlocke, dann fährt er gleich fort:

"Kürzlich hat mich jemand gefragt, was wir mit unserer Musik angesichts des tagtäglichen Wahnsinns in der Welt denn bewirken würden? Ich will das mal so erläutern: Vor wenigen Wochen spielten wir 'ne super Show vor einer Armee-Einheit, die gerade aus dem Irak zurückgekommen war. Es dreht sich nun nicht darum, ob die Politik meines Landes dort korrekt ist oder nicht. Aber die Soldaten haben im Irak versucht, ihren Auftrag zu erfüllen und dabei ihr Leben riskiert. Unsere Songs sind ein kleines Dankeschön an sie gewesen. Und es stimmt mich traurig, daß die Musik nicht all das Übel auf der Erde heilen kann, weil durch Instrumente oder die menschliche Stimme erzeugte Klänge ein so wunderbares Geschenk sind. Es wäre wirklich toll, wenn dieser ganze Mist einfach aufhören, die Menschen in sich gehen würden, ganz tief in die Musik eintauchen und endlich zur Besinnung kämen. Man sollte dabei all das vergessen, an dem wir so festhalten und an das wir so glauben: Politik, Religion und noch mehr. Denn im Grunde genommen hat niemand mit seinen Ansichten zu hundert Prozent recht, wir alle unterliegen Irrtümern. Jeder macht Fehler, keiner ist perfekt, und in Wahrheit gilt es doch, andere zu respektieren. Musik kennt keine Grenzen, keine Glaubensrichtung, keine Rassen, und Lynyrd Skynyrd haben in vielen Texten schon immer Stellung bezogen: 'Saturday Night Special', 'That Smell', 'Gimme Three Steps', 'What's Your Name'."

Nachzuvollziehen auf der DVD oder der Doppel-CD "Lyve". Aber ein Thema muß bei einem Gespräch mit dem einstigen Blackfoot-Leader unbedingt angesprochen werden: Was ist denn seine Meinung zu einer Reaktivierung seiner Ex-Combo, wie sie übrigens auch im Internet mit einem Voting immer mal gefordert wird?

"Ich weiß, daß es diesbezüglich allerlei Aktivität gab und gibt. Auch tauchen ab und an Gerüchte über eine Blackfoot-Refomierung auf. Natürlich soll man niemals nie sagen, aber die Leute sollten einfach begreifen, daß ich, um das alles richtig aufzuziehen, Lynyrd Skynryd verlassen müßte. So nebenbei mal Blackfoot wieder Leben einzuhauchen, das geht nicht. Mal ganz davon abgesehen, ob's überhaupt klappen würde. Und derzeit verspüre ich keinerlei Ambitionen, das anzugehen, weil ich bei Lynyrd Skynyrd mehr als zufrieden bin."

Rickey Medlocke




Tom Hallek

Phoenix Records
Unsichtbare Klammern

Die Company hat durch ihre Veröffentlichungspolitik einen guten Namen, denn unausgegorene Schnellschüsse gibt es bei Phoenix Records in Hamburg nicht. Und auch die Südstaaten-Fans stehen hier glücklicherweise nicht abseits: Lizard oder ganz aktuell die Soloscheibe des Doc Holliday-Tastenmannes Eddie Stone sprechen eine deutliche Sprache.

"Wir haben 1994 als Art Beat Records begonnen, das dann aber ein paar Jahre ruhen lassen", blickt Label und Marketing Director Tom Hallek zurück. "Dann begannen wir zunächst, Phoenix als Mailorder und als Spezialvertrieb für die Biker-Szene aufzubauen. Mit den neuen Vertriebswegen wollten wir zumindest teilweise unabhängig von den bestehenden Strukturen werden. Schlußendlich trauten wir uns 2002 zu, die jahrelang ruhende Labelarbeit wieder aufzunehmen."

Den Unterschied zwischen der Biker- und der Rock-Szene beurteilt Hallek so: "Die Leute wenden wirklich jede Minute fürs Motorrad auf und haben deshalb keine Zeit, sich groß um Musik zu kümmern. Viele Biker sind mittlerweile in die Jahre gekommen, wobei wir von Phoenix im Vertrieb als Schwerpunkt die Harley-Szene betreuen, also eine Gruppe in der Altersstruktur zwischen 35 und 50. Die besitzen oftmals mehr Geld als die Zeit oder sind auch familiär so eingebunden, daß sie keine Gelegenheit haben, in einen Plattenladen zu gehen und sich dort umzusehen: Man ist nicht so musikfixiert und könnte auch ohne leben. Es wird das gehört, was im Radio oder Fernsehen stattfindet - und damit nur die großen Namen. Für uns ist das der Ansatz, diese sogenannten Sleeper aufzuwecken, die es im Rock gibt."

1999 ist für Phoenix ein wichtiges Jahr gewesen, weil die Firma mit der SPV einen Exklusiv-Deal abschließen konnte für alle Produkte in der Biker-Szene, also in den Harley-Stores, bei Events oder den CD-Mailordern großer Biker-Zeitschriften.

Doch wenden wir uns nun dem Label Phoenix zu, das von Rose Tattoo-Mucke à la Billy Butcher bis hin zu reinrassigem Southern-Stoff wie Lizard ein breites Programm bietet.

"Ich finde schon, daß die Label-Philosophie klar erkennbar ist: Wir veröffentlichen nur Bluesrock, Hardrock und Southern-Rock. Also ein Spannungsgebiet von Eddie Stone, der fast Country-Rock macht, bis hin zu American Dog, die beinahe Punk sind. Das alles wird dennoch durch eine unsichtbare Klammer zusammengehalten, die da lautet: Gitarren, handgemacht und, mit Ausnahme von Ohrenfeindt, 'American Style'. Mit der Company Music Avenue in Brüssel haben wir zudem ein Joint Venture in der Form, daß Phoenix da wie ein eigenes Label behandelt wird. Das gibt uns die Gelegenheit, Acts wie Rebel Storm mit klassischem Südstaaten-Rock auch europaweit herauszubringen."

Nur mit Südstaaten-Mucke allein könnte Phoenix freilich nicht überleben, weil der Konsumentenkreis überschaubar und zudem wirtschaftlich zu schwach ist. Tom Hallek: "Aber ich sehe Southern-Rock als Herzensangelegenheit, denn bei einem Interview mit Bruce Brookshire im November 2001 nach einem Konzert habe ich mit total in Doc Holliday verliebt. Die Band ist unglaublich und hat eine wahnsinnige Live-Performance. Ich habe da eine Musik wiederentdeckt, an die ich 15 Jahre lang nicht mehr dachte. Früher hörte ich viel Allman Brothers oder Molly Hatchet und spielte deren Musik nach; aber Mitte der 80er hatte ich das Interesse daran verloren."

"Jedes Jahr eine überschaubare Zahl guter Platten zu machen", gibt Hallek sein Ziel vor, "und dafür zu sorgen, daß die Angestellten und Musiker inmitten eines kollabierenden Marktes weiterhin ihrer Arbeit nachgehen können."

Und einen Traum hat er auch: "Irgendwann in ein paar Jahren mal echte Helden wie die Allman Brothers oder Lynyrd Skynyrd auf unserem Label unter Vertrag zu haben."




The Allman Brothers Band
"Live At The Beacon Theatre" (DVD)
Sanctuary / BMG

Die gleichnamige Doppel-CD haben wir bereits vorgestellt, aber diese Zweier-DVD in dem Southern-Special nicht zu präsentieren, wäre ein Frevel. Und wenn man sich das Geschehen auf "Live At The Beacon Theatre" reinzieht, kommen einem die Tränen, daß The Allman Brothers Band Europa schon so lange live sträflich vernachlässigt. In blendender Spiellaune reiht sich ein Kracher an den anderen, und selbstverständlich sind Sound und Bild dem Ereignis angemessen. An Bonusmaterial bekommt der Allman Brothers-Anhänger zum Beispiel eine Bandprobe mit dem Song "Old Friend" aus dem Umkleidebereich, diverse Interviews oder eine Foto-Galerie geboten. All dies weckt das Verlangen, die US-Combo endlich mal hierzulande on stage bejubeln zu dürfen.


Laidlaw
"Laidlaw"
US-Import / Bärchen Records

Das Cover ist wirklich scheiße und steht in krassem Gegensatz zu der geilen Mucke. Und auch wenn die US-Boys Laidlaw ihr neues Werk nur selbstbetitelt auf den Markt bringen, so handelt es sich - zählt man die Vorläufer-Combo Moonshine mit - bereits um ihre dritte CD. Frische Kraft durch Veränderung: Der neue Shouter Joey Pantera schlägt seinen Vorgänger um Längen, den Tieftöner zupft neuerdings Ex-Tangier-Bassist Gary Nutt. Auch im Sound haben sich Laidlaw gewandelt und präsentieren ihrer südstaaten-angehauchte Mucke eine Spur kommerzieller als zuvor, was absolut positiv rüberkommt in Stücken wie "Everything's Gonna Be Alright", "Brings My Baby Down" oder "This Must Be Love". Die CD bekommt schon Schwindelanfälle, so häufig dreht sie sich derzeit in meinem Player. Wie auch Blackberry Smoke gibt's das Werk ausschließlich unter www.baerchenrecords.de


Lynyrd Skynyrd
"Lyve - The Vicious Cycle Tour"
Sanctuary / BMG (DVD)
Sanctuary / RTD (CD)

Die aktuelle DVD "Lyve" anläßlich ihrer dreißigjährigen Plattenkarriere ist eine mehr als gelungene Würdigung dieses vorjährigen Geburtstages. Da verzeihen wir doch übermäßiges patriotisches Getue speziell in dem Track "Red White And Blue". Anläßlich der CD "Vicious Circle" gingen Skynyrd auf große Tournee, und in Nashville präsentierten sie sich knapp zwo Stunden in blendender Spiellaune. An der Songauswahl, mit einem gelungenen Mix aus alt und neu, gibt es nix zu meckern, an den Leistungen der Musiker auch nichts, Sound (5.1 Surround Mix) und Bild sind ebenfalls top - die Southern-Party daheim kann also steigen. Neben dem Live-Set, wohl einem der längsten Skynyrd-Auftritte der letzten Zeit überhaupt, bietet "Lyve" in Form einer Foto-Galerie oder eines Videos noch Zusatzmaterial, das die Southern-Fans erfreuen wird. Wer auf das visuelle Geschehen keinen Bock hat, kann sich "Lyve" auch als Doppel-CD reinziehen. Augen zu und los geht der unbeschreibliche Southern-Trip, wobei wir hier gegenüber der DVD in "Pick 'Em Up" und "Travelin' Man" leider auf zwei Tracks verzichten müssen.


The Sulentic Brothers Band
"The Sulentic Brothers Band"
US-Import / Bärchen Records

Der Nachschub rollt fast ohne Unterbrechung über den Atlantik. Die Rede ist von überzeugenden Südstaaten-Combos, die ihre CDs meist auf Indie-Labels oder im Eigenvertrieb herausbringen. Wie auch The Sulentic Brothers Band, die zwar die Southern-Mucke nicht neu erfunden hat, aber auf ihrem Einstand in Stücken wie "Old Glory", "13 Years", "Free Ride" oder "The Madness" ihre musikalische Verbeugung vor den alten Helden so gekonnt verpackt, daß mir das Sextett einfach super reinläuft. Okay, der Sound könnte ein wenig knackiger sein, aber der Mix aus Molly Hatchet, den Allman Brothers, Lynyrd Skynrd und etlichen anderen hat was für sich.


Unser Marco Magin ist ja musikalisch gesehen ein wenig "altbacken" und massiver Verfechter "handgemachter Rockmusik". Und so setzt er mal wieder eine dem Break Out liebgewonnene Tradition fort - das Southern Rock-Special...Mehr könnt im neuen Break Out 5/2004 - ab sofort druckfrisch am Kiosk oder im Bahnhofsbuchhandel nachlesen.

Text Interview: Marco Magin
Text Internet: Sven Lohnert



Mehr darüber gibt´s im Heft 5/04 nachzulesen!
Falls Ihr dieses Heft bestellen möchtet - einfach anklicken!


©breakout 06/2004