STAIND
Nette Jungs mit Tiefgang


In den USA sind sie bereits Superstars, die Mannen um den charismatischen Sänger Aaron Lewis. Vier Millionen verkaufter Exemplare von Stainds drittem Studioalbum "Break The Cycle" sprechen für sich. Und während wir hierzulande langsam, aber sicher auch auf den Geschmack kommen, überzeugen Gitarrist Mike Mushok und Drummer Jon Wysocki im Interview davon, daß sie beileibe keine Eintagsfliegen sind.

Bekanntlich ist Europa etwas kleiner als die USA, eröffne ich das Gespräch, und manchmal dauert es etwas länger, bis man hier was reißt. Kollegen wie zum Beispiel Kid Rock äußern sich dahingehend, daß sie lieber in Amerika bleiben und dort in Stadien auftreten, als sich vor tausend Nasen in Deutschland den Arsch abzuspielen.

"Wow, das hat er wirklich gesagt?" wundert sich Jon Wysocki. "Das kann ich ja kaum glauben. Der deutsche Markt ist für uns überaus wichtig. Wir haben wirklich exzessiv in den Staaten getourt, und nun freuen wir uns, daß wir mal aus dem Land rauskommen, neue Städte und ein anderes Publikum kennenlernen dürfen."

Mike Mushok wirft ein: "Das wäre doch Panne den Fans gegenüber, wenn wir nicht herkommen würden: Die haben die Platte gekauft, mögen unsere Musik und wollen uns live sehen, da müssen wir doch hier spielen!"

Zugegeben, meine Eröffnungsbemerkung war etwas provokant, schließlich wollte ich die Jungs aus der Reserve locken. Aber verständlich ist es schon, wenn man lieber zu Hause bleibt, als nochmal unten anzufangen.

"Keinesfalls!" ereifert sich Jon. "Darum geht es doch: neue Leute für die Musik zu begeistern, überall. Egal, ob es 500 oder 50.000 Fans sind, jeder einzelne zählt."

Cool, die Burschen sind auf dem Boden geblieben. Das ist gar nicht selbstverständlich, waren sie doch die letzten zwei Jahre in aller Munde und auf Tour mit Limp Bizkit, Monster Magnet, Kid Rock, Sevendust und Korn. Welche Tour hat ihnen denn am besten gefallen? will ich wissen.

"Alle Tourneen waren klasse", antwortet Mike, "und alle aus demselben Grund: Wir waren und sind Fans der aufgezählten Bands, und wir hätten nie gedacht, daß wir mal mit denen gemeinsam spielen dürfen. Es war eine Ehre für uns, mit diesen großartigen Combos auf Tour zu sein."

Drummer Jon weiß noch mehr: ?Die lustigste Tour war mit Sevendust. Wir sind richtig gute Freunde geworden, Mike hat sogar auf der Hochzeit von deren Gitarristen gespielt. Und jeden Abend nach der Show haben wir richtig Party gemacht, huhu?, lacht der Schlagzeuger.

Wieso wird der Band eigentlich nachgesagt, sie sei arrogant? Mike weiß die Antwort:

"Wir versuchen wirklich, es jedem recht zu machen, aber wenn man eine bestimmte Größe erreicht hat, geht das nicht mehr. Irgend jemand ist immer angepißt und schreibt dann irgendwelchen Quatsch ins Internet. Dort kann man ja alles behaupten, keiner kann überprüfen, was richtig ist und was nicht. Es tut weh zu lesen, daß du ein Arschloch bist, ist aber nicht zu ändern. Daher lese ich den Kram über uns gar nicht mehr."

Wo wie hier gerade so locker beisammensitzen: Verspüren Staind eigentlich keinen Druck, ihrem Nummer-eins-Hit "Outside" gleich den nächsten nachschieben zu müssen? Tumult im Bus. Beide Musiker wollen gleichzeitig antworten, Gitarrero Mike setzt sich schließlich durch:

"Schon bei der letzten Platte hatten wir einen enormen Druck. Hierzulande mag es vielleicht nach einem Über-Nacht-Erfolg aussehen, aber wir haben in den Staaten wirklich hart an unserer Musik gearbeitet, bis wir schließlich Platin erreichten, und es ist natürlich immer schwierig, dem noch einen draufzusetzen. Ja, nun ist der Druck noch größer, aber ich muß sagen, dieses Album ist innerhalb von vier, fünf Wochen 'gewachsen'. Wir haben uns getroffen, sind ins Studio gegangen und haben angefangen aufzunehmen; es ist alles ziemlich schnell passiert, und - ich klopfe auf Holz - wir haben so viele Ideen, passen toll zusammen, daß es das eigentlich sein müßte - ja, das ist es."

Nun kommt auch Jon zu Wort: ?Man möchte natürlich immer das nächste Album noch besser als das letzte machen. Ich hoffe, daß wir nun das nächste Level erreicht haben, man wird sehen.?

An dieser Stelle zitiere ich Mike Mushok, der vor kurzem sagte: Auf Tournee mußt du nur spielen. Soll diese tiefgreifende Aussage ausdrücken, daß Staind auf Tour nur ihr Zeugs runterschrammeln und zum Komponieren die Ruhe eines Studios brauchen, während andere Kollegen unterwegs ganze Alben schreiben? Herr Mushok widerspricht:

"Ha, natürlich nicht! Gerade heute habe ich im Hotel wieder einen Song geschrieben. Ich muß eben für mich sein, wenn mir was einfallen soll. Nach den Touren pausieren wir erst mal einige Zeit und setzen uns dann wieder zusammen, um an neuen Songs zu arbeiten. Ich schreibe jede Menge Stücke, wenn wir unterwegs sind, spiele die Ideen auf Tape, und nach der Tour sortiere ich dann den Müll aus. Etwas Abstand zu bekommen, ist wichtig. Manchmal denkst du, du hast was ganz Geniales gemacht, und wenn du es dir drei Wochen später nochmal anhörst, fragst du dich: Oh Gott, was habe ich denn da verbrochen? So ein Scheiß", lacht der Klampfer lauthals.

Staind sind nicht erst seit gestern aktive Musiker. Bevor er mit seiner Band den großen Erfolg hatte, verdiente Sänger Aaron seine Brötchen, indem er Akustik-Sets in US-Clubs spielte, mit im Gepäck auch den Song "It's Been A While", den er für Staind umarrangiert hat und der die erste Single der Band wurde.

"Wir machen alle schon seit vielen Jahren Musik", erklärt Jon. "Wir haben in allen möglichen Bands und Projekten gespielt. Aber nimm zum Beispiel Mike hier, der ist gelernter Toningenieur. Ich habe früher Motorräder verkauft, um über die Runden zu kommen. Und jaaa, ich habe auch in Poserbands getrommelt, haha. Meinen krassesten Job hatte ich mit 16: Da habe ich als Tabakpflücker gearbeitet, das war echt heftig", schaudert's den Drummer.



Wenden wir uns mal den Texten von Staind zu: Teils melancholisch - "realistisch!" fällt mir Mike ins Wort -, teilweise sogar depressiv angehaucht sind sie.

"Die Texte schreibt unser Sänger Aaron", erzählt der Gitarrenmann. "Erst waren die Lyrics etwas sehr trist, das stimmt, aber in den neueren Songs gibt es auch Hoffnung. Es wird besser! Das ist auch die Message, die er rüberbringen will: Es ist nicht alles so mies, wie's aussieht, es geht immer irgendwie weiter."

Ich weiß nicht, ob nur mir so geht, aber nach den ersten paar Durchgängen des Albums hatte ich so ein etwas bedrücktes Gefühl.

"Genau", führt Jon aus, "du bist nachdenklich geworden, was? Das ist unsere Message. Ich finde es gut, wenn einen Musik zum Nachdenken bringt. Musik sollte nicht nur Geplätscher sein, sondern auch Substanz haben."

Die zeigen Staind unter anderem im Song "Waste", der vom Selbstmord eines Fans handelt. Mike erzählt:

"Dessen Suizid hatte nichts mit uns direkt zu tun, daß unsere Texte ihn runtergezogen hätten oder so. Seine Mutter kam nach einem Gig zu uns und erzählte, daß sich ihr Sohn umgebracht habe und daß er unsere Musik mochte. Sie versuchte, im Gespräch mit uns herauszufinden, warum er das gemacht haben könnte. Sie hat nach Antworten gesucht und hoffte, ihn besser verstehen zu können, indem sie mit uns sprach. Leider konnten wir ihr nicht helfen, denn wir haben den Jungen nie kennengelernt. Die Mutter wollte uns nicht verantwortlich machen, sie wollte einfach, daß wir etwas über ihren Sohn erfahren und wissen, daß er unsere Musik mochte. Das hat Aaron dann zu 'Waste' inspiriert."

Jon fügt hinzu: "Denn es ist eine Verschwendung, ein junges Leben wegzuwerfen. Selbstmord ist keine Lösung, und es ist sehr traurig, wenn Menschen denken, es sei der einzige Ausweg aus ihren Problemen. Sie machen sich dabei nicht klar, wie viele Leute um sie herum für sie da sind und was sie diesen Leuten damit antun, wenn sie sich umbringen. Es gibt immer eine Lösung, und darüber schreiben wir Songs."

Das Cover von Stainds erstem (Demo-)Album "Tormented" war recht geschmacklos mit einer Bibel, die von einem blutigen Messer durchbohrt war und einer gekreuzigten Barbiepuppe.

"Das war ein wenig gedankenlos, zugegeben", sagt Mike. "Wir wollten einfach provozieren. Wir sind weder religiös noch politisch engagiert, in keinerlei Weise. Wir machen einfach nur Musik."

Unser "Bonebreaker" Birgit ist berühmt berüchtigt. Nicht nur dank ihrer "Blow-Job-Corner" im Magazin, auch die Musiker sind immer lammfromm wenn das schwäbische Energiebündel den Raum betritt. Auch Staind machen da keine Ausnehme und sind froh, daß Birgit auch bald wieder weg ist...Mehr gibt's im neuen Break Out 3/2002 - ab sofort druckfrisch am Kiosk oder im Bahnhofsbuchhandel.

Text: Birgit Bräckle
Text Internet: Sven Lohnert



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