VELVET REVOLVER
Rosige Aussichten

VELVET REVOLVER
Das nächste kurzlebige Projekt - oder die Superband, die über die nächsten Jahre dominieren wird? Schwer zu sagen. Fest steht, daß der Start von Velvet Revolver nicht gerade bescheiden verlief und immer noch verläuft. Drei ehemalige Guns N' Roses-Mitglieder tun sich zusammen mit einer der stärksten Persönlichkeiten der amerikanischen alternativen Rockszene sowie einem zusätzlichen, hoffnungsvollen Gitarristen. Diese Gang schaffte es bereits in den Anfängen, zwei Songs in den Blockbusters "Hulk" und "The Italian Job" zu plazieren. Und das erste eigene Album "Contraband" steht in den Startlöchern. Was kann da schon schiefgehen?

Eine ganze Menge eigentlich. Denkt man nur an die Kurzlebigkeit des damaligen Projektes Neurotic Outsiders, an dem so wie jetzt bei Velvet Revolver Duff McKagan und Matt Sorum beteiligt waren und das trotz eines sensationellen Debütalbums sowie einigen (wenigen) Konzerten zu schnell wieder Geschichte war.

"Da muß man aber ganz stark differenzieren", erklärt McKagan. An dem Bassisten sind die Exzesse der Vergangenheit indes nicht spurlos vorbeigegangen. Optisch sieht er fit und motiviert aus. Der immer wieder stockende Redefluß läßt aber (leider) hier und da Erinnerungen an einen gewissen Ozzy O. wach werden. "Die Neurotic Outsiders waren von Anfang an als ein absolutes Gelegenheitsding geplant. Wir spielten mit Matty, John Taylor von Duran Duran und Steve Jones von den Sex Pistols einige Konzerte in Hollywood, und die Mundpropaganda war phänomenal. Irgendwann bekamen wir einige Angebote von Plattenfirmen und haben dann auch Konzerte in Europa gespielt. Aber großartige weiterreichende Pläne hatten wir nicht. Immerhin: Nicht schlecht für ein Hobbyprojekt, weltweit knapp eine Million Alben zu verkaufen und absoluten Kultstatus zu genießen. Wir sind untereinander immer noch gut befreundet. Ich freue mich, daß es nach Johns Rückkehr zu Duran Duran für die Band so gut läuft. Und bei der Radiosendung von Steve Jones, die er jetzt regelmäßig für einen Sender in Los Angeles bestreitet, lache ich jedes Mal Tränen. Der Typ ist der Hammer! Und ich werde niemals einen seiner besten Sprüche vergessen. Als wir damals im Studio nicht weiterkamen und Steve nur so auf seinen sechs Saiten herumklimperte, sagte er plötzlich: 'If you get stuck, go to Chuck.' Mit anderen Worten: Wenn dir auf der Gitarre die Ideen ausgehen, bedien dich im reichhaltigen Fundus von Chuck Berry. Eine sehr wahre Aussage übrigens."

An Ideenreichtum wird es bei der Entstehung des Repertoires von Velvet Revolver aber wohl nicht gemangelt haben.

"Komischerweise mußten wir uns nicht verstellen oder etwa darüber nachdenken, in welche Richtung wir mit der Band gehen wollen", erzählt McKagan begeistert. "Wir haben uns getroffen und haben losgerockt. Keine großartigen Gedankengänge oder Pläne. Einfach nur wir fünf und ein kreatives Feuerwerk. Wir haben in Scott definitiv unseren Mann für die Zukunft gefunden. Vor ihm haben wir auch schon Leute wie Sebastian Bach getestet. Sebastian ist ein Wahnsinnssänger, aber unsere gemeinsamen Aufnahmen klangen eher nach den alten Skid Row. Und auf dieser Schiene wollten wir keineswegs fahren. Das war nicht der Sinn und der Zweck der Sache."


Die fünf bislang gehörten Velvet Revolver-Stücke sowie die Soundtrack-Beiträge bergen keine wirklichen Überraschungen: großformatig inszenierter Hardrock, mit einer abwechselnden Guns N' Roses- oder Stone Temple Pilots-Schlagseite.

"Es hätte absolut keinen Sinn gemacht, sich zu verstellen und ein Industrial-Album mit Rap-Einlagen aufzunehmen. Das hätten uns die Leute eh nicht abgenommen. Es ist ganz klar, daß wir unsere Vergangenheiten nicht verleugnen wollen. Wenn du aber in einigen Wochen das komplette Album zu hören bekommst, wirst du hören, daß die Gruppe sehr wohl eine sehr eigene Identität hat. Und das bestärkt mich nur in dem Glauben, daß wir eben nicht nach nur einem Album wieder Geschichte sein werden, sondern daß eine lange Bandhistorie erst vor Velvet Revolver liegt."

Die monumentalen Tourneen der Guns N' Roses-Vergangenheit liegen aber dennoch weit zurück und werden nicht wiederholt werden.

"Wir wollen in der Tat nicht jetzt schon sterben", lächelt McKagan. "Wir sind damals wirklich durch die Hölle gegangen. Klar: Wir haben Stadien ausverkauft und haben Millionen von Alben verkauft. Aber der Preis war hoch. Es sind Alkohol- und Drogenleichen aus den meisten von uns geworden, und es ist ein Wunder, daß es alle überlebt haben. Was übrigens die wenigsten wissen: Wir hatten damals eine Crew mit dabei, die alles filmte und die uns auf Schritt und Tritt folgte. Dabei sind Dutzende Stunden von Filmmaterial entstanden. Selbst wenn wir es stark zensieren würden, würde dabei eine Dokumentation herauskommen, die alles Vergleichbare vollkommen in den Schatten stellt. Und wir denken durchaus darüber nach, diese Dokumentation eines Tages zu veröffentlichen!"


Und damit minderwertige Veröffentlichungen wie die neue Guns N' Roses-Kompilation vergessen zu machen?

"Fest steht nur, daß niemand von uns etwas mit diesem Ding zu tun hat! Es verkauft sich glänzend, aber mit nur ein wenig mehr hätte man daraus eine viel interessantere und aufregende CD basteln können. Aber so ist eben die Firmenpolitik dieser Tage: möglichst wenig Investition und Profit bis zum Anschlag. Wir haben uns letztens darüber mit Slash unterhalten und werden wohl in einigen Jahren Axl damit angehen, die ultimative Guns N' Roses-Kompilation zu veröffentlichen. Die würde dann auch das ganze unveröffentlichte Zeugs umfassen, das wir immer noch in der Hinterhand haben. So etwas könnte dann auch wieder etwas gutes Licht auf eine der größten Rockbands der letzten Jahrzehnte werfen. Gemessen daran, wie 'großartig' Axl den Namen in den letzten Jahren verunstaltet."

Immerhin soll es demnächst eine Guns N' Roses-Dokumentation geben, und immerhin hast du - im Gegensatz zu Slash - die Teilnahme daran abgesagt.

"Wenn es eine echte Dokumentation über die Geschichte der Band geben sollte, müssen wir eben die erwähnten Aufnahmen von der 'Use Your Illusion'-Tournee veröffentlichen. Alles andere würde keinen Sinn machen. Was bringt es denn, aus der heutigen Sicht über die alten Zeiten zu sinnieren? Die Zukunft für mich und Slash heißt Velvet Revolver und nicht Guns N' Roses!"

Inzwischen müßtest du dich daran gewöhnt haben, mit schwierigen Sängern zu arbeiten. Hand aufs Herz: Ist es komplizierter, mit Scott zusammenzuarbeiten, oder war es mit Axl schlimmer?

"Du mußt es so sehen: Die beiden Sänger haben ihre ganz eigenen Persönlichkeiten, und das ist auch gut so. Was würde es mir denn bringen, mit braven Bübchen zusammenzuarbeiten, die dir aufs Wort gehorchen und immer kuschen? Da mag ich es lieber, daß Typen meine Musik repräsentieren, die eine starke Persönlichkeit und Ausstrahlung haben. Es ist unmöglich, Scott und Axl zu vergleichen. Aber mit Scott ist die Zusammenarbeit doch ein wenig einfacher. Bei ihm sehe ich immer wieder, daß er ein starkes Interesse daran hat, ein fester Bestandteil der Band zu sein. Als er in den Anfängen von Velvet Revolver zum Beispiel wieder einmal große Probleme mit seinen Abhängigkeiten hatte, verlinkte ich ihn mit meinem Kampfsporttrainer. Der brachte ihm - ähnlich wie seinerzeit auch mir - bei, seinen Körper und auch seinen Geist besser zu beherrschen, und das half ihm bei seiner nächsten Entziehungskur sehr gut weiter. Scott sagte mir letztens sogar, daß er diesen Entzug ohne diese für ihn vollkommen neuartigen Erfahrungen womöglich gar nicht gepackt hätte. Denn ein Entzug ist definitiv nicht mit einem Spaziergang durch den Rosengarten zu vergleichen. Und glaub mir: Ich weiß in diesem Punkt sehr wohl, wovon ich spreche."


Das lange angekündigte Velvet Revolver-Interview war etwas Besonderes für unseren Nikolas. Nicht nur daß die Mannen um Frontkämpfer Scott Weiland zu seinen absoluten Göttern zählen - jetzt kann er ihnen auch persönlich gegenübertreten. Nikolas fiel auf die Knie und erhaschte jedes Wort von Meister Duff McKagan... Mehr erfahrt Ihr im neuen Break Out 5/2004 - ab sofort druckfrisch am Kiosk oder im Bahnhofsbuchhandel.

Text Interview: Nikolas Krofta
Internet-Text: Sven Lohnert



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