![]() Tony Harnell...und seine Band! ![]() |
Spätestens der letztjährige Konzertmitschnitt "Live... In The Flesh" belegte mit Nachdruck, daß das vermeintliche All-Star-Projekt Westworld eine funktionierende Band ist. Viel mehr noch: Das neue, inzwischen dritte Studioalbum "Cyberdreams" demonstriert einen imposanten Schritt nach vorne. Mal sehen, ob sich bei diesem Mal etwas ändert und Westworld ihren Insiderstatus hinter sich lassen können.
Sänger Tony Harnell ist gerade aus Norwegen zurückgekehrt von einem Trainingscamp mit seiner "anderen" Band TNT. Fällt es ihm da nicht schwer, über Westworld zu plaudern? "Überhaupt nicht", schmunzelt er. "Es sieht vielmehr so aus, daß sich TNT sehr stark ins Zeug legen müssen, um ein so starkes Album wie 'Cyberdreams' zu machen!" Wie sieht die Situation um TNT derzeit überhaupt aus? Noch vor einigen Monaten erwähntest du die baldige Veröffentlichung eines Kompilationsalbums mit Raritäten, einer neuen EP und so weiter und so fort. Doch bislang ist es diesbezüglich noch sehr still. "Das ist allerdings pure Absicht! Ich habe spätestens jetzt in Norwegen erkennen müssen, daß in dieser Band nach wie vor - vielleicht sogar stärker als jemals zuvor - ein unglaubliches Potential steckt, und wir müssen jetzt einfach bedächtig und Schritt für Schritt vorgehen. Wir haben die Zeit dort mit Komponieren und Fertigstellung von Demos verbracht sowie mit ganz wichtigen und ganz ausführlichen Gesprächen. Wie du weißt, ist unser ursprünglicher Schlagzeuger Diesel Dahl wieder mit dabei, und die derzeitige Energie zwischen den einzelnen Mitgliedern ist einfach unglaublich! Ich habe Diesel nach etwa zwölf Jahren wiedergetroffen, und wir haben erst einmal zusammen eine Flasche Wodka geleert. Die Unterstützung, die wir bereits jetzt in Norwegen erfahren, ist unglaublich, und ich hoffe, daß der Funken von dort aus nach und nach auch in den Rest der Welt überspringt und wir wieder einigermaßen in die Gänge kommen können." Du sprachst vom Komponieren und vom Demos aufnehmen. Obwohl wir uns eigentlich über Westworld unterhalten: Einige wenige Worte zu den neuen TNT-Stücken wirst du noch verlieren müssen. "Wir haben versucht, an der Stelle anzuschließen, an der wir seinerzeit nach dem Album 'Tell No Tales' ein wenig die Kontrolle über die Band verloren haben. Da gab es plötzlich sehr viele Berater, Außenstehende, auf die wir gehört haben und auf die wir nicht unbedingt hätten hören sollen. Natürlich kehren wir klanglich nicht auf eigener Achse zurück in der Zeit, aber ich schätze, daß jene, die mit TNT jemals etwas anfangen konnten, begeistert sein werden. Und vielleicht können wir auch Leute ansprechen, die mit uns früher entweder nichts anfangen konnten, oder solche, die uns bislang nicht kannten." |
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Rückt bei soviel Euphorie über die eine Band die andere nicht ein wenig ins Abseits?
"Die Gefahr besteht nicht. Ganz alleine aus dem Grund nicht, weil Westworld inzwischen sehr gut funktioniert und weil wir bereits bei unserem ersten Zusammentreffen gesehen haben, daß sich hier eine langfristige Zusammenarbeit ankündigt." Witzigerweise konnte man in der letzten Ausgabe des Break Out in einem Riot-Interview mit Mark Reale ein Statement zu Westworld lesen, und dieses unterschied sich doch deutlich von dem, was du gewöhnlich von dir gibst. Nämlich: "Das ganze (sprich Westworld) ist nicht mehr und nicht weniger als ein Side-Project und für mich eine Art Flucht von Riot." "Es ist immer eine Auslegungssache. Ich weiß aber, daß Mark genausoviel Spaß an Westworld hat wie ich auch, und ich weiß auch, daß Mark ein absoluter Profi ist, der eben ganz genau weiß, wie er ein neues Album einer Band zu verkaufen hat." Deine immer wieder erwähnte Vision einer Band scheint sich für Westworld immer stärker in die Tat umzusetzen. Denn auch Bassist Bruno Ravel ist jetzt mehr in den Mittelpunkt gerückt. "Ich wollte das genau so haben, weil ich ganz genau weiß, daß Bruno bislang nicht sein komplettes Potential bei Westworld ausschöpfen konnte und weil er im Studio ein absoluter Crack ist. Das in ihn gesetzte Vertrauen konnte er jedenfalls zur allgemeinen Zufriedenheit erfüllen." Bruno hat euren bisherigen Engineer, Mischer und Mitproduzenten Paul Orofino ersetzt. Hängt damit auch der leicht veränderte Westworld-Kurs zusammen? Die neuen Refrains sind jedenfalls verschachtelter und erschließen sich einem erst nach mehrmaligem Hören. |
Bruno Ravel |
![]() Josh Pincus |
"Wir haben diesen Kurs bereits auf den ersten beiden Alben ein wenig angekündigt, nun aber war die Zeit reif für eine richtige Wende. Ich mag die ersten beiden Alben, wir waren aber vielleicht noch nicht soweit, auf solche Songs zu setzen. Ich habe nämlich immer schon auf Musik gestanden, die sich einem erst nach mehrmaligem Hören erschließt, und nicht auf solche, die einen nach mehrmaligen Hören bereits anfängt zu langweilen. Außerdem stehe ich in letzter Zeit nicht mehr so auf vordergründig aufgebaute Refrains. Auf Refrains, die mit Tausenden von Stimmen zugekleistert worden sind und die den Hörer geradezu mit den Worten 'hier kommt die Hookline!' anschreien. Versteh mich nicht falsch: Ich stehe immer noch auf klassischen Hardrock mit all seinen hundertprozentigen Refrains, die man nach wie vor auf all diesen großartigen alten Alben hören kann. Aber es erschien mir wirklich langweilig, bewährte Elemente aus der Vergangenheit zu kopieren. Es war viel aufregender, mit Westworld ältere und zeitgemäße Elemente zu verbinden. Mit dieser Prämisse ist diese Band seinerzeit entstanden, und so wird es bei uns immer sein."
Nun bist du mit Westworld dieses Jahr in Großbritannien auf dem Z-Rock-Festival aufgetreten, im nächsten Jahr sollst du dort die gleiche Position mit TNT belegen, wobei es derzeit wohl sehr unsicher ist, ob das Festival überhaupt stattfinden wird. "Ich weiß um die Problematik; ich weiß auch, daß das diesjährige Festival in Deutschland wohl etwas unter den Erwartungen geblieben ist. Aber um ehrlich zu sein, verwundert mich das nicht einmal so sehr. Diese Festivals kommen mir vor wie riesige Präsentationen der Plattenfirma und weniger wie eine Plattform für die beteiligten Gruppen. Für mich würde es mehr Sinn machen, anstelle eines solchen Festivals eine Tournee mit zwei oder drei der stärksten Bands des Labels zu veranstalten. Abgesehen davon würde es für meinen Geschmack ebenfalls mehr Sinn machen, daß das Label mehr Prioritäten setzt, stärker seine Hauptacts unterstützt und weniger mittelmäßige Bands signt. Durch all diesen Signing-Overkill schrumpft sich die Szene nämlich keineswegs gesund, sondern explodiert irgendwann, und damit ist niemandem gedient." |
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Abgesehen davon, daß durch all diese gesichtlosen Newcomer und Projekte ehemals bekannter Musiker die wenigen treuen Genre-Fans eher genervt als erfreut werden.
"Das sind zum Teil nette Jungs, recht gute Bands, aber sie sind in meinen Augen oft nicht gut genug, um es wirklich zu verdienen, einen Albumdeal zu bekommen. Man sollte wirklich Prioritäten setzen können. Nur so kann es auf die Dauer mit der Szene etwas werden." Harte, wenn auch vollkommen berechtigte Worte. Und wenn wir schon von Projekten sprechen: Ein wirklich sinnvolles Projekt war deine Akustikcombo Morning Wood, die in den Neunzigern ein Album in Japan veröffentlichte, das es nach all den Jahren tatsächlich schaffte, auch im Rest der Welt herauszukommen. "Morning Wood waren fast schon viel zu gut dafür, daß es sich lediglich um einen lockeren Jam zwischen Freunden handelte. Ein englisches Label ging mich nach all den Jahren an, sie wollten das Album unbedingt veröffentlichen und machen bislang einen glänzenden Job. Sie legen sich für ein älteres Werk genauso ins Zeug, wie sie es mir vorher versprochen haben. Das gefällt mir sehr gut, weil ich vor allem in den letzten Jahren erfahren mußte, daß Versprechen in dieser Szene kaum noch etwas zählen." |
![]() Mark Reale |
Text: Nikolas Krofta
Text Internet: Sven Lohnert

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