HIM: Zwischen Giorgio Moroder und Mike Patton

Beinahe hätte es geklappt... Das seit Jahren geplante Gespräch zwischen Chris Glaub, Nikolas Krofta und HIM-Frontmann Ville Valo. Und die Voraussetzungen kurz nach der Jahreswende waren eigentlich optimal. Ville weilte in der Bayerischen Hauptstadt, im Gepäck das starke neue Album „Screamworks: Love In Theory And Practice“ und jede Menge gute Laune. Leider konnte Chris im letzten Augenblick doch nicht mitkommen und so blieb es beim Treffen der Herren Valo und Krofta. Doch irgendwann im Laufe des Jahres wird doch noch es zu dem „Treffen der Giganten“ kommen.
„Dann können wir auch 2 auf 2 machen“, lacht Ville. „Chris zusammen mit dir und ich nehme noch Migé dazu.“
Stichwort Glaub. Der HIM-Intimus ließ vor einigen Monaten seine Verbindungen spielen und packte kurzerhand die komplette HIM-Mannschaft auf die Gästeliste für das Konzert von Faith No More in Helsinki. Eine gute Tat, an die sich Ville dennoch mit sehr gemischten Gefühlen erinnert.
„Wir konnten in allerletzter Sekunde leider doch nicht zu dem Konzert gehen. Wir waren im Proberaum und arbeiteten mit Hochdruck am Material für das neue Album. Wir mußten es in Form bringen, denn einige wenige Tage später sind wir ins Studio nach Los Angeles geflogen, um mit den Aufnahmen zu beginnen. Ich kann mich daran erinnern, daß ich an dem Tag echt miese Laune hatte. Ich hätte Faith No More zu gerne gesehen. Aber wir hatten leider die Zeit nicht. Aber ich hoffe schwer, daß es sich bei den Jungs nicht um ein einmaliges Comeback gehandelt hat. Ich hoffe, ich kann sie irgendwann wieder live sehen. Dann kann ich mich vielleicht mit Mike Patton auch ein wenig über Bohren & Der Club Of Gore unterhalten. Das ist ein tolle Band, die ich immer noch sehr gerne höre.“
Und die Ville von Glaub empfohlen bekam. Das ist aber auch ein Album, das keinen Einfluß auf das neue HIM-Werk hatte...
„Allerhöchstens in Nuancen und ganz unterbewußt. Ich höre auf ’Screamworks’ verdammt viele Einflüsse aus den Achtzigern. Das ist gewiß nichts Neues. Es ist bekannt, daß ich diese Ära sehr mag. Aber wir hatten im Studio mit Matt Squire zum ersten Mal einen Produzenten, der ungefähr im gleichen Alter ist wie wir und der genau mit der gleichen Musik aufgewachsen ist wie wir. Wir lachten uns im Studio regelmäßig kaputt. Ich kam immer wieder damit an, woran mich der ein oder andere neue Song erinnert. An zwei drei Stellen höre ich die Einflüsse des ’Top Gun’-Soundtracks heraus. Die alte Giorgio Moroder-Schule eben. Dann klingt’s auch ein bißchen nach Def Leppard oder Van Halen in der Sammy Hagar-Ära. Aber auch nach Hüsker Dü oder aber A-ha. Und Matt konnte all die Vergleiche perfekt nachvollziehen.“
Interessante Vergleiche, die keineswegs von der Hand zu weisen sind. Abgesehen davon klingt das Album aber auch mehr als zuletzt nach den klassischen HIM... Mehr als die beiden beiden Vorgänger „Dark Light“ und „Venus Doom“.
„Das ist eben eine alte Weisheit“, weiß Ville. „Man muß ein bestimmtes Album machen, um beim nächsten Mal etwas komplett Unterschiedliches abliefern zu können. ’Venus Doom’ war sicherlich ein sehr ungewöhnliches Album. Zum Teil sehr lange Songs, massenweise langsame Passagen, seltsame Stimmungen. Aber genau das wollten wir zu dem Zeitpunkt machen.“
Mit dem Ergebnis, daß so mancher das fertige Werk nicht ganz verstehen und nachvollziehen konnte.
„Das Album war unser ’Ritual de lo Habitual’“, spielt Ville auf das damalige Jane’s Addiction-Experiment an. „Ich verarbeitete Einflüsse von Anathema, Cathedral, My Dying Bride und natürlich auch massenweise Black Sabbath. Ich mag ’Venus Doom’ nach wie vor. Ich habe mir das Album letztens auch am Stück mit ’Screamworks ’ angehört und war sehr zufrieden. Aber es ist bei jedem Mal die gleiche Geschichte. Ein Album ist eigentlich niemals fertig. Man muß es eben nur eines Tages abgeben und loslassen. Aus der heutigen Sicht hätte ich auf ’Venus Doom’ die ein oder andere etwas schwungvollere Passage noch schwungvoller gestaltet. Das hätte für einen besseren Kontrast gesorgt.“
„Screamworks“ ist so ziemlich genau zehn Jahre nach dem definitiven HIM-Durchbruch entstanden. Zehn Jahre nach „Razorblade Romance“.
„Zugegeben: die Melodien sind diesmal wieder eingängiger, die Keyboards dominanter als zuletzt“, sinniert Ville. „Aber ich denke trotzdem nicht, daß wir in der Zeit zurückgereist sind. Matt ist ein ganz anderer Produzent als es damals John Fryer war. Und vor allem: HIM sind jetzt schon seit Jahren eine beständige, gut funktionierende Band. Das war vor zehn Jahren anders. Damals waren wir noch auf der Suche nach dem richtigen Line-up. Ich kann mich daran erinnern, daß wir zu ’Razorblade Romance’ in Deutschland bereits in recht großen Clubs gespielt haben. Und hier in München, ich vermute es war im ’Backstage ’-Club, habe ich Gas gefragt, ob er nicht der neue HIM-Schlagzeuger werden möchte.“
Ville blickt aus dem Hotelfenster von dem aus man den Kunstpark Ost inklusive „Backstage“ fast sehen kann und erzählt weiter.
„Gas war ja damals nur aushilfsweise bei uns. Quasi als Gastschlagzeuger“
Weil bereits der Name Sammy Hagar gefallen ist. Ville bevorzugt eigentlich die Van Halen-Ära mit David Lee Roth am Mikro. Ein klassischer Grenzfall. Roth ist eigentlich der bessere Frontmann, Hagar der bessere Sänger und Autor.
„Ich kann mich an die Hagar-Phase bei Van Halen eigentlich kaum erinnern. Ich kann mich umso besser an die Roth-Ära erinnern. Da waren viele gute Sachen dabei, ganz viele Hits und starke Alben. Ich liebe auch Roths Soloalbum ’Eat ´Em And Smile’. Er hatte damals ein wirklich bärenstarkes Line-up beisammen. Steve Vai an der Gitarre, Billy Sheehan am Baß und Gregg Bissonette am Schlagzeug. Das war in meinen Augen ein unglaubliches, ultimatives Line-up.“
Es gibt natürlich auch ganz viele unterschiedliche Frontleute. „Exhibitionisten“ und Großmäuler wie David Lee Roth oder aber Rammsteins Till Lindemann, der letztens in einem Interview sinngemäß meinte, daß es eigentlich wenig bringt zwischen den Songs mit dem Publikum zu kommunizieren.
„Für Rammstein mag das gelten“, weiß Ville. „Ihre Musik ist sehr theatralisch. Sie haben eine perfekt konzipierte Show, die von Anfang bis zum Ende durchläuft. Aber sie sind eine der ganz wenigen Ausnahmen, bei denen das ohne Ansagen funktioniert. Ich schätze Frontleute, die es beherrschen, das Publikum zu unterhalten und auf die jeweiligen Stücke einzustimmen. Leute wie Tom Waits, Nick Cave oder Mark Lanegan sind in dieser Beziehung große Vorbilder von mir. Ob ich so etwas auch beherrsche? Schwer zu sagen. Ich flüstere eher etwas vor mir hin, reiße irgendwelche Insiderjokes, die eigentlich nur die Band verstehen kann [siehe auch die DVD „Digital versatile Doom – Live at the Orpheum Theatre“ – Anm. d. Verf.] oder suche mir einen Fan in der ersten Reihe aus, mit dem ich mich unterhalte. Aber ganz ehrlich: es fällt mir heute viel leichter, vorne auf der Bühne zu stehen und die Band zu repräsentieren. Das fand ich früher eher kompliziert und anstrengend.“
Text: Nikolas Krofta






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