
Lou Reed und Metallica gehen mit „Lulu“ eine teuflische Liäson ein
Was haben Metallica, die „Trash-Metal“-Ikonen, und der New Yorker Avantgarderock-Künstler Lou Reed gemeinsam? Zum Beispiel einen gemeinsamen Longplayer! Das Resultat dieser einmaligen Zusammenarbeit trägt den Titel „Lulu“. Produziert wurde „Lulu“ von Lou Reed, Metallica sowie von Hal Willner (der zuvor unter anderem für Reed, Marianne Faithfull und Laurie Anderson hinter den Reglern stand) und Greg Fidelman, der die Songs von Lulu schließlich auch abgemischt hat.
Die Idee für dieses Gipfeltreffen, bei dem zwei veritable Legenden der zeitgenössischen Musiklandschaft aufeinandertreffen, entstand bei den Konzertveranstaltungen zum 25. Jubiläum der Rock & Roll Hall Of Fame in New York, die im Oktober 2009 stattfanden. Zu diesem Anlaß teilten sich Metallica die Bühne mit Lou Reed und präsentierten gemeinsam Klassiker von The Velvet Underground wie „Sweet Jane“ und „White Light/White Heat“. Reeds Kommentar: „Schon nach diesem Auftritt war uns klar, daß wir füreinander geschaffen waren.“
Lou Reed war so begeistert, daß er gleich im Anschluß an die spektakuläre Performance den Vorschlag machte, gemeinsam mit der Band ein ganzes Album aufzunehmen. Ursprünglich lautete die Idee, „ein paar der vergessenen Juwelen aus Lous Backkatalog“ zu überarbeiten, wie Lars Ulrich im englischen MOJO-Magazin berichtet. „Songs, bei denen Lou das Gefühl hatte, daß man sie durchaus noch mal überarbeiten kann, und wir sollten damit im Grunde genommen einfach unser Ding machen, ihnen unseren klanglichen Stempel aufdrücken“, so de Schlagzeuger. Doch dann hatte Lou die Idee, ein ganzes und neues Album entstehen zu lassen.
Diese plötzlich neu entstandene Idee bestand darin, Songs gemeinsam einzuspielen, die Lou Reed für den gefeierten Theaterregisseur Robert Wilson und dessen „Lulu“-Inszenierung am Berliner Ensemble geschrieben hatte; das Stück hatte im April 2011 am von Bertolt Brecht gegründeten Theater „Am Schiffbauerdamm“ Premiere gefeiert. Lou Reed fand die Inspiration bei Frank Wedekinds Tragödien „Erdgeist“ (1895) und „Die Büchse der Pandora“ (1904), die zusammengenommen den „Lulu“-Stoff darstellen. Ebenso war auch Edgar Allan Poes „Der Rabe“ beziehungsweise Lou Reeds eigene Neufassung davon inspirierend und beeinflussend.
„Wir wollten unbedingt mit Lou arbeiten“, berichtet James Hetfield über das „Lulu“-Projekt. „Nur hatte ich all diese großen Fragen im Kopf: Wie würde das wohl ablaufen mit ihm? Was genau sollte da passieren? Insofern war es großartig, als er uns die Songtexte für das ’Lulu’-Projekt schickte: Damit hatten wir etwas in der Hand, in das man sich richtig schön reinknien konnte. Und ich konnte als Sänger und Texter mal den Ball flach halten und mich einzig und allein auf die Musik, die Melodien konzentrieren. Die Texte von ihm waren wahnsinnig gehaltvoll, und die Musik dazu mußte also diese Stimmung untermalen. Lars und ich saßen schließlich einfach nur mit einer Akustikgitarre da und füllten das leere Blatt, immer so wie es der jeweilige Song von uns verlangte. Ein echtes Geschenk war das, dieses Angebot, den Sachen unseren Metallica-Stempel aufdrücken zu dürfen. Und das haben wir dann auch getan.“
Text: Prof. Dr. Christof Graf
Pic: Anton Corbijn
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