„Can’t Slow Down“, das scheint nicht nur die Erkenntnis eines wieder in die Formel 1 zurückgekehrten Michael Schumachers zu sein, nein, auch die Mannen um Mick Jones, seines Zeichens einzig verbliebenes Originalmitglied der mega-erfolgreichen Brit-Amis Foreigner, wählte genau dieses Titelmotto für seinen längst versprochenen, aktuellen Silberling. Zu verlieren haben beide eigentlich alles oder nichts, denn niemand wird jemals den nachhaltigen Erfolg von Foreigner-Klassikern wie „Jukebox Hero“ oder „I Want To Know What Love Is“ und vielen mehr in Frage stellen.
Genauso wenig wie man Schumachers siebenfach erreichte Weltmeistertitel einfach unter den Teppich kehren könnte. Andererseits möchten die beiden genannten Aspiranten den heutigen Genrehelden noch einmal zeigen, wo der Hammer hängt. Ein zu großes Risiko? Nein. Denn: Wenn’s schief geht, sind da noch immer die Lorbeeren aus der Vergangenheit, ein Polster (bei Foreigner satte siebzig Millionen verkaufter Tonträger), auf dem es sich genüßlich ruhen läßt. Insofern verbindet die beiden unterschiedlichen Charakter offensichtlich mehr als man denkt.
Eine komische Einleitung zum neuen Foreigner-Album, wird sich hier so mancher Leser nun denken, doch die aktuellen sportlichen Ereignisse wie auch das neue Album der legendären Rocker veranlaßten den Schreiber dieser Zeilen dazu, einmal darüber nachzudenken, was gestandene Männer so zu neuen Taten antreibt. Außerdem sind die Parallelen unverkennbar, denn genauso wie Schumacher (wenn auch aus ganz anderen Beweggründen) sondierte sich auch Mick Jones spätestens nach dem letzten Endes krankheitsbedingten, zweiten Abgang seines ehemaligen Frontmannes Lou Gramm neu. Das sich dabei die Herren Gramm und Jones längst auch menschlich nicht mehr grün waren, lag nach dem letzten, nur mäßig anerkannten Studioalbum „Mr. Moonlight“ auf der Hand; dieses trug aber zugegebenermaßen auch ziemlich schwer an der seinerzeit angesagten Grunge-Ära. Was lag also näher, als sich erst mal eine Zeitlang aufs Altenteil zu verziehen, um mal in aller Ruhe darüber nachzugrübeln, was man im Leben eigentlich wirklich will? Wie die Geschichte in beiden Fällen ausging, wissen wir inzwischen; es brauchte nur wenig, um die immer noch gut im Saft stehenden Recken hinter dem Ofen vorzulocken. Mick Jones ließ sich Ende 2004 vom Enthusiasmus des Led Zeppelin-Drummer-Sohnemanns Jason Bonham anstecken, der es als alter Foreigner-Fan einfach unerträglich fand, wie sang- und klanglos seine Lieblingskombo in der Versenkung verschwand. Mit ihm suchte sich Jones eine völlig neue Crew zusammen, die aus dem Dokken-Bassisten Jeff Pilson, Gitarrist und Saxofonist Tom Gimbel und künftig wechselnden Keyboardern bestand. Jetzt mußte nur noch der richtige Sänger her. Laut eigener Aussage horchte sich Mick Bewerber aus England, Australien und natürlich den USA an. Diesmal mußte es wirklich passen, denn aus den mit Interimssänger Johnny Edwards (Ex-King Kobra, Ex-Wild Horses) gemachten Erfahrungen - der stattliche Beau trällerte 1991 nur die Scheibe „Unusual Heat“ ein, die als erstes Foreigner-Album in den Billboard Charts nur auf Platz 117 einstieg, was für die vom Erfolg verwöhnten Ausländer einer mittleren Katastrophe gleich kam – hatte man sehr wohl seine Lehre gezogen. Bis zum heutigen Tag wird auch live keiner der Songs dieser Platte gespielt. Es wurde zwar nie laut ausgesprochen, doch Jones könnte damals eingesehen haben, daß Hits wie „Dirty White Boy“ oder „Waiting For A Girl Like You“ nur mit der Stimme Lou Gramms funktionieren und so holte er den abtrünnigen Lockenkopf anno 1994 erneut für die Aufnahmen zu „Mr. Moonlight“ an Bord.
Anders schien wohl der für die Fans so wichtige Wiedererkennungsfaktor nicht gegeben, was auch bei der Auswahl des künftigen Frontmannes eine wesentliche Rolle spielen sollte. Als dann Ende 2004 die Nachricht die Runde machte, daß Foreigner auf der Suche nach einen neuem Sänger wären, wollte es augenscheinlich der jetzige Sänger Kelly Hansen noch einmal wissen. Kelly machte in der Vergangenheit vor allem mit Klampfer Robert Sarzo und Basser Tony Cavazo (den Brüdern von Rudy Sarzo und Carlos Cavazo, die beide bei Quiet Riot spielten) 1984 gegründeten Hurricane überwiegend in den Staaten von sich reden; jene lösten sich ob geschäftlicher Querelen nach drei Alben 1991 auf. Danach werkelte Kelly als Gast- und Session-Sänger bei Bandprojekten wie Slash’s Snakepit, Fergie Fredriksen, Don Dokken oder den Bourgeois Pigs, bis er 1998 den zur Weiblichkeit konvertierten Mark Free bei Unruly Child ersetzte und 1999 bei der genialen Melodic Rock-Scheibe „Waiting For The Sun“ mitwirkte. Im gleichen Jahr tat er sich auch mit dem Gitarristen Stuart Smith für dessen Output „Heaven & Earth“ zusammen. 2001 ließen sich die reaktivierten Hurricane-Kumpels zu einer letzten Studioscheibe namens „Liquifury“ hinreißen; doch die Zusammenarbeit währte nur kurz. Auch das Teamwork mit dem amerikanischen Gitarrenhelden Tim Donuhue zu dessen anno 2000 erschienenem Rundling „Into The Light“ sowie das 2003 mit Klampfer Fabrizio V. Zee Grossi veröffentlichte Bandprojekt „Perfect World“ sollen hier zwar nicht unerwähnt bleiben, sind aber im Endeffekt zu vernachlässigen, da sie nur ein kleines Klientel ansprachen. Kein Wunder also, daß Kelly seine Chance ergriff, als ein Nachfolger für Gramm bei Foreigner gesucht wurde, der Rest ist Geschichte: Die stimmliche Ähnlichkeit und Bandbreite sowie das Stageacting überzeugten den Bandleader Jones, der mit seiner Wahl nach wie vor so glücklich ist, daß er sich beim von Stiefsohn Mark Ronson (DJ und Produzent u. a. für Amy Winehouse und Robbie Williams) produzierten, am 26.02.10 erscheinenden Studioknaller „Can’t Slow Down“ von Kelly beim Songwriting gern unter die Arme greifen ließ.
Der ließ sich auch bestimmt nicht zwei Mal bitten und gibt deshalb heute beim Interview rund um alle Belange der Ausländer bereitwillig Auskunft und stellt sich selbst kritischen Fragen. Los geht’s!
Wie kommt denn „Can’t Slow Down“ bei den Schreibern der Zunft so an?
„Also bislang hat sich noch keiner beschwert!“, grinst er augenzwinkernd in die Muschel. „Eigentlich sind alle voll des Lobes; einige meinten sogar, diese Scheibe hätte eigentlich gleich nach ’4’ kommen sollen. Es fällt den Leuten recht schwer, einen Favoriten für sich herauszupicken, weil alle Songs auf der CD klasse ausgefallen sind. Für mich der beste Beweis, daß wir alles richtig gemacht haben, auch wenn es eine Weile gedauert hat. Es steckt schon ein Haufen Arbeit dahinter, viele Tracks wurden mehrfach umgemodelt, was die Arrangements betrifft.“
Das erklärt aber nur teilweise die lange Wartezeit; schließlich stieß Kelly schon 2005 zur Band, die seitdem regelmäßig live auch hiesige Breiten beackert. Habt ihr erst im Laufe der Zeit herausgefunden, wie ihr am besten miteinander arbeiten könnt?
„Das ist definitiv nicht der Grund, warum es so lange dauerte. Als wir uns damals 2005 zusammentaten, ging es zunächst erst einmal darum, die Band wieder live zu etablieren und den Leuten zu zeigen, daß Foreigner auch in dieser neuen Besetzung zu überzeugen weiß. Wir düsten überall hin, neben Amerika und Europa spielten wir auch in Südafrika, Australien und China. Wir tourten praktisch rund um den Erdball und das braucht seine Zeit. Nachdem die Leute begriffen hatten, daß wir nach wie vor live was taugen, stapelten sich die Anfragen gerade nur so. Wir kamen kaum hinterher und konnten uns demnach auch nicht den Luxus erlauben, eine Pause von sechs Monaten einzulegen, um schnell ein neues Album aufzunehmen. Deswegen entschieden wir uns zunächst fürs Touren, nahmen parallel eine DVD auf, mischten dann die klassischen Foreigner-Tracks neu [zu hören auf „No End In Sight – The Very Best Of Foreigner“ (2008); Anm. d. Verf.] um dann eine neue CD in Angriff zunehmen. Das war schon unheimlich anstrengend. Speziell das Jahr 2009 hat uns physisch wie auch emotional wirklich alles abverlangt.“
Was man auch dem Gig in München im Juni ’09 anmerkte, wo Kelly gesundheitlich alles andere als auf der Höhe war.
„Oh Mann, ich war da so krank, daß ich zum Schluß hin echt dachte, die müssen mich auf der Bahre von der Bühne ’runtertragen, so fertig war ich. Ich hatte mir da einen bösen Virus eingefangen; die Show in Bremen mußte deswegen leider abgesagt werden. Zweieinhalb Tage zog ich alle Register, um wieder auf die Füße zu kommen. Ich ging zum Doktor, trank heißen Tee, nahm Erkältungsbäder und schlief wie ein Weltmeister.“
Da hat ja eigentlich nur noch Omas Hühnersuppe gefehlt…
„Die hat mir natürlich keiner gekocht. Aber auch so mußte ich unbedingt wieder auf die Beine kommen, weil wir doch kurz darauf für die DVD filmten.“
Text: Petra Rottmann

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