Pünktlich zur WM, nämlich alle vier Jahre, erscheint ein neues Studio-Album von Blind Guardian, und diesmal wird ganz Mittelerde vor Freude beben! „A Night At The Opera“ und „A Twist In The Myth“, die letzten beiden Hobbit-Streiche, waren sicherlich nicht schlecht, aber da hielt sich meine Euphorie deutlich in Grenzen, während mich „At The Edge Of Time“ völlig wegbläst. Würden unsere Fußballer in Südafrika nur annähernd das Niveau der Jungs aus Krefeld erreichen, dann wären wir sicher Weltmeister… aber wer sich mit Bushido-Songs auf wichtige Spiele vorbereitet, dem ist anscheinend nicht mehr zu helfen! Bei den Franzosen soll übrigens Bonfires Interpretation der deutschen Nationalhymne der Schlachtgesang in der Kabine gewesen sein… munkelt man nach deren Leistung zumindest!
„At The Edge Of Time“ ist ein absoluter Meilenstein und definitiv das beste reinrassige Metal-Album einer deutschen Band seit gefühlten drei Ewigkeiten. Die alten Fans werden Freudentränen vergießen, denn das wäre genau das Album gewesen, was sie nach „Nightfall In Middle-Earth“ erwartet hätten. Bombastisch, vielschichtig, facettenreich, und alle Songs überzeugen und sind auf den Punkt gebracht… aber lassen wir lieber mal Sänger Hansi Kürsch zu Wort kommen!
„Zum einen finde ich auch, daß wir natürlich klingen, sehr songorientiert diesmal, obwohl wir nichts anderes gemacht haben als auf den letzten beiden Platten. Aber wir haben auch die Entwicklung von ’A Twist In The Myth’ und ’A Night At The Opera’ mittlerweile ein bißchen verarbeitet, und die Sachen, die mißverstanden oder gar schief gelaufen sind, haben wir versucht, so gut es geht auszumerzen. Wir hatten auch nicht soviel Zeit, uns Gedanken zu machen, in welche Richtung wir überhaupt tendenziell gehen wollten, weil wir durch das Computerspiel ’Sacred’ sofort nach der Tour mit dem Songwriting anfangen mußten, da wir eine Deadline hatten. Das bedeutet, daß wir keine Pause hatten und dementsprechend gab es auch keine Diskussionen. ’Sacred’ und ’War Of The Thrones’ haben wir dann relativ schnell komponiert, was beides einfach sehr leicht von der Hand ging. Wir führen das teilweise darauf zurück, daß wir die Intensität und die Energie der Live-Shows, wo man spontan reagieren muß, noch in uns hatten. Die Songs sind zu diesem Zeitpunkt ganz gut gewesen, wobei ’Sacred’ noch nicht spektakulär war. Nachdem die Stücke für das Computerspiel fertig gestellt waren, sind wir ans richtige Songwriting gegangen. Da haben wir uns auch mit ’Sacred’, das dann zu ’Sacred Worlds’ mutierte, beschäftigt… das waren dann teilweise Prozesse, die tatsächlich über zweieinhalb Jahre bis zum Ende der Produktion dauerten. Man kann sagen, jeder Song ist erst auskomponiert, dann ausarrangiert und ausproduziert worden. Wir sind auch erstmals in der Phase dazu übergegangen, zwischenzeitlich kleine Breaks einzulegen, in denen wir uns die Songs betrachten und wieder Energie tanken konnten. Dann entstehen eben auch in einer späten Songwritingphase so Sachen wie ’A Voice In The Dark’.“
Ich selbst habe „At The Edge Of Time“ zwar schon mehrmals in meinem CD-Spieler rotieren lassen und so ganz sicher bin ich mir noch nicht… aber das könnte bis dato wirklich eure beste Scheibe sein!
„Ich würde“, meint Hansi via Skype aus London zufrieden, „dir da nicht widersprechen. Ich bin momentan noch ein bißchen hin und her gerissen, ob ich ’Nightfall’ wegen des Konzepts noch eine Idee besser finde oder ’At The Edge Of Time’ doch stärker ist. Musikalisch liegt sie zwischen ’Imaginations’ und ’Nightfall’ meines Erachtens. Trotzdem wird ’A Twist In The Myth’ und ’A Night At The Opera’ nicht verleugnet; da sind überall immer wieder Vibrations dabei, die auf diese beiden Alben bezogen sind.“
So kann man es auch betrachten… und jetzt bin ich mal etwas gehässig, denn ich behaupte mal ganz frech, daß der neue Steich den Titel „A Night At The Opera“ eher verdient hätte! Da muß selbst Hansi erstmal herzhaft lachen. „’A Night At The Opera’ hat sich damals eher auf die Vielschichtigkeit bezogen, vor allem aber auch durch die immer wiederkehrenden Vergleiche nach ’Nightfall’ zu Queen. Es war auch nicht so aufs Songwriting bezogen, sieht man mal von ’And Then There Was Silence’ ab. Jetzt haben wir mit ’Curse My Name’, der Pianoversion von ’War Of The Thrones’ und ’Sacred Worlds’ eine stärkere Orchestrierung, so daß der Titel eher passen würde. Aber ich finde ’At The Edge Of Time’ besser… das gibt nicht soviel Angriffsfläche!“
Das stimmt allerdings! Ich erinnere mich noch gut an meinen Studiobesuch vor acht Jahren, als ich bedingt durch den großspurigen Albumtitel quasi ein Jahrhundertwerk erwartet habe und dementsprechend etwas enttäuscht war, sehr zum Entsetzen der Jungs, die das nicht ganz nachvollziehen konnten. Aber dafür stehe ich jetzt voll und ganz hinter jedem Song des Albums. Man nehme nur mal „Sacred Worlds“, der richtigen Soundtrackcharakter hat oder die sensationelle Ballade „Curse My Name“, die quasi genau für Mittelerde geschrieben wurde…
“Bei ’Sacred Worlds’“, unterbricht Hansi meine Schwärmereinen, „waren wir selbst überrascht, nicht nur wie er gewachsen ist, sondern wie er sich durch die orchestralen Parts beim Intro und Outro in einen Soundtrack verwandelt hat. Das war ja ursprünglich für das Computerspiel gedacht, aber nicht mit diesem Bombast und dieser epischen Größe, die es zum Schluß hatte. Repräsentativ für das Album wäre auch noch ’Curse My Name’, das so einen Irish Riverdance-Charakter hat und so ein bißchen nach Mike Oldfield zu ’Moonlight Shadow’-Zeiten klingt. Das war ursprünglich eine sehr mittelalterliche Nummer, die sehr nach Milton und 15. Jahrhundert klang, aber dann doch ganz anders ausgefallen ist. Ich muß auch sagen, dieses Mal kam eins zum anderen. Die Sachen waren von vornherein gut, aber jeder hatte eine noch etwas andere Vision und konnte sie einbringen. Wir haben viel Glück gehabt, aber auch wie immer hart gearbeitet.“
Das unschöne Wörtchen „überproduziert“ fällt bei Blind Guardian-Storys schon einmal, aber diesmal paßt alles! Allerdings verbrachte Hansi und seine Mannschaft wieder sehr viel Zeit für die komplette Produktion, und da stellt sich die Frage, ob das wirklich notwendig ist.
„Auf jeden Fall!“ beteuert der Gute. „Wenn du dir die ersten dreieinhalb Minuten von ’Sacred Worlds’ anhörst, das komponiert und produziert man nicht in zwei Wochen! Das ist unmöglich! Da sind so viele Leute an verschiedenen Ecken und Enden beschäftigt, die sich wirklich einen Kopf machen, so daß es bei einer Nummer wie dieser schon bis zu einem Jahr dauern kann. Bei uns war es so, daß die Basictracks relativ schnell standen, mit Ausnahme von ’Wheel In Time’ und ’Curse My Name’. Bei einem Album mit lauter ’Tanelorns ’ würden wir eine kürzere Zeit benötigen, aber bei der Vielfalt, seien es die Balladen, die ganzen epischen und progressiven Sachen, die komponierst du nicht mal eben so. Wir sehen das aber ganz locker und glauben auch nicht, daß wir überproduziert haben. Wenn ich die Zeit sehe, die wir für die Produktion und den Mix brauchten, kommt man schätzungsweise auf acht Monate. Nimmt man die Songwritingphase und weitere Produktionen, die da drinstecken, dann sind das noch mehr. Wenn ich mir allein die außenstehenden Sachen betrachte wie Orchester, Geigen, Stepptänzer, Kirchenchöre… da ist man da schon bei zwei Wochen. Man kann auch vieles im Studio machen auf schnell-schnell… aber wir wollten es diesmal gnadenlos durchziehen. Bei ’Myth’ hatten wir am Schluß acht Monate produziert… zumindest 6…und wenn man sieht, wie sich diese beiden Alben unterscheiden, denke ich schon, daß die Zeit gerechtfertigt ist.“
Text: Chris Glaub
Pic: Herr Buchta

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