Little Caesar: Erfrischend anders

Little Caesar waren immer schon anders. Als Ende der 80er Jahre der Boom der Glamrock-Poprock-Bands in Hollywood losging, kamen fünf wild tätowierte Biker-Gesellen aus eben dieser Stadt daher und legten mit „Name Your Poison“ ihre erste EP vor, die fantastische, blues-orientierte Hardrock-Mucke präsentierte und so gar nicht ins Konzept der Musikindustrie und Medienlandschaft paßte. Doch die Band wurde schnell ein Geheimtip und die damaligen Lichtgestalten des Musik-Biz, John Kalodner und Produzent Bob Rock nahmen Little Caesar unter ihre Fittiche. Trotz der folgenden Kultalben „Little Caesar (1990) und „Influence“ (1992) unter der Regie der genannten Herrschaften gelang Little Caesar nicht der ganz große Durchbruch, von einem Charts-Hit mit dem Aretha Franklin-Cover „Chain Of Fools“ mal abgesehen.

Nach satten 18 Jahren erscheint nun ein neues Studioalbum mit elf brandneuen Songs der Kalifornier. Little Caesar-Sänger Ron Young steht in einem sehr erbaulichen Gespräch Rede und Antwort.
 „Wir haben unser neues Album ’Redemption’ - also ’Erlösung’ - genannt, denn auf diesem Album konnten wir endlich machen, was wir wollen“, erklärt Ron. „Es ist eine Erlösung, nicht mehr den Zwängen der Musikindustrie ausgeliefert zu sein. Die Produktion ist rauer, die Musik klingt so, wie wir es wollen und nicht, wie sie vielleicht klingen sollte um das Musikbusiness zu befriedigen.“

Von Frustration ist im Album-Info die Rede. Frustration über Medien- und Geschäftsleute, die eine Band verbiegen wollen. Erklärt das die lange Pause?
Ron Young: „Little Caesar waren schon immer eine Band, die nicht in eine Schublade gesteckt werden wollten. Die Band wurde damals aus Frustration über die Musikszene gegründet. Wir schielten nicht nach einem Plattenvertrag, dicken Autos, Groupies etc. wir wollten nur unsere Musik machen und hofften, damit andere zu inspirieren und Menschen zu erreichen. Während jede Band einen Plattenvertrag wollte, waren wir amüsiert, daß man ausgerechnet uns einen anbot, wo wir doch weder aussahen wie die anderen Hollywood-Bands und auch andere Musik machten. Es war uns schon immer bewußt, daß es etwas besonderes war, mit Leuten wie John Kalodner und Bob Rock zu arbeiten, aber es bedarf auch vieler Kompromisse und dadurch verliert die Musik an Authentizität. Wir hatten klare Vorstellungen, wie unsere erste Platte produziert werden sollte und das konnten wir nicht umsetzen. In unserem Fall wirkten sich diese Kompromisse sehr nachteilig auf die Bandmitglieder aus. Wir fühlten uns irgendwann wie Fische auf dem Trockenen, wir unterschieden uns von den restlichen Bands auf dem Sunset-Strip und die Plattenfirma wollte uns verändern. Wir dachten, es sei klar ersichtlich, wir sahen nicht wie Mädchen aus und wollten das auch nie. Warum waren wir auf einmal die Freaks? Das war frustrierend.“

Es war also eine Entscheidung der Band, sich dem zu entziehen?
„Ja, es war unsere Entscheidung“, erläutert der Hüne mit der Blues-Stimme. „Als zweite Platte wollten wir etwas im Stil der 60er Jahre machen. Purer Rock’n’Roll, à la Bad Company, AC/DC und so. Doch schon während der Aufnahmen mit Bob Rock stellten wir fest, daß nicht Bob Rock an einer Scheibe von Little Caesar arbeitete, sondern Little Caesar eine Bob Rock Platte aufnahmen. Er war damals sehr erfolgreich mit Mötley Crüe, aber wir wollten nicht so sein. Leider hatten nicht die Power, uns den Leuten wie Kalodner oder David Geffen entgegenzustellen. Das frustrierte uns. Das war es dann irgendwann für uns. Es war unsere Band, unser Leben, unsere Musik. Ein Album aufzunehmen, ist wie ein Kind auf die Welt zu bringen. Wir haben unser Kind der Musikindustrie in die Hände gelegt und die hat es getötet. Dies zu sehen ist so frustrierend.“

Doch zwischenzeitlich hat sich in der Musikbranche einiges getan. Plattenfirmen werden im Grunde nicht mehr gebraucht, es gibt YouTube, Facebook, MySpace und Twitter um Musik zu verbreiten.
Ron ist derselben Meinung: „Heute ist alles freier und es gibt mehr Möglichkeiten. Für lange Zeit wurde das Musikbusiness von einer kleiner Gruppe von Leuten kontrolliert, die alles diktiert haben. Was im Radio läuft, was im Laden steht, welche Videos gespielt werden. Wir hatten damals nach einer erfolgreichen Shows in Europa nach einer weiteren Tour gefragt, und es hieß nein. Wir wollten ein Video, es hieß nein. Heute können wir selbst entscheiden. Die hohen Herren in der Musikindustrie haben schmerzlich lernen müssen, daß sie neue Technologien nicht haben kommen sehen, Substanz vermissen ließen und über ihr eigenes Geltungsbedürfnis gestolpert sind. Heute kann jeder, der einen Computer hat, eine Masse an Leuten mit seiner Musik erreichen, was gut ist, auf der anderen Seite werden die Leute überrollt von einem Überangebot an Musik, was es für bestimmte Musik sehr schwierig macht, sich durchzusetzen. Als Hörer muß man heutzutage sehr investigativ sein. Aber es ist gut, daß es öffentliche Netzwerke gibt und die Musik sich viral verbreiten kann. Früher hatten wir quasi ein industriegeführtes Vakuum zur Verbreitung von Musik, heute hat sich das glücklicherweise geändert. Man kann Musik nicht von Anwälten kontrollieren lassen, und das ist genau das, was in der Musikindustrie passiert ist.“

Warum Little Caesar nun nach fast zwei Dekaden wieder ein Studioalbum aufgenommen haben und was er von Comebacks der 80er Bands hält, beantwortet Ron Young so:
„Wir sehen ’Redemption ’ nicht als Comeback. Die Band hatte sich nie wirklich aufgelöst, wir haben uns immer noch getroffen und zusammen Musik gemacht, aber eben nur für uns. Wir haben unsere Leben gelebt, ich z.B. habe Motorräder und Autos gebaut und es hat mich sieben Jahre gekostet, über meine Drogenprobleme hinwegzukommen. Jetzt haben wir ein neues Album aufgenommen, wieder in erster Linie für uns selbst. Du kannst deine alten Songs nur für eine bestimmte Zeit spielen. Es war ein Prozeß, den Moment eines bestimmten Gefühls einzufangen. Und dann hielten wir plötzlich eine neue Platte in den Händen, was sollten wir damit machen? Wir haben keine Ahnung, wir hatten ja nicht einmal damit gerechnet, ein neues Album zu haben. Diese ganzen Comeback-Geschichten sind meistens armseelig. Diese Bands behaupten, sie tun das für die Fans, aber das stimmt nicht. Rock’n’Roll ist Jugend, nicht in den Klamotten oder Schminke von damals einen Narren aus sich machen, in miesen Absteigen spielen, im Van durch die Gegend eiern, seiner Familie so etwas zumuten, und den Rockstar zu geben, um seinen Ruhm von früher nachzuleben. Man kann auch in Würde altern. Ich habe nun kurze Haare und ich lebe immer noch. Es ist ein Unterschied, ob man 22 ist oder 47. Es gibt Bands mit gerade mal zwei Originalmitgliedern, die benutzen den Bandnamen und machen ein Faß auf. So was muß ich mir und anderen nicht antun. Wir machen unsere Musik und wenn sich tatsächlich eine gute Tour auftut oder ein Booker Interesse hat, dann machen wir das gerne. Aber wir kommen auch so ganz gut klar. Man darf das alles nicht zu ernst nehmen.“

Beim neuen Little Caesar-Album spielen alle Originalmitglieder, außer dem Gitarristen Apache, der ja schon Anfang der 90er ausgestiegen ist…
„Tatsächlich hat Apache drei Viertel des neuen Albums eingespielt“, kontert Ron. „Dann ist er wieder ausgestiegen. Zum dritten Mal, um genau zu sein. Er ist immer noch ein guter Freund, komponiert auch immer noch Songs mit uns, hat aber leider einige ungelöste private Probleme, daher kann er sich einfach nicht in dem Maße in die Band involvieren. Apache ist ein klasse Typ, ich liebe ihn und wünsche ihm von Herzen, daß er sein Leben auf die Reihe bekommt.“

Der „Neue“ bei Little Caesar ist Joey Brasler, der ebenfalls schon ewig mit der Band befreundet ist.
„Joey ist in der Tat ein langjähriger Kumpel. Er hat mit wirklich guten Leuten wie Eddy James gespielt und hat einen ähnlichen Stil wie Apache. Wir haben ihn gefragt und er hatte Zeit und Lust mitzumachen. Er paßt einfach dazu.“

Nun wurde 1998 das Album „This Time It’s Different“ vom ehemaligen Gitarristen und Apache-Ersatz Earl Slick veröffentlicht, das u.a. Live-Songs, Demos und anderes unveröffentlichtes Material von Little Caesar beinhaltete. Man munkelt, Earl hätte sich die Rechte am Bandnamen gegrabscht, um das Teil herauszubringen.
„Das ist völliger Quatsch“, erklärt Ron Young, „Earl ist immer noch ein Freund von uns und hat zu keiner Zeit die Rechte abgegriffen. Earl hatte damals ein Label gegründet und uns gefragt, ob wir so was machen wollen. Wir haben ihm dann eine Kollektion unserer unveröffentlichten Sachen und Demos zusammengestellt und er hat sie veröffentlicht. Da sind keinerlei negative Gefühle. Wir machen uns nicht viele Feinde. Wir nehmen das Ganze nicht ernst genug, um uns Feinde zu machen.“

Ron Young selbst hatte übrigens eine kurze Rolle im Film Terminator II. Doch eine Karriere als Schauspieler kam trotz Gelegenheit für den Sänger nicht in Betracht.
„Ich bin kein Schauspieler, ich bin Musiker. Zwar hat alles, auch Malerei, miteinander zu tun, es ist alles Kunst, nur die Ausdrucksweise ist unterschiedlich und hinter allem steckt eine gewisse Portion Wahnsinn. Zu der Rolle in Terminator II kam ich über meine alte Freundin Katherine Bigelow, die damals mit James Cameron verheiratet war. Wir sind öfter zusammengesessen und haben geredet, Musik gehört und so. Eines Tages rief mich James an und sagte, komm zum Set, ich habe die perfekte Szene für dich. Das ist auch schon alles. In Hollywood gibt es tausende Schauspieler oder Leute die sich dafür halten. Es ist alles Illusion in dieser Stadt, es ist bizarr. Schönheit, Erfolg, es ist alles nicht real. Ich hatte nie Ambitionen, Schauspieler zu werden, aber es ist mir klar, daß viele Schauspieler wer weiß was geben würden, einmal eine kurze Rolle in einem Blockbuster zu bekommen. Es war nur ein Gefallen für einen Freund. Zudem war damals die Band am Auseinanderbrechen, ich hatte keinen Kopf für etwas Anderes.“

Dafür engagiert sich Ron für Tiere, was ihn umso sympathischer macht. Er hat nicht nur einen Hof mit Pferden, Hunden, Schweinen und Eseln, er arbeitet zudem ehrenamtlich in einer Auffangstation für Wildtiere, die verletzte und angefahrene Tiere einsammeln, aufpäppeln und wieder in die Freiheit entlassen.
„Das heißt für mich, Verantwortung zu übernehmen und etwas Sinnvolles zu tun. Ich bin ohnehin lieber mit Tieren zusammen als mit Menschen. Tiere lügen dir nicht ins Gesicht und kommen mit sich selber klar.“

Nach dem Masterplan von Little Caesar für 2010 und die kommenden Jahre befragt, lacht Ron: „Der Masterplan ist, keinen Masterplan zu haben. Du kannst die tollsten Pläne machen und am Ende war es doch für die Katz’. Das haben wir bereits vor langer Zeit gelernt. Wir tun einfach das Beste für unser Album und versuchen, mit unserer Musik die Menschen zu erreichen. Wenn die Leute uns hören wollen, freuen wir uns und alles Weitere wird sich finden. Sollte es nicht hinhauen, dann eben nicht. Man kann es sowieso nicht wirklich steuern.“

Little Caesar haben Bodenhaftung. Immer schon gehabt. Wie erfrischend anders.

Text: Birgit Bräckle

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