Evanescence: Die Sängerin und das Meer



Nur wenige Wochen nach Erscheinen des selbstbetitelten Meisterwerks begibt sich Amy Lee mit ihrer Band Evanescence auf Tournee durch Deutschland. Ich treffe die charismatische Sängerin und den Gitarristen Terry Balsamo direkt vor ihrem Konzert in Offenbach am Main.

Das Album „Evanescence“ unterscheidet sich ja nun doch sehr von dem Vorgänger „The  Open Door“. Es scheint, als sei die Band zu ihren Wurzeln zurückgekehrt.
„Das Wichtigste ist mir, daß dies definitiv ein Evanescence-Album ist. Sonst würden wir es auch nicht so nennen. Es ist von Bedeutung, daß dahinter eine echte Band steht. Wir haben viel herumexperimentiert und das Ergebnis ist das Produkt einer ganzen Band. Diese Einheit ist auf dem Album auch jeder Zeit zu spüren. Die Energie von jedem einzelnen Mitglied der Gruppe sollte direkt rüberkommen.“

Dennoch hat dieser Prozeß gute vier Jahre in Anspruch genommen. So manchen Gruppen bricht eine derart lange Abwesenheit das Genick. Doch darüber macht sich jemand wie Amy Lee wenig Sorgen.
„Zuerst lag mein Fokus nach der letzten Veröffentlichung gar nicht unbedingt auf einem weiteren Evanescence-Album. Es gab zwischenzeitlich einfach auch noch andere realistische Dinge in meinem Leben: Ich habe geheiratet und ich habe das Harfenspiel erlernt. Es war mir wichtig, nach meinem eigenen Zeitplan vorzugehen. Doch dann habe ich irgendwann wieder mit dem Schreiben neuer Songs begonnen. Manchmal alleine und manchmal mit den Jungs von der Band. Das Ziel war natürlich diese aktuelle Scheibe. Die eigentlichen Aufnahmen dafür dauerten insgesamt zwei Jahre.“

Ein wichtiges Thema für die Sängerin sind stets auch ihre Texte.  Diese brachten die Band in der Vergangenheit oft in die Nähe der Gothic-Szene. Davon will sich die Sängerin aber definitiv distanzieren.
„Auf diesem Album spielt das Meer eine große Rolle. Ich wurde viel davon inspiriert. Dorthin gehe ich oft und setze mich, um Ruhe zu finden während der Arbeit an der Musik. Ich denke dabei dann an die Kraft des Meeres und an die Unendlichkeit der Welt. Das hilft mir sehr. Aber ganz generell haben auch andere Themen Einzug gehalten. Beziehungen, Liebe, Lust oder einfacher gesagt: Die wichtigsten Erfahrungen in meinem Leben spiegeln sich in den Texten wieder. ’Oceans’ ist ein Lied, das nicht wirklich vom Meer handelt. Es ist eine Metapher. Denn es geht um das Meer in meinem Kopf. Da sind Dinge, die vorüberziehen und die ich loslassen will. ’Swimming Home’ ist ganz anders. Es geht um das Hinübergleiten in ein nächstes Leben. Doch statt einer Art Retrospektive spreche ich da mehr von einer friedlichen Akzeptanz dessen, was eben passiert.“

Da sich Evanescence ja momentan auf Tournee befinden frage ich Amy nach der Bedeutung von Live-Auftritten. Zuerst klinkt sich ihr Gitarrist Terry mit ein: „Die Shows auf der Bühne und die Arbeit im Studio sind für uns ganz unterschiedliche Dinge. Im Studio ist da eine sehr kreative Atmosphäre. Es gibt gute und auch schlechte Tage. Das Studio ist eher richtige Arbeit. Du willst kreativ sein aber du mußt auch kreativ sein. Die Bühne dagegen hat mehr vom echten Leben. Denn da ist das Publikum, das auf uns reagiert. Und für uns ist diese Reaktion extrem wichtig. Unsere Shows sind wild und manchmal verrückt“.

Das scheint ein Stichwort für Amy zu sein. „Je verrückter unsere Shows sind, desto besser ist das für das Publikum und umgekehrt auch für uns. Da geschehen Dinge, die beide Seiten beeinflussen. Ja, die Bühne ist sehr wichtig für uns. Natürlich macht uns das auch viel Spaß. Auch hier fließt Kreativität mit ein. Doch es gibt da immer wieder einen Punkt, an welchem wir das alles nur loslassen und das Geschehen auf der Bühne einfach nur genießen“.

Wie sind die bisherigen Eindrücke auf der Tournee?
„Wir sind gerade erst an diesem Nachmittag in Deutschland angekommen. Zuvor haben wir viel in England gespielt. Die Shows in Leeds und auch die beiden Auftritte in London waren fantastisch. Und nun wird uns diese Tournee noch um die ganze Welt führen. Wir sind sehr gespannt darauf“.
Text: Micha Weber

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