Amorphis

(K)eine Zeitumstellung in Finnland

Mittlerweile sind seit dem ersten persönlichen Gespräch mit dem Amorphis-Gitarristen Esa Holopainen in den neunziger Jahren etliche Monate ins Land gezogen. Damals saßen wir noch in einem eher ungemütlichen Ambiente in einem kahlen Backstageraum mehr oder weniger auf dem blanken Betonboden. Im Vorfeld zur Veröffentlichung des aktuellen Werkes „Queen Of Time“ sitzen Esa und Sänger Tomi Joutsen, der auch schon seit 2005 zur Band gehört, in einem gemütlich eingerichteten Raum auf einer ebenso angenehmen Sitzgelegenheit. Wie sich die Zeiten (zum Glück) doch ändern.

Der aktuelle Albumtitel „Queen Of Time“ steht symbolisch für das Leben an sich und die Kleinigkeiten, die doch unheimlich wichtig sein können im Leben. Warum haben die Finnen eigentlich der Zeit der „Queen“ und nicht dem „King“ zugeordnet? Hier hätten die Musiker ja auch der „Gender“-Bewegung entgegenkommen können.

Tomi erläutert zuerst den Albumtitel.
„So wie eigentlich alle Texte ist dieser Titel von unserem Songschreiber Pekka Kainulainen. Es ist bei einer neuen Scheibe grundsätzlich immer unheimlich schwer, einen passenden Titel zu finden. Das war dieses Mal nicht anders. Es handelt sich hier um kein Konzeptalbum mit einer zusammenhängenden Geschichte. Vielmehr sind es einzelne, für sich stehende kurze Geschichten. Der Albumtitel sollte am besten etwas einfacher gehalten und dadurch leicht zu merken sein. Außerdem spiegelt ‘Queen Of Time’ irgendwie die Geschichte des Openers ‘The Bee’ wider. Der Song handelt von den Bienen beziehungsweise dem Bienensterben und der Beziehung des Menschen zu diesen kleinen, eher unscheinbaren, aber immens wichtigen Tieren.“

Die Finnen waren in den letzten Monaten einer gewissen Veränderung unterworfen, sowohl personell als auch musikalisch, wie Esa erläutert.
„Letztes Jahr entschloss sich unser Bassist Niclas Etelävuori dazu, uns zu verlassen. Seitdem ist unser früherer Bassist Olli-Pekka Laine aus unserer Originalbesetzung wieder mit an Bord. Er kam nach siebzehn Jahren Abwesenheit zu uns zurück, ein großartiges Comeback, das uns allen viel Spaß bereitet. Es ist schön, wieder mit ihm zusammenzuarbeiten. Er ist ja seit unseren letzten Festival Shows mit dabei, also nicht mehr ganz so frisch in der Truppe. So konnten wir für ‘Queen Of Time’ bereits mit ihm an neuen Songs arbeiten. Seine Art und Weise Bass zu spielen passt sehr gut zu Amorphis. Olli bringt frische musikalische Ideen mit ins Songwriting ein, zusätzlich zu den neuen orchestralen Elementen wie echten Flöten, Saxophon und Chören.“

Waren Esa und Olli denn in der Vergangenheit stets in Verbindung und darüber informiert, was Amorphis veröffentlichten? Esa klärt auf.
„Ja, er hat uns die ganze Zeit beobachtet, gestalkt sozusagen, ist uns gefolgt, wie man das heute so sagt … [lautes Gelächter]. Wir waren immer Freunde und trafen uns ab und zu. Olli arbeitete selbst an einigen eigenen musikalischen Projekten. Sein Hauptfokus lag allerdings auf seinem ganz normalen Job, den er hatte und von dem er lebte. Jetzt ist er erneut in den Amorphis-Zirkel eingestiegen, was für ihn eine grundlegende große Veränderung in seinem Privatleben bedeutet. Er hat also das Opfer gebracht, jetzt wieder seine gesamte Energie in die Arbeit mit der Band zu investieren und seine persönlichen Umstände entsprechend anzupassen. Glücklicherweise war er dazu bereit und wollte das selbst so.“

Auf die Frage nach einem eventuellen Kontakt zum früheren Sänger Pasi gibt es ein klares und bestimmtes „No“ von Esa, und damit ist diese Frage eindeutig beantwortet.

Wie muss man sich das Songwriting bei Amorphis mit Pekka, der ja nicht zur Band an sich gehört, vorstellen? Wer ruft da wen an, Songwriter Pekka bei der Band oder Amorphis bei Pekka? Tomi, der für die Übersetzung und Umsetzung der Songtexte verantwortlich zeichnet verrät seine Strategie.
„Ich rufe Pekka an und sage ihm … we have a mission …“

Wenn das so einfach ist …
„Nein, im Ernst, ich rufe Pekka an und sage ihm, dass die Band gerne ein neues Album einspielen möchte und ob er Lust und Zeit hätte, wieder ein Teil davon zu sein. Ich weiß nicht, ob er ständig über unterschiedlichste Themen und Ideen nachdenkt. Pekka ist ein Zeichner und Künstler. Ob oder wie viele Texte er vielleicht schon im Vorfeld schreibt, obwohl wir noch gar kein neues Album planen und ich ihn noch nicht angerufen haben, das wissen wir auch nicht. Ich sage Pekka nur, dass wir gerne wieder einige Texte von ihm verwenden würden, und dann legt er los und liefert uns sehr schnell seine ersten Ideen. Das war bei ‘Queen Of Time’ ebenso. Er hat gar nicht lange darüber nachgedacht und gleich zugesagt. So wie bei ‘Under The Red Cloud’ haben wir ihm auch dieses Mal keinerlei thematischen Vorgaben gemacht. Er hatte absolut freie Hand, aber was auch immer Pekka verfasst, wir können uns zu hundert Prozent auf seine Texte verlassen. Er hat wieder großartige Texte erschaffen, wie wir finden.“

Esa hat ja bereits die eher neuen und bislang zumindest nicht in diesem Ausmaß von Amorphis verwendeten orchestralen Elemente erwähnt. Sehen die Musiker das eher als einmaliges Experiment oder als eine oft zitierte natürliche Weiterentwicklung?
„Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie das auf einem künftigen Album weitergehen wird. Keine Ahnung, ob das nun nur so ein kurzes einmaliges Experiment ist oder ob sich das auch auf Dauer etablieren könnte. Allerdings verwenden wir schon länger Keyboardsounds, die Flöten und Streicher ersetzen, aber eben nur aus dem Keyboard. Diese Elemente nun auf diese Art und Weise einzuspielen und zu produzieren, war schon aufregend. Das klingt alles massiver und intensiver. Wer weiß, was kommt, aber eins kann ich definitiv versprechen, Amorphis werden sich definitiv nicht zu einer Opera Metal-Band verwandeln.“

Tomi ergänzt hierzu:
„Ich persönlich sehe es eher als eine Art Experiment oder zusätzliche Zutat für unsere Musik, aber wie Esa schon sagte, du weißt nicht, was die Zukunft bringen wird.“

Bleibt abzuwarten, was die Fans dazu sagen werden. „Daughter Of Hate“ enthält gesprochene Worte des Hauptsongwriters Pekka Kainulainen, die er in seiner finnischen Muttersprache vorträgt. Tomi führt dazu aus:
„Die Textzeilen, die Pekka vorträgt, sind überragend. Seine Stimmlage passt perfekt zu der Thematik des Textes. Ich finde, Pekka hat eine hervorragende Erzählstimme, wie ein richtiger Märchenerzähler. Das erinnert mich sogar so ein kleines bisschen an Manowar und ‘Defender’. Ich höre mir speziell diese Passage sehr gerne und oft an. Getreu dem Motto: ‘Pekka, please tell me a story …’.“

Pekka und Orson Welles, ein cooler Vergleich. Für den weiblichen Beitrag zum Song „Amongst Stars“ haben die Finnen erneut das ehemalige The Gathering-Goldkehlchen Anneke van Giersbergen engagiert, wie Esa erläutert.
„Wir haben bereits in der Vergangenheit bei einigen Projekten und Gastvocals mit ihr zusammengearbeitet. Ich bin mit Anneke schon diverse Male auf der Bühne gestanden und habe in Finnland einige Shows mit ihr gespielt. Immer, wenn wir eine weibliche Stimme benötigen, fragen wir Anneke. Unser Produzent war von der Idee, mit ihr zu arbeiten, ebenso sehr angetan.“

Da Anneke ihren Gesang in ihrer Heimat Holland aufnahm, musste sie nicht extra nach Finnland beziehungsweise Schweden reisen.

Amorphis legen trotz vieler Veränderungen dennoch viel Wert auf gewisse Konstanten, so etwa was die Auswahl des Produzenten angeht, wie Esa ausführt.
„Wir wollten wieder mit unserem Produzenten Jens Bogren zusammenarbeiten. Zum Glück hatte er auch diesmal Zeit, er ist nämlich sehr vielbeschäftigt. So waren wir in dieser Hinsicht auf jeden Fall auf der sicheren Seite. Jens hat wieder einen verdammt guten Job abgeliefert.

Mit „The Bee“ erscheint ein erstes Lyric-Video, wie Esa erzählt.
„Der Song handelt tatsächlich von den Bienen.“

Und Tomi ergänzt:
„Das ist sinnbildlich, denn so klein die Tiere auch sind, so wichtig sind sie für das große Ganze. Für die Menschen könnten oftmals die kleinsten Dinge die Wichtigsten sein. Wenn die Bienen von der Erde verschwinden, wird es für die Menschheit ziemlich eng. Pekka verarbeitet globale Themen und seine Sorgen in seinen Texten, allerdings ohne dass es politisch wird. Vielleicht handelt ein Song auf dem nächsten Album ja dann von ‘The Pee’.

Was dann allerdings ebenfalls ein sehr ernstzunehmendes Thema wäre. Den Sinn für Humor haben die Finnen jedenfalls nicht verloren.
Text: Thomas Klaner
Pic: Ville Juurikkala

 

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